Krankenhaus Rating Report 2015

12/06/2015
Foto: Ärzte im OP

Es gibt Überlegungen eine "Bad Bank" für Krankenhäuser einzurichten (Symbolbild); © panthermedia.net/ poznyakov

Die Insolvenzwahrscheinlichkeit deutscher Krankenhäuser ist im Jahr 2013 leicht gestiegen, gleichzeitig hat sich aber ihre Ertragslage verbessert.

Nach wie vor ist die Kapitalausstattung der Krankenhäuser jedoch unzureichend, der kumulierte Investitionsstau beträgt mindestens 12 Milliarden Euro. Mittelfristig wird der demographische Wandel ein deutlich effizienteres Gesundheitswesen erfordern. Ansätze hierzu sind strukturelle Veränderungen und eine stärkere Digitalisierung der Medizin. Eine Art "Bad Bank" für Krankenhäuser könnte dabei helfen, Klinikschließungen besser zu bewerkstelligen. Ein solcher Fonds würde eine Anfangsausstattung von ca. 2,7 Milliarden Euro benötigen.

Die Insolvenzwahrscheinlichkeit deutscher Krankenhäuser hat sich im Jahr 2013 gegenüber dem Vorjahr leicht erhöht. 16% befanden sich im roten Bereich mit erhöhter Insolvenzgefahr. Gleichzeitig besserte sich aber ihre Ertragslage: die durchschnittliche Umsatzrendite stieg von 0,7 auf 1,4%. Auf Konzernebene schrieben 30% der Krankenhäuser einen Jahresverlust, 2012 waren es noch 33%. Aufgrund der verbesserten Ertragslage waren 2013 zudem 56% der Kliniken voll investitionsfähig, nach nur 48% im Jahr zuvor. Nach wie vor ist die Kapitalausstattung der Krankenhäuser jedoch unzureichend. Ihr jährlicher Investitionsbedarf (ohne Universitätskliniken) beträgt rund 5,3 Milliarden Euro. Die Länder steuern derzeit nur die Hälfte davon bei. Der kumulierte Investitionsstau beträgt mindestens 12 Milliarden Euro. Bei Fortschreibung des Status quo würde der Anteil der Krankenhäuser mit erhöhter Insolvenzgefahr bis 2020 weiter auf 27% steigen. Das anstehende Krankenhausstrukturgesetz dürfte zu einer Verbesserung der Lage führen, allerdings nur in dem Sinne, dass es zu keiner weiteren Verschlechterung bis 2020 kommt. Produktivitätsfortschritte und Marktaustritte von wirtschaftlich schwachen Häusern sind daher zusätzlich nötig, um den Anteil der Kliniken im roten Bereich wieder zu verringern.

Zu diesen Ergebnissen kommt der elfte Krankenhaus Rating Report, den das RWI, die Institute for Healthcare Business GmbH (hcb), die Stiftung Münch und die Philips GmbH gemeinsam erstellt haben. Der Report basiert auf einer Stichprobe von 600 Jahresabschlüssen aus dem Jahr 2012 sowie 143 Jahresabschlüssen aus dem Jahr 2013. Sie umfassen insgesamt rund 950 Kliniken.

In den ostdeutschen Bundesländern war die wirtschaftliche Lage der Krankenhäuser 2013 wie im Vorjahr am besten, gefolgt von Nordrhein-Westfalen. Am schwierigsten war die Lage in Niedersachsen/Bremen, Baden-Württemberg, Bayern und Hessen. Im Vergleich zum Vorjahr hat sich die Situation insbesondere in Hessen, Bayern und Baden-Württemberg verschlechtert. In vielen Regionen sind die Krankenhausstrukturen ungünstig, es gibt zu viele kleine Einheiten, eine zu hohe Krankenhausdichte und zu wenig Spezialisierung. In Ostdeutschland haben die Strukturanpassungen der vergangenen Jahrzehnte indessen Früchte getragen.

Bei einer Betrachtung nach Trägern lagen im Jahr 2013 29% der öffentlich-rechtlichen Häuser im roten Bereich, 14% der freigemeinnützigen und 5% der privaten. Dabei mussten alle Trägerschaften in den vergangenen Jahren eine Verschlechterung hinnehmen. Vor allem in Bayern, Baden-Württemberg, Hessen und im Nordwesten war die Lage vieler öffentlich-rechtlicher Häuser kritisch. Vorteilhaft sowohl in wirtschaftlicher als auch in qualitativer Hinsicht war ein hoher Spezialisierungsgrad. Ferner zeigte sich, dass Krankenhäuser mit hohem Kapitaleinsatz, d.h. Investitionen, wirtschaftlich stärker aufgestellt waren.

Bemerkenswert ist, dass die Zahl der Krankenhausfälle 2013 nur um 0,9% stieg und das gesamte Leistungsvolumen (Casemixvolumen) sogar nahezu unverändert blieb. Dagegen stiegen die Preise für Krankenhausleistungen stärker als in den vergangenen Jahren. Es scheint sich hier in Bezug auf das in der Vergangenheit beobachtete Mengenwachstum eine Trendwende abzuzeichnen. Überdies konnte erstmals der Anteil von Einrichtungen untersucht werden, die nicht an der Notfallversorgung teilnehmen. Er betrug 2013 nur 1,4%. Deutlich wird, dass sich darunter vorwiegend kleine Kliniken mit weniger als 50 Betten befinden. Unter ihnen sind viele Spezialversorger. Dagegen nahmen nahezu alle Grundversorger an der Notfallversorgung teil.

Insbesondere nach dem Jahr 2020 wird sich nach Einschätzung der Wissenschaftler der demographische Wandel verstärkt im Gesundheitswesen bemerkbar machen. Mehr Alte und weniger Junge werden nicht nur die sozialen Sicherungssysteme finanziell überfordern, sondern auch das Krankenhauspersonal knapper und teurer machen. Mittelfristig ist daher ein deutlich effizienteres Gesundheitswesen nötig, um einer Rationierung in der Medizin entgegenwirken zu können. Effizienzverbesserungen des nötigen Ausmaßes scheinen nur auf der Ebene regionaler oder nationaler und integrierter Verbünde erzielbar. Dabei geht es nicht nur um Kostensenkungen, sondern auch um eine verbesserte medizinische Versorgungsqualität und ein besseres Case Management.

Im Personalbereich werden insbesondere im ärztlichen Bereich neue Wege beschritten werden müssen. 2013 entfiel erstmals der größte Teil der Personalkosten von Krankenhäusern nicht mehr auf den Pflegedienst, sondern mit 31% auf den ärztlichen Dienst. Dieser immer weiter steigende Anteil wird die Krankenhäuser mittelfristig dazu zwingen, ärztliche Tätigkeiten stärker zu delegieren und zu substituieren. Ein Ansatz hierzu könnte die Digitalisierung der Medizin sein. Voraussetzungen hierfür sind die elektronische Patientenakte, eine offene Telematikinfrastruktur und sektorenübergreifende Medizin.

Im Krankenhaussektor finden nur wenige Marktaustritte statt, obwohl die Versorgungssicherheit in kaum einer Region dadurch gefährdet würde. Um Marktaustritte besser bewerkstelligen zu können, schlagen die Wissenschaftler eine Weiterentwicklung des vom Gesetzgeber geplanten Strukturfonds hin zu einer Art "Bad Bank" für Krankenhäuser vor. Dieser "aktive Strukturfonds" würde Krankenhäuser zur Abwicklung aufnehmen, wenn für den Träger weder eine Sanierung noch ein Verkauf in Frage kommt und der Standort nicht aus Versorgungsgründen aufrechterhalten werden muss. Parallel dazu sollten bundesweit einheitliche Mindestanforderungen an die Erreichbarkeit und die Qualität der Krankenhäuser sowie an die Notfallversorgung formuliert werden.

Der Fonds sollte einerseits die Kosten für den Abriss oder ggf. die Umwidmung der Immobilie sowie für die Aufstellung eines Sozialplans tragen. Andererseits könnte er auch Einnahmen erzielen, wenn er die bislang vereinbarten Casemixpunkte des zu schließenden Krankenhauses ohne Fixkostendegressionsabschlag anderen Trägern in der Region anbietet. Geht man davon aus, dass alle insolvenzgefährdeten, nicht versorgungsrelevanten Krankenhäuser mit einem Jahresverlust und mit weniger als 400 Betten an den Fonds übergingen, entstünden ihm Abwicklungskosten von rund 4,3 Milliarden Euro. Demgegenüber stünden Erlöse aus dem Verkauf der Casemixpunkte-Lizenzen in einer Größenordnung von schätzungsweise 1,6 Milliarden Euro. Insgesamt würde der Fonds damit eine Anfangsausstattung von 2,7 Milliarden Euro benötigen. Er sollte aus Bundesmitteln gespeist werden und unabhängig von den Ländern agieren können.

MEDICA.de; Quelle: Rheinisch-Westfälisches Institut für Wirtschaftsforschung e.V.

Mehr über das Rheinisch-Westfälisches Institut für Wirtschaftsforschung e.V. unter: www.rwi-essen.de