Kontrollelement für Tumorentwicklung

Foto: Darmtumor

Patienten mit einer chronischen
Darmentzündung haben ein
erhöhtes Risiko, an Darmkrebs
zu erkranken;© panthermedia.net/
Sasa Ilic

Wenn eine Wunde heilt, müssen Zellen im Körper nachwachsen, um diese zu schließen. Das Zellwachstum wird deshalb angeregt, ebenso wie die Bildung neuer Blutgefäße. Diese Prozesse laufen auch ab, wenn ein Tumor entsteht. Schon länger vermuten Wissenschaftler deshalb, dass dieselben Faktoren und Signalwege an beiden Prozessen beteiligt sind. Doktor Samuel Huber vom Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf und seine amerikanischen Kollegen konnten diese Hypothese jetzt untermauern: Sie zeigten, dass bei chronisch entzündlichen Darmerkrankung das Verhältnis des Botenstoffs Interleukin-22 (IL-22) und seines körpereigenen Hemmstoffes Interleukin-22 binding-protein (IL-22 BP) kritisch für den Erfolg der Wundheilung ist. Dieses Verhältnis entscheidet auch darüber, ob sich aus den Reparaturvorgängen ein Tumor entwickeln kann oder nicht.

IL-22 ist ein Botenstoff von Immunzellen. Es spielt eine wichtige Rolle bei der Immunabwehr von Krankheitserregern und regt die Reparatur der Darmschleimhaut an. In hoher Konzentration begünstigt IL-22 jedoch die Entstehung von Erkrankungen wie chronisch entzündlichen Darmerkrankungen und sogar Krebs. Der Hemmstoff IL-22BP kontrolliert diese Effekte. Wenn sich IL-22 an diesen löslichen Rezeptor bindet, verliert es seine Wirkung. „Wir wollten die Rolle des löslichen Rezeptors IL-22BP an einem lebenden Subjekt klären und herausfinden, welche Rolle IL-22 bei der Tumorentstehung spielt“, erläutert Huber.

Für ihre Untersuchungen generierten die Wissenschaftler Mäuse, die entweder keinen löslichen Rezeptor oder kein IL-22 bildeten, sowie Mäuse, denen beide Faktoren fehlten. Mit diesen Mausmodellen konnten sie zeigen, dass IL-22 je nach Phase der Wundheilung unterschiedliche Rollen spielt: Anfänglich hat es einen günstigen Effekt, es regt Zellen der Darmschleimhaut an, sich zu vermehren und unterstützt die Wundheilung. Später fördert IL-22 jedoch die Tumorbildung, wenn es nicht von seinem löslichen Rezeptor, dem IL-22BP, neutralisiert wird. „Unsere Arbeiten zeigen, dass IL-22BP ein wichtiges Kontrollelement für IL-22 ist“, fasst Huber zusammen. „Es verhindert, dass bei Mäusen mit einer chronisch entzündlichen Darmerkrankung Reparaturvorgänge im Darm zur Tumorentstehung führen.“

Darmkrebs ist in Deutschland die zweithäufigste Krebserkrankung und bei der Neuerkrankungsrate liegt Deutschland im internationalen Vergleich an der Spitze. Bei 95 Prozent aller bösartigen Darmtumoren handelt es sich um Dickdarmkrebs. Die Arbeit von Huber und seinen Kollegen von der Yale University School of Medicine trägt zum Verständnis der Mechanismen bei, die an der Entstehung von Krebs beteiligt sind. Eine wichtige Voraussetzung, um Strategien zur Prophylaxe und Therapie von Krebserkrankungen zu entwickeln.

MEDICA.de; Quelle: Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf