Krankenhaus: Viele kleine Maßnahmen gegen Infektionen und Sepsis

Interview mit Prof. Frank Brunkhorst, Universitätsklinikum Jena, Center of Sepsis Control and Care (CSCC)

Wenn weder das Immunsystem noch Antibiotika eine Infektion unter Kontrolle bekommen, kann daraus eine Sepsis entstehen - eine Infektion, die mehrere Organe gleichzeitig angreift und eine Überreaktion des Immunsystems hervorruft. Das bedeutet Lebensgefahr für den Patienten.

01.08.2014

Foto: Arzt im weißen Kittel, mit Brille und kurzen braunen Haaren - Prof. Frank Brunkhorst; Copyright: Wolfgang Hanke

Prof. Frank Brunkhorst; ©Wolfgang Hanke

Auf MEDICA.de spricht Prof. Frank Brunkhorst vom Universitätsklinikum Jena über die Schwierigkeiten der Sepsis-Diagnostik. Er erläutert, wie kleine Hygienemaßnahmen die Zahl der Sepsis-Fälle deutlich verringern können. Denn deren häufigste Ursache sind nosokomiale Infektionen, die Patienten sich bei einem Krankenhausaufenthalt zuziehen.

Herr Prof. Brunkhorst, was ist eine Sepsis und wodurch entsteht sie?

Prof. Frank Brunkhorst: Eine Sepsis entsteht in über 90 Prozent der Fälle durch eine bakterielle Infektion oder eine Pilzinfektion. Diese tritt zuerst lokalisiert auf. Wenn der Patient immunsupprimiert ist oder eine schwere Begleiterkrankung hat, kann aus der lokalisierten Infektion eine systemische Infektion, die Sepsis, entstehen. Dabei wandern Erreger über die Blutbahn in andere Organe und rufen eine generalisierte, überschießende Abwehrreaktion des Organismus hervor, die schließlich zum Organversagen führt.

Warum ist es generell so schwierig, eine Sepsis rechtzeitig zu diagnostizieren?

Brunkhorst: Es handelt sich hier um ein sehr komplexes Krankheitsbild. Die zeitliche Dynamik bei der Entwicklung einer Infektion ist sehr unterschiedlich. Der Übergang von der lokalisierten zur systemischen Infektion ist schwierig zu erkennen.

Bei der Sepsis gibt es keine klassischen Anzeichen, wie beispielsweise beim Herzinfarkt, den man über EKG und Blutabnahme relativ sicher diagnostizieren kann. Man braucht sehr viel Erfahrung, um eine schwere Sepsis frühzeitig zu erkennen. Diese Erfahrung haben Intensivmediziner, die solche Patienten häufiger behandeln, natürlich eher als das Personal auf anderen Stationen. Auf den Intensivstationen wird eine Sepsis durch ein besseres Monitoring der Patienten auch früher erkannt.
Foto: Mann auf der Intensivstation, daneben ein Arzt; Copyright: panthermedia.net/Tyler Olson

Viele Patienten in Krankhäusern und auf Intensivstationen sind durch Vorerkrankungen besonders anfällig für Sepsis; ©panthermedia.net/ Tyler Olson

Laut SepNet-Studie werden 70 Prozent der schweren Sepsis-Fälle durch nosokomiale Infektionen verursacht, also solche, die sich Patienten bei einem Klinikaufenthalt zuziehen. Warum ist gerade diese Ursache so häufig?

Brunkhorst: In Kliniken gibt es eine große Anzahl schwerstkranker Patienten, die sich beispielsweise Operationen unterziehen müssen, Chemotherapie erhalten oder multiple Begleiterkrankungen haben. Mit der modernen Hochleistungsmedizin können wir viele Krankheiten gut behandeln, aber ihr Preis ist häufig auch eine Sepsis.

Bei ausgedehnten Operationen gibt es beispielsweise große Wundflächen, über die Bakterien in die Blutbahn gelangen können. Bei Patienten, die künstlich ernährt und beatmet werden, können sich Bakterien an Kathetern und Schläuchen entlang tiefer in den Körper hinein bewegen. Multiple Faktoren führen bei diesen Hochrisikopatienten zum Auftreten einer Sepsis. Durch bessere Hygienemaßnahmen könnte man 20-30 Prozent dieser Fälle vermeiden.

Was sind in diesem Fall wichtige Schritte in der Infektionsprävention?

Brunkhorst: Die wichtigste Maßnahme in der Klinik ist die regelmäßige Handdesinfektion mit alkoholhaltigen Lösungen vor und nach dem Patientenkontakt. Dort gibt es das größte Defizit. In einer großen Studie, der ALERTS-Studie, beobachten wir im Moment, wie oft sich Mitarbeiter die Hände desinfizieren. Häufig stellen wir fest, dass sie die nötige Desinfektion nur in 40 Prozent der Fälle durchführen, in denen sie sie eigentlich durchführen müssten. Dort ist also noch gewaltiges Potenzial.

Foto: Arzt desinfiziert sich Hände am Desinfektionsmittel-Spender; Copyright: panthermedia.net/vzmaze

Bereits regelmäßige Handdesinfektion kann die Zahl der Krankenhausinfektionen um 20-30 Prozent reduzieren; ©panthermedia.net/ vzmaze

Neben der Desinfektion gibt es weitere Präventionsschritte. 90 Prozent aller Sepsisfälle entstehen aus vier klassischen Krankenhausinfektionen. Das sind einmal Wundinfektionen nach Operationen. Hier sollten eine regelmäßige Inspektion der Wunde und natürlich ein steriler Umgang bei der Wundversorgung stattfinden. Außerdem können Gefäßkatheter, Blasenkatheter und Beatmungsschläuche Infektionen begünstigen. Hier befinden sich Fremdmaterialien im Körper, über die Bakterien hineingelangen können. Die wichtigste Maßnahme wäre hier, auf täglicher Basis zu bewerten, ob der Patient noch auf den Katheter oder den Schlauch angewiesen ist.

Haben Sie eine Handreichung für Ärzte und Personal, mit der man die Infektionsrate darüber hinaus senken kann?

Brunkhorst: Früher hat man die großflächige Desinfektion in den Vordergrund gestellt, aber es sind wirklich die vielen kleinen Maßnahmen, die die Infektionsrate beeinflussen. Die Forschung zur Infektionsprävention hat ganz klar gezeigt, dass die Hände des Personals hier einen dominierenden Einfluss haben. Durch regelmäßige Desinfektion kann man die Fremdübertragung von Keimen zwischen Patienten verhindern. Die genannten Maßnahmen zur Handdesinfektion stehen auch in Einklang mit WHO-Empfehlungen aus der Aktion "SAVE LIVES: Clean Your Hands", mit deren Leiter, Prof. Didier Pittet in Genf, wir engen Kontakt haben.

Eine hundertprozentige Prävention kann man nie erreichen. Wichtig ist es, ein Eindringen von Bakterien entlang der Plastikmaterialien in den Körper zu verhindern. Das ist sehr schwierig und, wie gesagt, der Preis der Hochleistungsmedizin, bei der es auch viele Hochrisikopatienten gibt.

Wenn man von 400.000-600.000 Krankenhausinfektionen jährlich ausgeht und bei der Infektionsrate ein Reduktionspotenzial von 20 Prozent annimmt, sind das aber schon 80.000-100.000 vermeidbare Fälle. Das sind sehr viele.
Foto: Timo Roth; Copyright: B. Frommann

© B. Frommann

Das Interview wurde geführt von Timo Roth.
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