Krankenhausbau: Infektionsprävention durch Architektur?

Interview mit Dipl.-Ing. Architekt Wolfgang Sunder, Institut für Industriebau und Konstruktives Entwerfen (IIKE), TU Braunschweig

09.01.2017

Maßnahmen zur Infektionsprävention in Krankenhäusern gibt es sehr viele. Sie haben alle etwas gemeinsam: Sie sind Einzelteile eines übergreifenden Gesamtkonzepts, das gegen die Verbreitung von hochinfektiösen und resistenten Pathogenen im Krankenhaus gerichtet ist. Einen Teil des Krankenhauses lassen bisherige Hygienekonzepte allerdings außer Acht: die Architektur des Gebäudes selbst.

Bild: Lächelnder Mann mit kurzem gruameliertem Haar und Anzug - Wolfgang Sunder; Copyright: privat

Wolfgang Sunder; © privat

Im Interview mit MEDICA.de spricht Wolfgang Sunder darüber, welchen Einfluss die Architektur auf die Verbreitung von Pathogenen im Krankenhaus hat. Er leitet das Projekt KARMIN, das seit Oktober 2016 neue Ansätze zu diesem Thema erforscht.

Herr Sunder, was ist das Ziel des Forschungsprojektes KARMIN?

Dipl.-Ing. Architekt Wolfgang Sunder: KARMIN ist Teil des Forschungsverbundes "InfectControl 2020", der sich mit den Möglichkeiten beschäftigt, Infektionsketten zu unterbrechen. KARMIN betrachtet dieses Problem speziell im Krankenhaus. Wir haben für das Projekt zwei Ziele formuliert: Erstens entwickeln wir den Prototypen eines infektionsprophylaktischen Zweibettzimmers im Krankenhaus inklusive Nasszelle. Zweitens untersuchen wir das Mikrobiom eines Krankenhauses anhand des renovierten Bettenhochhauses der Charité Berlin. Wir betrachten dabei die Neubesiedlung eines Krankenhauses mit Pathogenen unter besonderer Beachtung der architektonischen Gegebenheiten. So vergleichen wir zum Beispiel Mehr- und Einzelbettzimmer miteinander.

Was weiß man bereits über den Einfluss der Architektur auf die Ausbreitung von Pathogenen im Krankenhaus?

Sunder: Grundsätzlich zu wenig. In den letzten Jahren und Jahrzehnten wurde - richtigerweise - ein sehr starker Fokus auf das Hygienemanagement gelegt. Angesichts der Zunahme multiresistenter Keime, gegen die neue Präventionsmaßnahmen geschaffen werden müssen, kommen aber auch Architektur und Bau immer mehr in den Fokus der Betrachtung. Es gibt europaweit allgemeine Tendenzen, die immer mehr Einzelzimmer fordern, auch auf Normalstationen. Zu diesem Thema gibt es auch schon Studien, die beispielsweise der Frage nachgehen, was auf Stationen sinnvoller ist: Einbett- und Mehrbettzimmer. Es fehlt jedoch noch an Evidenz, was Krankenhäuser als Ganzes angeht, aber auch was einzelne Abteilungen betrifft.

Bild: Krankenhauszimmer mit drei Betten; Copyright: Panthermedia.net/logoboom

Zwei- oder Mehrbettzimmer sind in Krankenhäusern eher die Regel. Grund dafür ist meistens der zur Verfügung stehende Platz. Einen entscheidenden Nachteil haben sie: Hier haben die Patienten Kontakt miteinander und stecken sich möglicherweise gegenseitig an; © Panthermedia.net/logoboom

Was für spezifische offene Fragen wollen Sie hier beantworten?

Sunder: Auf baulicher Ebene geht es speziell um die Frage, wie ein Raum aussehen muss, um der Verbreitung von Pathogenen entgegenzuwirken: Welche Größe muss er haben? Braucht er eine bestimmte Haus- oder Lüftungstechnik? Welche Materialien müssen wir verwenden? Wie kann die Reinigung und Desinfektion von Oberflächen vonstattengehen? Diese Fragen gehören dazu und deshalb machen wir dort auch einen großen Forschungsbedarf aus.

Welche baulichen Maßnahmen zur Infektionsprävention werden denn heute schon umgesetzt?

Sunder: Es gibt schon einige Maßnahmen – wie zum Beispiel Isolierzimmer für hochinfektiöse Patienten oder den Einsatz von Schleusen oder die Verwendung bestimmter Materialien für Oberflächen. Das sind aber immer nur Einzelaspekte. Es fehlt der große, übergreifende Blickwinkel auf diese Thematik. Um den zu erhalten, müssen alle Beteiligten wie Architekten, Hygieniker, Mediziner und Mikrobiologen an einem Tisch sitzen, das Problem betrachten und gemeinsam Lösungen erarbeiten.

Wie werden derzeit Patienten im Krankenhaus isoliert, die mit multiresistenten Erregern besiedelt oder daran erkrankt sind?

Sunder: Das hängt in erster Linie von der Größe des Krankenhauses und der Station ab. Meistens handelt es sich um Isolierzimmer oder bestimmte Einbettzimmer. Auch in Notaufnahmen gibt es festgelegte Zimmer, in denen ein solcher Patient isoliert werden kann.

Bild: Einbettzimmer mit Fenster in einem Krankenhaus; Copyright: Panthermedia.net/epstock

In Einzelzimmern lassen sich ansteckende Patienten isolieren. Aber kann dies potenziell auch in Mehrbettzimmern gelingen?; ©panthermedia.net/ epstock

Sie wollen mit dem Bau des Modellzimmers erforschen, wie eine solche Isolierung auch in einem Zweibettzimmer gelingen kann. Gibt es da schon bestimmte Ansätze?

Sunder: Wir stehen gerade erst am Anfang. Sicherlich gehen wir Fragen nach, wie etwa die Betten zueinander zu positionieren sind, wo der Desinfektionsmittelspender angebracht und wie die Nasszelle ausgebaut sein sollte. Was letztendlich funktioniert und was nicht, um die infektiösen Hotspots des Zimmers zu entschärfen, muss das Projekt zeigen.

Wir bauen das Zimmer wirklich als Demonstrator, also unabhängig von einem Krankenhausbetreiber. In Zusammenarbeit mit Nutzern, also etwa Pflegern und Hygienikern, soll das Zimmer genau betrachtet und evaluiert werden. Dann können wir auch darüber nachdenken, das Zimmer tatsächlich in eine Klinik zu implementieren und so zu erproben. Wenn wir versuchen würden, das Konzept in einem bestehenden Patientenzimmer umzusetzen, wäre das natürlich auch eine Lösung. Dann wären wir aber auch baulich viel mehr eingeschränkt.

Wie sieht der weitere Projektablauf aus?

Sunder: Das Projekt hat insgesamt eine Laufzeit von drei Jahren seit Oktober 2016. In der ersten Phase analysieren und bewerten wir die infektionskritischen Bereiche im Patientenzimmer. Danach planen wir den Demonstrator und entwickeln dabei Lösungsansätze zur Infektionsprophylaxe. In der dritten Phase ist die Realisierung geplant. Dann setzen wir die Lösungen im Demonstrator um, evaluieren und optimieren sie, damit das Konzept tatsächlich irgendwann in Kliniken eingesetzt werden kann.

Bild: Lächelnder Mann mit Brille und Bart - Timo Roth; Copyright: B. Frommann

© B. Frommann

Das Interview wurde geführt von Timo Roth.
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