Krebs-Früherkennung: "Ärzte und Patienten brauchen besseres Informationsmaterial"

Interview mit Dr. Sylvia Sänger, Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf

04/05/2015

 
Foto: Dr. Sylvia Sänger

Dr. Sylvia Sänger; ©privat

Ob Mammografie, Darmspiegelung oder Hautkrebs-Screening – ab einem bestimmten Alter werden uns mehrere Krebs-Früherkennungsverfahren angeboten. Viele wissen jedoch nicht, dass diese Screenings auch mit Risiken verbunden sind. Das fand Dr. Sylvia Sänger vom Universitätsklinikum Hamburg Eppendorf in einer Studie heraus.

Im Interview mit MEDICA.de spricht sie über die Gründe für dieses Unwissen, weitere Studienergebnisse und den Sinn von verschiedenen Früherkennungsverfahren.

Frau Dr. Sänger, in Ihrer Studie zu Krebs-Früherkennungsuntersuchungen fanden Sie heraus, dass sich 46 Prozent der Patienten von ihrem Arzt nicht ausreichend über die Vorteile und Risiken eines Screenings informiert fühlen. Was ist der Grund dafür?


Sylvia Sänger: Jeder Arzt ist dazu verpflichtet, seine Patienten über Untersuchungs- oder Behandlungsmethoden aufzuklären – das gilt auch für die Früherkennung. Er sollte dem Patienten sämtliche Optionen vorstellen und ihre Nutzen und Risiken beschreiben. Erst dann ist ein gemeinsames Abwägen über den Sinn eines Screenings bei dem jeweiligen Patienten möglich. Diese Vorgehensweise wird jedoch leider noch nicht von allen Ärzten praktiziert.

Dies liegt unter anderem an der historischen Entwicklung: Seit 1971 die gesetzlichen Früherkennungsprogramme eingeführt worden sind, ist die Vorstellung entstanden "früh erkannt, Gefahr gebannt". Heute wissen wir, dass das keine Regel ist.

Außerdem stehen uns nur begrenzt Daten zur Verfügung, um Nutzen und Risiken von Krebs-Früherkennung richtig darstellen zu können. Dazu brauchen wir randomisierte kontrollierte Studien, in denen die gesunde Bevölkerung zufällig zwei Gruppen zugeordnet ist. Bei einer der Gruppen werden über viele Jahre die Früherkennungsuntersuchungen durchgeführt, bei der anderen nicht. Dann wird verglichen, wie viele Menschen aus beiden Gruppen vor dem Krebstod gerettet wurden. Solche qualitativ hochwertigen Studien gibt es noch nicht im ausreichenden Maße.

Wie kann man dem entgegenwirken?

Sänger: Wir brauchen nicht nur bessere Studien, sondern auch besseres Informationsmaterial für Ärzte und Patienten. Ich möchte es am Beispiel der Mammografie-Aufklärung darstellen, zu der Frauen ab dem fünfzigsten Lebensjahr alle zwei Jahre eingeladen werden: In dem Informationsblatt von 2003 stand zu Nutzen und Risiken nur, dass der Nutzen den möglichen Schaden überwiegt. 2010 wurde die Broschüre überarbeitet, sodass man auch über die Zahlen zu den sogenannten falsch-positiven Befunden hat. Das bedeutet, dass es passieren kann, dass ein Tumor entdeckt wird, der gar nicht da ist oder eine Frau Entwarnung bekommt, obwohl sie Krebs hat. Diese Information war vorher noch nie so genannt worden.

Foto: Gebährmutter
Foto: Arzt tastet Brust der Frau ab
Foto: Patientin bei einer Mammographie-Untersuchung
Foto: Arzt untersucht Haut eines Patienten
Foto: Grafik eines Darmpolypen
Foto: Zeichnung einer Prostata-Untersuchung
Nachdem man 2014 in einer Studie von Swiss Medical Board herausfand, dass die Mammografie zur Krebs-Früherkennungsuntersuchung generell nochmal auf den Prüfstand gestellt werden sollte, hat der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA) das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) damit beauftragt, die Informationsmaterialien nochmals zu überarbeiten. Frauen sollen dann objektiv über alles informiert werden, was in der Forschung bisher bekannt ist. Und zwar mit solchen statistischen Angaben, die sie auch verstehen können.

Welche weiteren Erkenntnisse haben Sie aus Ihrer Studie gewonnen?

Sänger: Viele Menschen vertrauen ihrem Arzt und verlassen sich auf seine Empfehlung. Wenn der Arzt also zu einem Screening rät, dann macht der Patient es auch meistens – das haben 84 Prozent unserer Studienteilnehmer bestätigt.

Es ist gut und wichtig, dass der Arzt erster Ansprechpartner in einer solchen Situation ist. Aber sowohl Ärzte als auch Patienten brauchen eine gute Datenbasis, um miteinander zu entscheiden, welche Untersuchung im individuellen Fall sinnvoll ist. Hier müssen auch die Bürger umdenken. Ich kann als Patient nicht meine Verantwortung im Wartezimmer wie einen Mantel abgeben und erwarten, dass der Arzt mir sagt, was ich machen soll. So funktioniert die gemeinsame Entscheidungsfindung nicht.

Welche Folgen hat das fehlende Wissen für die Patienten selbst und für die Gesundheitswirtschaft insgesamt?

Sänger: Es kann eine große psychische Belastung für die Patienten bedeuten. Als Beispiel nenne ich den Test auf verborgenes Blut im Stuhl, der ab dem 50. Lebensjahr jährlich empfohlen wird: Aus Studien wissen wir, dass von 1.000 Personen mit positiven Testergebnissen 100 Darmkrebs haben und 900 nicht. Also von 1.000 positiv getesteten Personen bekommen 900 einen falschen Alarm. Der Arzt sagt: "Sie haben Blut im Stuhl und es könnte Krebs sein." Das muss dann durch weitere Tests geprüft werden. Die nächsten zwei bis drei Tage, bis die endgültigen Ergebnisse vorliegen, sind die Patienten psychisch stark belastet.

Zu den psychischen Belastungen der Patienten kommen auch wirtschaftliche Belastungen für die Gesellschaft. Denn es müssen weiterführende Untersuchungen gemacht werden, die dann im Endeffekt bei 900 von 1.000 Fällen unnötig sind. Möglicherweise kommt es auch zu unnötigen Behandlungen, welche weitere Kosten verursachen.

Machen Krebs-Screenings also keinen Sinn?

Sänger: Sie machen absolut Sinn, gerade dann, wenn persönliche Risiken bestehen. Wenn meine Mutter beispielsweise an Brustkrebs erkrankt ist, dann würde ich sehr wohl zur Mammografie gehen und diese Untersuchung wahrnehmen. Der Arzt sollte mich aber trotzdem über die Risikofaktoren aufklären. Krebs-Früherkennungsuntersuchungen sind im Einzelfall sinnvoll. Ob sie jedoch für die gesamte Bevölkerung sinnvoll sind, das müssen wir als Gesellschaft regelmäßig auf den Prüfstand stellen.

Das Tuberkulose-Screening kann hier ein Vorbild sein: Aus meiner Kindheit erinnere ich mich noch, dass meine Eltern eine Zeit lang regelmäßig zu sogenannten Röntgenreihenuntersuchungen eingeladen wurden. Gesunde Menschen wurden durchleuchtet, um die Menschen herauszufinden, die möglicherweise an einer Tuberkulose erkrankt sind. Obwohl in den siebziger Jahren nur noch 18 von 10.000 Menschen eine Tuberkulose hatten, hielt man noch lange an der Reihenuntersuchung fest, bis 1988 die ungezielte Röntgenreihenuntersuchung in Deutschland gesetzlich eingestellt wurde. Diesen Mut zur Überprüfung der Relevanz eines Screenings müssen wir auch heute haben.
Foto: Michalina Chrzanowska; Copyright: B. Frommann

©B. Frommann

Das Interview führte Michalina Chrzanowska.
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