Krankenhäuser im Wandel: Demografiefest und kultursensibel sollten sie sein

15.11.2016

Der 39. Krankenhaustag findet auch in diesem Jahr wieder auf der MEDICA Anklang. Experten erörtern verschiedene Sachverhalte rund um das Thema Krankenhaus. Auch die aktuelle Fragestellung, inwiefern ein Krankenhaus kultursensibel und dem demografischen Wandel gewachsen sein muss, wird neben den Themen Investitionen der Zukunftssicherung und Patientenzufriedenheit im Programm aufgegriffen.

Bild: Gebäude mit der Aufschrift "Hospital"; Copyright: panthermedia.net/Vladru

Der 39. Deutsche Krankenhaustag richtet sich in erster Linie an das Klinikmanangement; © panthermedia.net/Vladru

Der demografische Wandel hat nicht nur einen Einfluss auf unsere Rente, sondern auch auf Krankenhäuser. Immer mehr Menschen werden über 80 Jahre alt. Durch die Errungenschaften der Medizin können immer mehr Todesursachen vermieden werden – unsere Gesellschaft veraltet. Gleichzeitig geht aber seit etwa 1970, mit vereinzelten Schwankungen, die Geburtenrate zurück. So müssen in Zukunft etwa sechs Erwerbstätige einen Rentner finanzieren. Dies hat ebenfalls Auswirkungen auf jedes Krankenhaus. Immer mehr alte Patienten müssen behandelt und gepflegt werden, gleichzeitig gibt es aufgrund der niedrigen Geburtenrate immer weniger Nachwuchspflegekräfte. "Geriatrische Patienten sind oftmals nicht nur multimorbide, sondern leiden zudem häufig an chronischen Krankheiten. Hier sind die Mitarbeiter der Kliniken nicht nur mit medizinisch und pflegerischen, sondern in vielen Fällen auch mit sozialen Problemstellungen konfrontiert, die eines ganzheitlichen Behandlungs- und Versorgungsansatzes bedürfen", erklärt Thomas Reumann, Präsident der Deutschen Krankenhausgesellschaft (DKG).

Eine Rekrutierung von Personal allein kann diesem Problem nicht vorbeugen. Deshalb haben zum Beispiel die Asklepios Kliniken in Hamburg im Rahmen eines Projektes zehn Demografie-Beauftragte ernannt, die im Barmbeker Klinikum eine Altersstrukturanalyse vornahmen. Das durchschnittliche Patienten-Alter liegt laut den Ergebnissen bei 45 Jahren. Erste Maßnahmen zur zukunftsorientierten Verbesserung wurden bereits durchgeführt. So wurden beispielsweise Tandems von älteren und jüngeren Kollegen zwecks Erfahrungsaustausch gebildet.

Einen Leitfaden, wie man ein Krankenhaus demografiefest machen kann und soll, gibt es aktuell nicht – Ansätze schon. Das Projekt der Asklepios Kliniken könnte ein erster Schritt in diese Richtung sein. "Eine unserer Maßnahmen ist die Entwicklung einer Informationsbroschüre für demenzkranke Patienten und deren Angehörige zur Information über Herausforderungen und Möglichkeiten bei Krankenhaus-Aufenthalten", so Reumann.

Bild: Prof. Christian Schmidt (links) und Thomas Reumann (rechts); Copyright: beta-web/Günther

Prof. Christian Schmidt (links) und Thomas Reumann (rechts) sprechen im Rahmen des 39. Deutschen Krankenhaustages; © beta-web/Günther

Praxisratgeber soll Krankenhäuser sensibilisieren

In den letzten Jahrzehnten hat sich aber durch die ansteigende Anzahl an Ausländern auch die Vielseitigkeit der Patienten geändert. Gerade das Krankenhauspersonal muss während seiner Arbeit auf die verschiedenen Menschen eingehen. Deshalb gibt es bereits einige kultursensible Krankenhäuser in Deutschland, die Maßnahmen ergriffen haben, um zum Beispiel Sprachbarrieren zwischen nicht deutschsprechenden Patienten und dem deutschen Personal zu beseitigen. Denn nur so kann eine ausreichende medizinische Versorgung gewährleistet werden.

Eine wichtige Hilfestellung ist der Praxisratgeber der Beauftragten der Bundesregierung für Migration und Integration: Er liefert Ansätze zur kulturellen Öffnung von Krankenhäusern. "Dieser Bericht ist sehr empfehlenswert für jedes Krankenhaus. Man muss genau überlegen, ob diese Änderungen für einen relevant sind. In ländlicheren Gegenden ist es wahrscheinlich nicht so wichtig, wie zum Beispiel im Ruhrgebiet, wo der Ausländeranteil über 15 Prozent liegt", erklärt Prof. Christian Schmidt, Ärztlicher Vorstand der Universitätsmedizin Rostock. Auf der MEDICA hält er heute einen Vortrag über diese Problematik. In vielen Einrichtungen werden bereits Dolmetscher und religiöse Veranstaltungen für die verschiedenen Kulturen angeboten. "Die Kultursensibilität fängt bereits beim Essen an. Muslime essen kein Schweinefleisch, Juden nur koscheres Fleisch. Diese Aspekte müssen bei der Organisation in einem Krankenhaus bedacht werden." Bei Krankenhaus-Neubauten, wie zum Beispiel in Minden, wurde bereits vorgeschrieben, dass diese über einen Gebetsraum verfügen müssen. "Es ist einfach enorm wichtig, dass sich Patienten sicher und aufgenommen fühlen. Dies schafft man nur, wenn man auch auf ihre Kulturen zugeht", so Schmidt.

Patienten gleichwertig behandeln, egal welcher Abstammung

In der Ausbildung von Pflegekräften in Frankreich oder den USA wird bereits im Lehrplan auf das Thema eingegangen. "Ärzte und Personal in Deutschland müssen noch mehr sensibilisiert werden, das wird in Zukunft ein immer wichtigeres Thema werden." Besonders seit einigen Monaten stehen Krankenhäuser in Europa vor neuen Herausforderungen. Menschen, die sich auf der Flucht befinden, bringen auch ihre Kulturen mit. Um diese Menschen adäquat behandeln zu können, müssen die Einrichtungen weiter sensibilisiert werden. "Diese Problematik stellt allerdings selbst bereits kultursensible Krankenhäuser wie im Ruhrgebiet vor Herausforderungen. Denn nicht jede Einrichtung hat zum Beispiel einen syrischen Dolmetscher." Schmidt ist jedoch zuversichtlich: "Aber auch damit werden Krankenhäuser in Deutschland langfristig umgehen können. Denn die höchste Prämisse ist es, Menschen gleichwertig zu behandeln – egal woher sie kommen oder wie sie aussehen."

Terminhinweis:

Deutscher Krankenhaustag, Krankenhaus-Träger-Forum, "Demografiefeste und kultursensible Krankenhäuser", Dienstag, 15.November, 10.30-14.30 Uhr, CCD-Ost, Raum L, mit Prof. Christian Schmidt und Dr. Ali Kemal Gün

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Bild: Lorraine Dindas; © B. Frommann

© B. Frommann

Dieser Artikel wurde verfasst von Lorraine Dindas.
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