Krankenhauslogistik: Ökologie versus Ökonomie

Interview mit Dr.-Ing. Sebastian Wibbeling, Abteilungsleiter Health Care Logistics, Fraunhofer Institut für Materialfluss und Logistik (IML)

01.08.2016

Die Krankenhauslogistik ist ein sehr breites Feld, das viele Gebiete – von OP-Planung bis Patiententransport, aber auch Bereiche wie Labor und Entsorgung – beinhaltet. Doch wie sieht es in diesem breiten Spektrum mit der Nachhaltigkeit aus?

Bild: Sebastian Wibbeling; Copyright: Fraunhofer IML

Sebastian Wibbeling vom Fraunhofer-Institut für Materialfluss und Logistik (IML); © Fraunhofer IML

MEDICA.de spricht mit Sebastian Wibbeling, Abteilungsleiter Health Care Logistics des Fraunhofer Instituts für Materialfluss und Logistik (IML), über die Bedeutung der Nachhaltigkeit in der Krankenhauslogistik – wie sie heute ist und in der Zukunft sein wird.

Dr. Wibbeling, bevor wir uns der nachhaltigen Krankenhauslogistik zuwenden, möchte ich ganz allgemein fragen, was in den Bereich der Krankenhauslogistik fällt?

Dr. Sebastian Wibbeling: Krankenhauslogistik ist ein sehr weites Feld. Bei uns im Fraunhofer IML betrifft es alle nicht-medizinischen Prozesse im Krankenhaus. Das bedeutet, neben den ganzen Prozessen der Warenbereitstellung und des Patiententransports fallen darunter auch alle organisatorischen und steuernden Prozesse. Das sind beispielsweise die Prozesse der OP-Planung oder der Stationsorganisation, wie etwa der Arbeitsplanung der Station. 

Was unterscheidet die "herkömmliche" Krankenhauslogistik von der nachhaltigen? Oder anders gefragt: Was ist das "Green Hospital-Konzept"?

Wibbeling: Nachhaltigkeit besteht aus drei Aspekten: den sozialen, den ökologischen und dem ökonomischen. Mit unseren Projekten und Lösungen betrachten wir vor allem die ökonomische Perspektive. Wir arbeiten an vielen Projekten für Krankenhäuser, bei denen es ganz konkret um die Einführung von Optimierungen geht, beispielsweise im Bereich der OP-Strukturierung oder der Stationsstrukturierung. Das ist vielfach auch in Kombination mit Baumaßnahmen zu sehen. Denn dann wird das Augenmerk auf die Flächen und die Prozesse, das heißt auf die Logistik, gelenkt, was im operativen Betrieb in dieser Form nicht stattfindet. Dabei gelangt man automatisch auch zu den Themen Soziologie und Ökologie, die bei Baumaßnahmen auch eine Rolle spielen.

Green Hospital wird allgemein viel in Kombination mit energieeffizientem Bauen und energieeffizienten Baustrukturen gesehen. Im Bereich Green Hospital sind dies daher auch die meisten Anwendungsfälle.

Bild: Ein Krankenhaus, mit strahlend blauem Himmel und einer grünen Wiese davor; Copyright: panthermedia.net/jcpjr1111

Ein Krankenhaus ist ein komplexes System, dessen Logistik eine enorme ökologische, ökonomische und soziale Herausforderung darstellt; ©panthermedia.net/ jcpjr1111

Was spricht für Nachhaltigkeit im Krankenhaus beziehungsweise in der Krankenhauslogistik?

Wibbeling: Meistens geht mit Ökologie auch eine effizientere Nutzung einher, allerdings erst im Nachhinein. Zwar steigen die Baukosten durch Energieeffizienzmaßnahmen tendenziell eher an, jedoch werden die Energiekosten durch die Lebensdauer des Gebäudes wieder gesenkt. Gerade bei Bauthemen werden oftmals Argumente für Nachhaltigkeit angebracht.

Was die Organisation betrifft, so sind effizientere Prozesse auch ökologischer, das heißt, dass dadurch Einsparungen im Bereich der Ressourcen einhergehen. Das können physische Ressourcen wie Rohstoffe sein, aber auch solche wie das Personal oder seine Arbeitsbelastung.

Allerdings spricht ein rein grünes Thema nur wenige Geschäftsführer von Krankenhäusern an. Stattdessen geht es vor allem darum, dass mit solchen Optimierungsprojekten auch immer die Effizienz insgesamt gesteigert wird und es dadurch positive Effekte in den anderen Bereichen der Nachhaltigkeit gibt.

Wie kann ein Krankenhaus eine nachhaltige Logistik realisieren?

Wibbeling: Nachhaltigkeit ist ein Dreiklang aus Ökologie, Ökonomie und sozialen Faktoren. Das betrifft zum einen den Baukörper an sich, aber insbesondere auch die Prozesse innerhalb des Krankenhauses. Nachhaltige Logistik bedeutet in diesem Fall, darauf zu achten, die Ressourcen entsprechend effizient einzusetzen, sodass es zu weniger Schwund und Verfall kommt. So sollen Energieeinsparungen nicht nur durch das Gebäude, sondern auch durch den Betrieb, das heißt durch die Nutzung, erzielt werden. Dabei geht es in erster Linie um ökonomische Effekte, wodurch sich eine schöne Kombination – Ökologie und Ökonomie – ergibt. 

Ein weiterer Punkt sind die Mitarbeiter beziehungsweise ihre Entlastung; Arbeitsbelastung, Arbeitsbelastungsspitzen sowie Reduktion der körperlichen Belastung sind Stichwörter in der nachhaltigen Krankenhauslogistik. All diese Faktoren – Baukörper, Prozesse, Mitarbeiter – können auch in einem Dreiklang gesehen werden.

Bild: Viele aufeinandergestapelte Münzen, aus denen eine kleine grüne Pflanze hervorwächst; Copyright: panthermedia.net/vaeenma

Im Idealfall gehen Ökologie und Ökonomie Hand in Hand, doch (noch) wird oftmals die Ökologie der Ökonomie untergeordnet; ©panthermedia.net/ vaeenma

Was meinen Sie, welche Bedeutung wird Nachhaltigkeit in Krankenhäusern in der nahen oder fernen Zukunft spielen?

Wibbeling: Momentan ist die Bedeutung noch gar nicht so hoch. Oder anders ausgedrückt: Nachhaltigkeit wird zurzeit von den Krankenhäusern als nicht besonders wichtig angesehen; gerade die ökologischen Themen werden den ökonomischen Themen untergeordnet. Es stellt sich eher die Frage, inwieweit gesellschaftlicher Druck ausgeübt wird. Momentan sind die Krankenhäuser sehr ökonomisch betrieben, da sie Probleme mit ihrer Wirtschaftlichkeit haben. Das sorgt natürlich für wenig Spielraum, auch ökologische Themen anzugehen. Allerdings kann ich mir vorstellen, dass in der Zukunft auch durch die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen gerade das Thema Nachhaltigkeit weiter in den Fokus rückt. Dann wird man nicht mehr alleine mit einer "grünen" Argumentation eigentlich ökonomischer Themen auskommen, wie es vielfach momentan geschieht.

Kann es ein komplett nachhaltiges Krankenhaus geben?

Wibbeling: Komplett nachhaltig kann es gar nicht sein, da Nachhaltigkeit immer ein Prozess ist. Es gibt keinen Zielzustand, den man erreichen kann. Man kann immer, egal welchen guten oder sehr guten Zustand man erreicht hat, den Weg noch weitergehen.

Die Entwicklungen gehen weiter, was die Materialien und Technologien betrifft. Die Entwicklungen gehen aber auch weiter, was die Menschen, was die Arbeitsumgebung und die Anforderungen an die Arbeitswelt angeht. Man hat diesbezüglich nie das Ziel erreicht. Es ist vielmehr immer nur die Frage, wie ein Krankenhaus in Relation zum Markt oder zu anderen Häusern steht.

Das Interview führte Olga Wart.
MEDICA.de