Krankenhaus Rating Report: Nicht jedes Krankenhaus muss erhalten werden

Interview mit Dr. Boris Augurzky; Autor des Krankenhaus Rating Reports

Auch der diesjährige Krankenhaus Rating Report zeigt: Die Insolvenzwahrscheinlichkeit deutscher Krankenhäuser steigt weiter. Der demografische Wandel erfordert mehr denn je ein effizienteres Gesundheitswesen. Dazu gehört auch die Schließung einiger Krankenhäuser gerade in ländlichen Gegenden. Das geplante Krankenhausstrukturgesetz soll diese Entscheidung daher bald erleichtern.

10/08/2015

Foto: Mann mit kurzen graumelierten Haaren und Brille

Dr. Boris Augurzky; ©privat

MEDICA.de sprach mit Dr. Boris Augurzky, einem der Autoren des Krankenhaus Rating Reports, der ein Gemeinschaftswerk des Rheinisch-Westfälischen Instituts für Wirtschaftsforschung (RWI), der Unternehmensberatung Accenture und des Institute for Health Care Business ist.

Herr Dr. Augurzky, was ist der Krankenhaus Rating Report überhaupt?

Dr. Boris Augurzky:
Der Krankenhaus Rating Report (KRR) beleuchtet einmal im Jahr die wirtschaftliche Lage der Krankenhäuser und gibt eine Übersicht über den aktuellen Krankenhausmarkt. Er betrachtet Entwicklungen in der Vergangenheit und gibt einen Ausblick, wohin sich der Markt entwickeln wird oder kann. Die Aussagen zur aktuellen Lage basieren dabei auf Daten, die aus dem Jahr 2013 stammen.

Welche Daten liegen ihm zugrunde?

Augurzky:
Wir nutzen öffentlich zugängliche Daten. Allen voran die Jahresabschlüsse der Krankenhäuser. Denen entnehmen wir, wieviel Gewinn sie machen oder wieviel Eigenkapital sie besitzen. Es gibt in Deutschland rund 2000 Krankenhäuser und Kliniken. Von ungefähr 1000 liegen uns die Jahresabschlüsse vor.

Des Weiteren nutzen wir die Daten des Statistischen Bundesamts zur Anzahl der Betten und Patienten, den erbrachten Leistungen sowie dem Personalaufwand. Ausgewählte Qualitätsinformationen liefern uns außerdem AQUA, BQS sowie die Techniker Krankenkasse und das Wissenschaftliche Institut der AOK.

Diese Daten verknüpfen wir mit den Jahresabschlüssen. Die wirtschaftlichen Analysen werden somit mit Parametern wie Patientenzufriedenheit, medizinische Qualität oder Personalzahlen in Verbindung gebracht.

Wie steht es denn nun um deutsche Krankenhäuser und Kliniken?

Augurzky:
Insgesamt ist die Insolvenswahrscheinlichkeit im Jahr 2013 wieder leicht gestiegen mit dem Ergebnis, dass 15 Prozent der Krankenhäuser eine erhöhte Insolvenzgefahr aufwiesen – zwei Prozentpunkte mehr als noch im Vorjahr. Seit 2010 hält diese Verschlechterung bereits an.
Foto: Krankenzimmer mit leeren Betten

Ansätze für ein effizienteres Gesundheitswesen sind unter anderem strukturelle Veränderungen und eine stärkere Digitalisierung der Medizin. Sollte dies nicht umgesetzt werden, werden vor allem in vielen Krankenhäuser auf dem Land die Betten leer bleiben; ©panthermedia.net/ epstock

Erfassen Sie auch den Grund der erhöhten Insolvenzgefahr?

Augurzky:
Wir können verschiedene Thesen aufstellen und diese auch zum Teil überprüfen. Grundsätzlich ist es so, dass sich auch die Ertragslage der Krankenhäuser nicht gut entwickelt hatte. Wobei man einräumen muss, dass sie sich 2013 zumindest etwas verbessert hat. Trotzdem machen rund 30 Prozent der Krankenhäuser immer noch Verluste.

Woran kann das liegen?

Augurzky:
Das resultiert daher, dass die Umsätze weniger steigen als die Kosten, zu denen Sach-, Personal- aber auch Kapitalkosten zählen. Die Differenz, die sich daraus ergibt, ist die sogenannte Kosten-Erlös-Schere. Diese Differenz müssen die Krankenhäuser ausgleichen, indem sie produktiver werden. Heißt: Die gleiche Leistung ist dann mit weniger Ressourcen, weniger Personal und weniger Sachmitteln zu erzielen – oder umgekehrt: mehr Erlöse mit den vorhandenen Mitteln. Das funktioniert an manchen Stellen. Einige Krankenhäuser sind schon gut optimiert, andere hinken noch hinterher. Es sind jedoch immer mehr, die in dieses "schwierige Fahrwasser" hineinmanövrieren.

Was würde im schlimmsten Fall passieren, wenn der Status quo, so wie er jetzt ist, bestehen bleibt?

Augurzky:
Dann würden nach unseren Schätzungen bis 2020 rund 12 Prozent der Krankenhäuser schließen müssen. Die Vergangenheit hat aber auch gezeigt, dass immer weniger geschlossen haben, als prognostiziert. Warum? Einige entscheiden sich für eine harte Sanierung und kommen so aus der Insolvenzgefahr heraus. Andere können auf einen betuchten kommunalen Träger zurückgreifen, der das schwächelnde Krankenhaus mit einer Finanzspritze unterstützt.

Man muss aber auch erwähnen, dass wir in Deutschland eine relativ hohe Krankenhausdichte haben – vor allem im Westen. Es gibt verhältnismäßig viele Standorte. Ungefähr 99 Prozent der Bevölkerung erreicht heute ein Krankenhaus in maximal 30 Minuten mit dem PKW. Das ist im internationalen Vergleich überdurchschnittlich. Wenn dann ein Krankenkaus schließen sollte, ist das aus unserer Sicht oft nicht dramatisch, weil meist eine gute Alternative in vertretbarer Distanz existiert. Erst wenn die Distanzen nach einer Schließung zu groß werden, ist zum Beispiel mit Sicherstellungszuschlägen einzugreifen.
Foto: Schaubild zur Ampelklassifikation nach Bundesländern

©medhochzwei Verlag

Bild oben: Zentraler Indikator zur Beurteilung der wirtschaftlichen Lage eines Krankenhauses ist die Ausfallwahrscheinlichkeit (Probality of Default, PD). Die PD gibt an mit welcher Wahrscheinlichkeit das Krankenhaus innerhalb eines Jahres seinen Zahlungsverpflichtungen nicht mehr nachkommen kann und damit gegebenenfalls Insolvenz anmelden muss. Eine PD bis zu 1,0 % spiegelt ein geringes bis moderates Ausfallrisiko wider (grün). Werte zwischen 1,0 % und 2,6 % veranschaulichen, dass die Kreditaufnahme erschwert ist (gelb). Alle Werte darüber (rot) verdeutlichen, dass mit erheblichen Problemen bei der Kreditaufnahme zu rechnen ist.

Sie sind also der Meinung, dass die Schließung einiger Krankenhäuser dem deutschen Krankenhausmarkt nicht schaden würde?

Augurzky:
Meiner Einschätzung nach könnten von den ungefähr 240 Krankenhäusern, die von einer Involvenz bedroht sind, rund 200 ohne Probleme geschlossen werden, also ohne, dass die Versorgungssicherheit gefährdet wird.

Wichtig ist jedoch: Die Krankenhausplanung braucht klare und eindeutige Kriterien, um entscheiden zu können, wann die Versorgungssicherheit denn wirklich gefährdet ist. Das sieht das neue Krankenhausstrukturgesetz vor. Muss das Krankenhaus erhalten werden, da bei seinem Wegfall die Distanz zum nächstgelegenen beispielsweise zu groß würde, könnte ein Sicherstellungszuschlag gewährt werden, den die Krankenkassen stellen müssten. Der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA) soll die erforderlichen Kriterien erarbeiten.

Das Worst-Case-Szenario tritt ein: Ein Krankenhaus ist insolvent. Sie schlagen vor, dass eine Art "Bad Bank" Marktaustritte begleiten könnte. Was heißt das genau?

Augurzky:
In der Regel muss mit Schließungskosten von mindestens einem Jahresumsatz gerechnet werden. Um Marktaustritte finanziell besser bewerkstelligen zu können, schlagen wir eine Art "Bad Bank" für Krankenhäuser vor. Dieser "aktive Strukturfonds" würde Krankenhäuser zur Abwicklung aufnehmen, wenn für den Träger weder eine Sanierung noch ein Verkauf in Frage kommt und der Standort nicht aus Versorgungsgründen aufrechterhalten werden muss. Der Fonds würde sämtliche Schließungskosten tragen und sollte aus Bundesmitteln gespeist werden und damit unabhängig von den Ländern agieren können. Damit wäre zumindest die finanzielle Hürde einer Schließung geschultert. Die kommunalpolitische Hürde sollte dabei allerdings nicht übergangen werden. Das ist ein anderes Thema.
Foto: Melanie Günther; Copyright: B. Frommann

© B. Frommann

Das Interview führte Melanie Günther
MEDICA.de