Knorpelregister: "Wir generieren völlig unabhängige Daten"

Interview mit Prof. Philipp Niemeyer, AG Klinische Geweberegeneration der Deutschen Gesellschaft für Orthopädie und Unfallchirurgie

Nutzt dem Patienten die Behandlung oder nicht? Wie viele Patienten werden aufgrund eines Knorpelschadens am Kniegelenk behandelt? Welcher Eingriff wird am häufigsten durchgeführt?

23.03.2015

Foto: Prof. Philipp Niemeyer

Prof. Philipp Niemeyer; © Universitätsklinikum Freiburg

Diese und andere Fragen sollen zukünftig mithilfe eines neuen Knorpelregisters beantwortet werden können, das die Deutsche Gesellschaft für Orthopädie und Unfallchirurgie im Oktober 2013 ins Leben gerufen hat. MEDICA.de sprach mit Prof. Philipp Niemeyer, Mitinitiator des KnorpelRegisters DGOU.

Das Knorpelregister ist fast anderthalb Jahre alt. Es steckt also immer noch in den Kinderschuhen. Wieso ist es in dieser Form das erste seiner Art?

Philipp Niemeyer: Man kann sagen, die Registerforschung gewinnt erst jetzt zunehmend an Bedeutung in Deutschland. In den skandinavischen Ländern ist das anders. Denkt man zum Beispiel an die Endoprothetik oder den Bereich der Kreuzbandverletzungen, haben die Ärzte und Forscher dort mit solchen Registern schon mehrjährige Erfahrung. Weltweit betrachtet sind wir jedoch im Bereich eines Knorpelregisters führend! Es ist die erste Initiative, die sich in dieser Art den Forderungen der Versorgungs- und Evidenzforschung stellt. Unterstützt werden wir dabei von der Deutschen Arthrose-Hilfe e.V. und der Stiftung Oskar-Helene-Heim, die das Projekt neutral finanzieren. Unser Projekt ist gänzlich industrieunabhängig, da es aus der AG Klinische Geweberegeneration der Deutschen Gesellschaft für Orthopädie und Unfallchirurgie heraus etabliert wurde. Wenn man einen Blick in die aktuelle wissenschaftliche Literatur wirft, so ist es häufig so, dass einzelne Operations- und Behandlungstechniken wie Medizinprodukte oder Arzneimittel behandelt werden und somit über ein starkes industrielles Backup beziehungsweise Sponsoring verfügen. Das ist bei uns nicht der Fall. Wir generieren völlig unabhängige Daten.

Wer erhält Einblick in diese Daten?

Niemeyer: Es ist kein öffentliches Register in dem Sinne, dass jede Person sich Einzelfalldokumentationen ansehen kann. Aber es beteiligen sich über 60 Kliniken am Register, die ihre Patientendaten bei uns zusammentragen. Aus dieser Gruppe werden wissenschaftliche Auswertungen für Publikationen erstellt, die dann in die wissenschaftliche Literatur einfließen. Das heißt, im Grundsatz wird über die Ergebnisse des Knorpelregisters weltweit berichtet werden und die Leute können sich auf Basis dieser Publikationen informieren.

Was resultiert aus den Daten?

Niemeyer: Wir hoffen anhand der Daten die Patientensicherheit erhöhen zu können. Wir möchten genauer Auskunft darüber geben können, wie hoch zum Beispiel die Komplikationsraten bestimmter Techniken sind. Wir hoffen auch, die Effektivität von Knorpeloperationen nachweisen zu können. Darüber hinaus möchten wir als Ärzte natürlich wissen, welche Technik bei welchem Patienten die besten Therapieerfolge gebracht hat. Bislang haben wir dafür jedoch noch nicht ausreichend viele Daten. Daher haben wir zunächst eine Publikation veröffentlicht, die die Idee des Knorpelregisters publik machen soll. Sie nennt zum Beispiel aktuelle Versorgungsdaten von Patienten. Natürlich sind wir aber an mittelfristigen Therapieergebnissen interessiert, also an der Funktion des Gelenkes nach einem, zwei und fünf Jahren. Wir haben nun erstmals die Daten von Patienten ein Jahr nach der Behandlung. Die ersten richtungsweisenden Publikationen werden somit Ende 2015 erfolgen können.

Wie kann das Knorpelregister einem behandelnden Arzt helfen?

Niemeyer: Er kann sich die Daten anschauen, um abzuschätzen, welches Verfahren das vielversprechendste bei bestimmten Indikationen ist. Im Rahmen der Beratung und Indikationsstellung von Patienten mit Knorpelschäden kann er diese dann als Grundlage verwenden.

Welcher Eingriff wird denn am häufigsten eingetragen?

Niemeyer: Knorpelchirurgische Maßnahmen teilen sich grob in zwei unterschiedliche Kategorien auf. Einmal Transplantationstechniken, bei denen Knorpelgewebe von einem gesunden Anteil in ein Defektareal transplantiert wird oder dem Patienten Knorpelzellen entnommen werden, um diese anzuzüchten und zurückzugeben. Die zweite Gruppe umfasst die knochenmarkstimulierenden Techniken, bei denen am Ort des Defektes eine gezielte Verletzung gesetzt wird, um Narbengewebe zu induzieren.

Wenn man sich entsprechende Erhebungsdaten anschaut, dann sind die knochenmarkstimulierenden Techniken die weltweit am häufigsten eingesetzten Eingriffe. Dies spiegelt sich im Knorpelregister wider. Die bekannteste Technik ist dabei die „arthroskopische Mikrofrakturierung“, die auch im Knorpelregister durch den größten Patientenanteil repräsentiert wird. Gefolgt von autologen Knorpelzelltransplantationen – also der Behandlung eines Knorpelschaden mit im Labor angezüchteten patienteneigenen Knorpelzellen -, die traditionell in Deutschland ein sehr populäres Verfahren sind.
Foto: Kniegelenksspiegelung

Das Register erfasst unter anderem, welche Eingriffe am Knorpel im Knie besonders häufig stattfinden; © panthermedia.net/Viktor Cap

Wie werden die Patientendaten gesichert?

Niemeyer: Im Grundsatz ist es so, dass die Daten in anonymisierter Form eingepflegt werden. Nur der Arzt, der die Daten ins System eingibt, kennt den Realnamen des Patienten. Und nur nicht-personenbezogene Fallcharakteristika werden zentral gespeichert. Das heißt, in dem Moment, in dem die Daten auf den zentralen Server im Rechenzentrum der Universität Freiburg eingehen, identifizieren wir den Patienten nur noch als Nummer, mit krankheits- und therapiespezifischen Charakteristika.

Was passiert, wenn Sie nochmal auf den Realnamen zugreifen möchten? Könnten Sie das?

Niemeyer: Falls man eine Fallnummer zu einem Patienten zurückverfolgen möchte, könnte man dies jederzeit über den behandelnden Arzt im Zentrum gewährleisten, weil dieser als Einziger die Knorpelidentifikationsnummer und die personenbezogenen Daten kennt und dokumentiert.

Welche Register sollen noch folgen?

Niemeyer: Wir sind mit dem Register für Knorpeldefekte im Knie gestartet, weil das Knie die häufigste Lokalisation für Knorpeldefekte darstellt. Im Oktober 2014 haben wir Module für das Hüft- und Sprunggelenk ergänzt, die über vier Monate laufen. Außerdem ist für das Jahr 2016 ein Modul für das Schultergelenk geplant. Ob noch weitere Module folgen werden, steht zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht abschließend fest.
Foto: Simone Ernst; Copyright: B. Frommann

© B. Frommann

Das Interview führte Simone Ernst.
MEDICA.de