Komplementärmedizin bei rheumatischen Erkrankungen

Foto: Obst und Gemüse

Vegetarische Ernährung hemmt die
Arachidonsäure und reduziert somit
Gelenkschmerzen; © SXC

Wundermittel, die gegen degenerative Gelenkerkrankungen helfen sollen und Schmerzen von heute auf morgen verschwinden lassen – die findet man im Internet. Dort wird geworben für Produkte wie CM Pur oder MSM, die mit organischem Schwefel Arthrose lindern oder mit einer in Mäusen entdeckten Substanz namens Cetylmyristoleate Arthritis verhindern sollen. „Hinter vielen Mitteln stecken allein kommerzielle Interessen der Hersteller“ – das ist die Antwort von Professor Gustav Dobos, Inhaber des Lehrstuhls für Naturheilkunde an der Universität Duisburg-Essen, auf solche Kampagnen.

Diese und andere „Wundermittel“ werfen ein schlechtes Licht auf Methoden aus der Naturheilkunde. Aber es gibt seriöse Therapieverfahren, die in der Rheumabehandlung hilfreich sein können. Eine davon ist die Ernährungstherapie. Sie ist neben der Hydrotherapie, der Bewegungs- und Ordnungstherapie sowie der Phytotherapie eine der Säulen klassischer Naturheilverfahren. Doktor Artur Wölfel, leitender Oberarzt am Krankenhaus für Naturheilweisen in München, rät Arthritis-Patienten daher, auf vegetarische Kost umzusteigen. „Es ist wissenschaftlich belegt, dass eine Ernährung aus Obst und Gemüse Gelenkschmerzen reduzieren kann.“

Das liegt daran, dass in tierischen Lebensmitteln wie Schweineschmalz oder Rindfleisch die Arachidonsäure besonders reichhaltig vorkommt. Diese spielt eine wichtige Rolle bei der Bildung entzündungsaktivierender Stoffe und sollte daher von Patienten mit rheumatoider Arthritis (RA) gemieden werden. Gegenspieler zur Arachidonsäure sind Omega-3-Fettsäuren. Das bedeutet: Fisch auf den Tisch. Ob es reicht einmal pro Woche ein Lachssteak oder einen Matjeshering zu essen oder ob Fischölkapseln aus der Apotheke sinnvoller sind, das sollte der Patient mit seinem Arzt abklären. Ein Credo, das für alle Produkte aus der Naturheilkunde gilt, denn auch sie haben Nebenwirkungen und können in Kombination mit Medikamenten gegen andere Erkrankungen sogar schädlich sein.

Auch die Phytotherapie findet Anwendung bei rheumatischen Erkrankungen: Teufelskralle, Weihrauch und Brennnesseln haben sich bisher bewährt. Als Tee, Kapsel oder Salbe wirken sie entzündungshemmend. Die ärztliche Absprache ist für den Patienten nicht nur aus gesundheitlichen Gründen ratsam, sondern auch aus finanziellen. Denn trotz der empirisch belegten Wirkung von Naturheilverfahren wie auch der Pflanzenheilkunde, muss der Patient die Behandlungskosten in der Regel selbst zahlen. Die Krankenkassen übernehmen dies nur in Ausnahmefällen.

In Modellprojekten finanzieren sie beispielsweise Akupunkturbehandlungen. Die Akupunktur zählt zur Traditionellen Chinesischen Medizin (TCM) und wird auch häufig bei Rheumabehandlungen eingesetzt. Sie nimmt in der Naturheilkunde, neben den genannten klassischen Verfahren, eine eigene Richtung ein, ebenso die Homöopathie oder ausleitende Verfahren. Auch wenn es zu diesen Bereichen nur wenige Studien gibt, berichten sowohl Patienten als auch Ärzte und Therapeuten in vielen Fällen von einer positiven Wirkung.

Dobos von der Universität Duisburg-Essen erklärt beispielsweise, dass eine Blutegeltherapie bei Arthrose-Beschwerden im Kniegelenk wirksam sein könne. Nur weil es in der Schulmedizin mehr Studien gebe heiße dies nicht, dass die Schulmedizin besser sei als Naturheilverfahren, erklären die Experten. Für Studien in der Naturheilkunde würde zum einen weniger Geld investiert, zum anderen könne man klinische Forschungsmethoden nur eingeschränkt auf die Naturheilverfahren übertragen.

Doch trotz der genannten positiven Aspekte, die Naturheilverfahren auch in der Rheumabehandlung leisten können, sollten sie immer als Komplementärmedizin verstanden werden. Je nach Grad der Erkrankung sind langfristig wirkende Schmerzmittel für Rheumatiker unerlässlich – trotz vielseitiger Nebenwirkungen. Wenn eine Diagnose erfolgt ist und standardisierte Therapieverfahren angewendet werden, sei in Absprache mit einem Arzt nichts gegen Naturheilverfahren einzuwenden, sind sich die Mediziner einig. Allerdings sollte man keinen unangemessenen finanziellen Aufwand betreiben.

Umstritten ist die Frage, ob auch alternative Heilmethoden, denen kein wissenschaftliches Konzept zugrunde liegt, wirksam sind. So basiert die Bachblütentherapie auf der Idee, disharmonische Gemütszustände ins Gleichgewicht zu bringen und damit indirekt positiv auf organische Krankheiten einzuwirken. Schüssler-Salze hingegen sollen einen gestörten Mineralhaushalt ausgleichen. Für Kritiker sind diese Methoden lediglich Placebos. Auf die Frage, warum dennoch viele Menschen darauf schwören, sagt Dobos: „Möglicherweise besitzt der Mensch Selbstheilungskräfte, die wir wissenschaftlich nicht erklären können.“

Simone Heimann
MEDICA.de