Krankenhaus blau statt grün: Sparsamkeit in allen Bereichen

Interview mit Dipl.-Ing. Johannes Dehm, VDE Verband der Elektrotechnik Elektronik Informationstechnik e. V., und Jens Schneider, Siemens Healthcare GmbH

01.08.2016

Krankenhäuser arbeiten selten wirtschaftlich und nachhaltig - alte Bausubstanz und der riesige logistische Betrieb rund um die teure Patientenversorgung gehen ins Geld. Um aus den roten Zahlen heraus zu kommen, müssen Krankenhäuser an allen Ecken und Enden effizienter werden. Ein Weg, über den sie dieses Ziel erreichen können, führt über das Blue Hospital Concept.
Bild: Mann mit weißen Haaren, schwarzer Brille, Anzug und Krawatte; Copyright: privat

Johannes Dehm; ©privat

Drei Jahre nach der Einführung spricht MEDICA.de mit Johannes Dehm und Jens Schneider über verschiedene Nachhaltigkeitskonzepte für Krankenhäuser und ihren Nutzen.

Herr Dehm, rund um das Thema Nachhaltigkeit im Krankenhaus haben sich die Konzepte Green Hospital, Green+ Hospital und Blue Hospital etabliert. Wofür stehen sie, beziehungsweise wie unterscheiden sie sich?

Johannes Dehm: Green Hospital steht für den Umweltschutz. In erster Linie soll hier Energie gespart werden. Krankenhäuser mit diesem Logo verwirklichen Nachhaltigkeit durch grüne Gebäudetechnik, wie ein Blockheizkraftwerk oder energiesparende LED-Beleuchtung. Sie setzen bestimmte, definierte Maßstäbe in ökologischer Sicht um. Green+ ergänzt dieses Anforderungspaket durch Geschäftsprozesse, moderne IT- und Kommunikationstechnologien und Medizintechnik, die weitere Einsparungen beim Energie- und Materialverbrauch erzielen sollen.

Im Blue Hospital steckt die Forderung nach Sparsamkeit in allen Bereichen. Damit ist die Chance gegeben, eine deutliche Effizienz- und Qualitätssteigerung zu erzielen und Wettbewerbsvorteile zu stärken. Neben klassischen Energiesparkonzepten und modernen Technologien kommt es hier auch auf den verantwortungsvollen Umgang mit den vorhandenen Ressourcen an, auf die Optimierung der Betriebsabläufe und der Kapazitätsauslastung bis hin zur Interoperabilität der Medizingeräte. Das heißt aber auch, Beschäftigte zur richtigen Zeit am richtigen Ort einzusetzen.

Bild: Blaues Stethoskop liegt neben blauer Weltkugel aus Glas auf blauer Tastatur; Copyright: panthermedia.net/Neirfys

Im Blue Hospital-Konzept werden das Krankenhaus und seine Abläufe ganzheitlich betrachtet, um den Betrieb nachhaltiger zu gestalten; ©panthermedia.net/ Neirfys

Welchen Nutzen hat ein Krankenhaus davon, die Blue Hospital-Zertifizierung zu erreichen?

Dehm: Die Verbesserung der Ökologie, der Ökonomie und der Effizienz sind die drei Säulen des Konzepts, in deren Mittelpunkt der Patient steht. Ein Krankenhaus erzielt damit deutlich mehr Ergebnisqualität, Patientenkomfort und Wirtschaftlichkeit.

Ein wesentlicher Vorteil besteht im Monitoring aller relevanten Krankenhausprozesse. Zu einem bestimmten Zeitpunkt wird eine Gegenwartsanalyse festgehalten. Die Checkliste, die die Basis der Zertifizierung darstellt, zeigt Optimierungsmaßnahmen, die durchgeführt werden können. Anhand darauf folgender, regelmäßiger Audits kann die Weiterentwicklung der verschiedenen Prozesse im Krankenhaus beobachtet und aktiv gestaltet werden.

Der VDE hat Blue Hospital 2013 eingeführt. Was haben Sie seitdem aus der Praxis gelernt?

Dehm: Seit 2013 sind Experten aus allen betroffenen Bereichen in Deutschland, Europa und weltweit zusammengekommen, um das Positionspapier "Blue Hospital", das den nachhaltigen Prozess darstellt, weiter mit Leben zu füllen. Wir haben in den letzten Jahren aber die Erfahrung gemacht, dass Kennzahlen zu den einzelnen Sparten im Krankenhaus fehlen. Damit befassen wir uns jetzt, sodass das Konzept auf einem standardisierten Ansatz ruhen kann. Der Betrieb im Krankenhaus kann so auch hinsichtlich der logistischen Dienstleistungen und organisatorischen Prozesse bis hin zu den Mitarbeiterqualifikationen betrachtet werden. Dieser Prozess wird vermutlich noch einmal drei Jahre dauern, bis es von den Auszeichnungen der einzelnen Länder zu einem weltweit konformen Ansatz kommt.

Bild: Mann mit kurzen schwarzen Haaren und Sakko; Copyright: Siemens Healthcare

Jens Schneider; ©Siemens Healthcare

Herr Schneider, welche technischen oder organisatorischen Lösungen helfen dabei, ein nachhaltiges Krankenhaus zu werden?

Jens Schneider: Zunächst einmal muss es eine Vision des Krankenhauses und der Geschäftsführung geben, das auch zu wollen. Diese Vision muss in nachhaltige Ziele münden, die mit den Stakeholdern, insbesondere dem Gewährträger oder den Finanziers, abgestimmt sind.

Für die Geschäftsführer von Krankenhäusern kann eine nachhaltige Strategie aus mehreren Gründen erfolgreich sein. Zum einen können Kosten, zum Beispiel für Energie, gespart werden, zum anderen können Investitionsmittel gewonnen werden, die in Deutschland besonders knapp sind, da einige Bundesländer nachhaltige Investitionen fördern. Weiterhin kann sich ein Krankenhaus im Wettbewerb differenzieren, sowohl im Kampf um die Patienten als auch im Kampf um gute Mitarbeiter.

Wenn Vision, Strategie und Plan für ein nachhaltiges Krankenhaus stehen, resultieren zwei wesentliche Umsetzungsprojekte. Erstens, Investitionen in Gebäude, Gebäudetechnik, Beleuchtung, Energieversorgung, Informationstechnologie, Kommunikationstechnologie und Medizintechnik. Das zweite Projekt betrifft die Prozesse und Abläufe im Krankenhaus und damit vor allem das Verhalten von Menschen.

Welche Bedeutung hat der "Faktor Mensch" denn im nachhaltigen Krankenhaus, also welche Rolle spielen die Mitarbeiter?

Schneider: Vieles hängt vom Verhalten der Menschen ab. Wann und wie Geräte unnötig laufen, oder die Beleuchtung und Belüftung benutzt wird, oder ob recycelt wird. Das sind alles Beispiele, die wir aus dem täglichen Leben kennen und die eine große Rolle in Krankenhäusern spielen. Denn diese haben oft mehrere Tausend Mitarbeiter und sind 24 Stunden im Betrieb. Die Art der Gebäudesteuerung entscheidet über mehr als 100.000 Euro an Energiekosten pro Jahr. Bei medizintechnischen Geräten kommen leicht mehr als 10.000 Euro pro Gerät und Jahr zusammen. Hier unterscheiden sich die Hersteller deutlich voneinander.

Viel Verschwendung an wertvoller Arbeitszeit und Geld geschieht durch falsche Prozesse, Warteschlangen oder nicht ausgelastete Ressourcen. Zum Beispiel können Krankenhäuser bei einem gutem Workflow ihren Krankenschwestern mindestens 20 Prozent unnötige Laufwege sparen. Das dient dem Wohl des Personals und der Patienten. Ärzte und Schwestern sollen schließlich behandeln und pflegen und nicht über Gänge laufen oder warten.

Frühzeitige optimale Diagnostik ist ebenfalls wichtig, da sie die richtige Therapie für den Patienten ermöglicht. Dazu zählt auch intelligente Bildgebungs-Software und die IT-technische Vernetzung von allen Sub-Systemen, zum Beispiel für Laborbefunde, Radiologie, zuweisende Ärzte, Patientenakten. Die Mitarbeiter müssen in der Anwendung all der neuen Technologien auch gut geschult sein.

Die Mitarbeitergewinnung- und Bindung, die Beziehungspflege zu den zuweisenden Ärzten sowie zu der das Krankenhaus umgebenden Gesellschaft sind kritische Erfolgsfaktoren, für die es nachhaltige Konzepte gibt. Der Kern des Krankenhauses ist es jedoch, gute Behandlung zu gewährleisten, dies zu messen und sich permanent zu verbessern.

Kann es ein komplett nachhaltiges Krankenhaus geben?

Schneider: Durch ständige, auch technische, Innovationen befinden sich Infrastruktur, Prozesse und letztlich die Menschen in ständigem Wandel. Daher kann es ein optimales Krankenhaus rein theoretisch nur zu einem kurzen Zeitpunkt geben. Entscheidend ist, sich permanent zu optimieren und Freude daran zu haben. Dieses Denken muss im Krankenhaus und bei den Industriepartnern verbreitet sein. Um hierbei zu helfen, haben die Siemens Healthineers neben der erfolgreichen Green+ Hospital Initiative nun eine Initiative gestartet, die Executive Alliance. Die hat die Schmerzpunkte des Krankenhausmanagements und der Mitarbeiter systematisch und in verschiedenen Ländern untersucht. Wir publizieren die Ergebnisse bald und werden als nächsten Schritt eine Sammlung von Good Practices für die Krankenhäuser zur Verfügung stellen, damit der permanente Verbesserungsprozess leichter gelingt.

Foto: Timo Roth; Copyright: B. Frommann

© B. Frommann

Das Interview wurde geführt von Timo Roth.
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