Krebsvorsorge: Nützlich und letztendlich individuell

Es gibt im Leben eines Erwachsenen viele Entscheidungen, darunter die zur Krebsvorsorge. Sie ist freiwillig und viele wägen ab: "Hin oder nicht, will ich das Ergebnis wissen?" Nicht nur Screening-Teilnehmer, sondern auch Wissenschaft, Politik und Gesundheitswesen machen sich dazu Gedanken: Sie fragen sich bei jedem neuen Früherkennungsverfahren "Was nützt es und wer soll es bezahlen?"

04.05.2015

 
Foto: Wegweiser, die auf "Vorsorgen" und "Sorgen" hinweisen

Sorgen oder doch lieber Vorsorgen? Aus Patientensicht gibt es Gründe sowohl für als auch gegen Screening-Untersuchungen; ©panthermedia.net/ keport

"Die Einladung zur Darmkrebsvorsorge ist eine Einladung, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen – sie ist keine Einberufung", sagt Dr. Johannes Bruns, Generalsekretär der Deutschen Krebsgesellschaft e.V. Diese Einladung erhalten Versicherte mit 55 Jahren von ihrer Krankenkasse im Rahmen einiger Modellprojekte. Hintergrund für die Einführung des Einladungssystems sind geringe Teilnehmerzahlen bei dieser Vorsorgeuntersuchung und die Anpassung an europäische Standards zur Krebsvorsorge (Quelle: Bundesministerium für Gesundheit, Zugriff 14.04.2015).

Für das Fernbleiben von der Untersuchung lassen sich mindestens zwei offensichtliche Gründe finden: Erstens könnten die Menschen überhaupt nicht wissen, dass es bestimmte Untersuchungen gibt oder dass diese von den Krankenkassen bezahlt.

"Bei manchen Früherkennungsverfahren wird noch über die beste Organisationsform diskutiert: Beim Brustkrebsscreening werden Frauen zum Beispiel direkt zur Vorsorge eingeladen. Eine Alternative ist ein sogenanntes 'opportunistisches Screening', also die direkte Ansprache von Menschen, wenn sie sowieso die Arztpraxis besuchen." Durch die aktive Einladung dürften zumindest mehr potentielle Teilnehmer erreicht werden.

Ein weiterer Vorteil der Darmspiegelung: Mit dem Koloskop lassen sich Polypen, mögliche Vorstufen von Darmtumoren, direkt entfernen. Folgeeingriffe zur Biopsie, wie etwa bei Verdacht auf Brustkrebs, bleiben den Patienten damit erspart.

Foto: Arzt hält Spitze eines Endoskops in Richtung Kamera

Die Koloskopie zählt zu den wichtigsten Untersuchungen zur Früherkennung. Der Eingriff ist außerdem sehr sicher; ©panthermedia.net/ xixinxing

Gibt ein Screening immer 100%?


Mit grundlegenden Informationen und ausreichender Beratung beim Arzt können Bürger sich individuell für oder gegen eine Vorsorge entscheiden – sofern sie tatsächlich informiert sind. Die Erörterung von Kosten, Aufwand und Nutzen sowie potenziellem Schaden eines Verfahrens ist demgegenüber für das Gesundheitswesen relevant. Screening soll Teilnehmer am besten nicht belasten, etwa durch Strahlung, und technisch und finanziell möglichst wenig aufwendig sein, damit auch viele Menschen davon profitieren können.

Außerdem sollen Verfahren stabil und aussagekräftig sein. Darunter fällt, wie zuverlässig ein Verfahren Vorstufen von Tumoren erkennt (richtig-positives Ergebnis), wie oft es Menschen als gesund erkennt (richtig-negativ) oder wie oft sie fälschlicherweise mit einer Vorstufe diagnostiziert werden (falsch-positiv) oder eine Vorstufe übersehen wird (falsch-negativ). "Früherkennung, selbst mit technisch aufwendigen Verfahren, liefert nie hundertprozentig treffsichere Ergebnisse", stellt Bruns klar. "Screening-Teilnehmer werden mitunter mit positiven Befunden konfrontiert, obwohl sie die getestete Erkrankung in Wirklichkeit nicht haben. Das ist einerseits eine psychische Belastung und verursacht andererseits Folgekosten durch weitere Untersuchungen zur Abklärung des Befundes." Auch falsch-negative Ergebnisse, bei denen eine Krebserkrankung übersehen wird, können vorkommen, sodass eine rechtzeitige Behandlung versäumt werden könnte. Diese potenziellen 'Ungenauigkeiten' stellen den Grat dar, den Ärzte und das Gesundheitssystem beschreiten, wenn es um Screenings geht.

Anhand derartiger Daten wird, zusammen mit einer Aufstellung der Kosten, entschieden, welche Untersuchungen die Krankenkassen in Deutschland bezahlen und welche die Patienten selbst bezahlen müssen. Neben der Zuverlässigkeit wird auch der Nutzen der Diagnose herangezogen. Er wird darüber definiert, wie viele Erkrankungen rechtzeitig entdeckt werden, sodass die Patienten geheilt werden können.

"Das ist eine Frage der Dimension", erklärt Bruns. "Wenn man zum Beispiel annimmt, dass bei 1.000 Frauen im Brustkrebs-Screening bei einer ein Tumor rechtzeitig entdeckt und diese Patientin geheilt wird, klingt das zuerst nach unheimlich wenig. Rechnet man das wiederum hoch auf den weiblichen Teil der Bevölkerung, dem Screening angeboten wird, wird klar, wie viele Frauen es eigentlich sind." Eine Modellrechnung für 1.000 untersuchte Patientinnen nennt etwa der Krebsinformationsdienst des Deutschen Krebsforschungszentrums. Ungefähre Zahlen zum Nutzen des Mammografie-Screenings nennt außerdem der Gemeinsame Bundesausschuss G-BA in einem Faltblatt zur Patienteninformation. (Zugriff 14.04.2015)

Foto: Patientin bei der Mammographie

Welchen Nutzen ein Screening hat, ist letztendlich eine Frage der Dimension - nämlich dann, wenn man die Anzahl der rechtzeitig erkannten und geheilten Krebserkrankungen auf die Anzahl der potenziellen Screening-Teilnehmer hochrechnet; ©panthermedia.net/leaf

Screening: Pro oder Contra? Hauptsache informiert!


Für das Gesundheitswesen lässt sich diese Frage mithin einfach über die Zahl der Fehldiagnosen und die Verringerung der Sterblichkeit beantworten. Für den Patienten als Individuum bedeutet die Statistik allerdings wenig, denn Krebs oder eine Vorstufe hat er oder nicht. Letztendlich muss er sich selbst für oder gegen die Vorsorge entscheiden. Angst vor den Verfahren und möglichen Befunden werden für einige ein wichtiger Grund dagegen sein, für andere wird die Gewissheit, "dass da nichts ist", oder das Wissen, dass die Vorstufe eines Tumors gut therapiert werden kann, überwiegen. "Screening-Verfahren sind Angebote der Krankenkassen", sagt Bruns. "Ob man sie nutzen möchte, ist eine persönliche Entscheidung."

Verständlich aufbereitete Forschungsergebnisse und eine gute Beratung helfen bei der Entscheidung, ebenso wie Erlebnisse aus dem persönlichen Umfeld und der öffentliche Diskurs, auch wenn Beiträge hier manchmal sehr unerwartet kommen: Eine prominente Person, die ein extremes Signal zum Screening gesendet hat, ist die amerikanische Schauspielerin Angelina Jolie. Bei ihr hat eine Genanalyse eine Mutation des BRCA1-Gens gefunden, das das Risiko für Brust- und Eierstockkrebs deutlich erhöht. Jolie entschloss sich deshalb zur präventiven Entfernung beider Organe. Dieser Entschluss, und dass sie ihn publik gemacht hat, hat einerseits positive Resonanz ausgelöst: In den Medien wurde sie für einen "mutigen Schritt" gelobt, sowohl von Redaktionen als auch vom Publikum. Andere warfen ihr einen "vorauseilenden Gehorsam vor der Medizin" vor, "Selbstvermarktung" und dass sie "das Leben mit einem Risiko scheue und am besten stets zuhause bleiben solle".

Als Mediziner sieht Bruns das etwas differenzierter: "Zunächst ist das nur eine persönliche Entscheidung, die man zur Kenntnis nehmen kann. Sie sollte keine Diktion werden für diejenigen mit genetischem Risiko. Ihre Veröffentlichung hat aber dazu geführt, dass sich potenziell betroffene Menschen mit dem Thema auseinandersetzen und sich letztendlich über intensivere Früherkennung Gedanken machen."

Foto: Timo Roth; Copyright: B. Frommann

©B. Frommann

Timo Roth
MEDICA.de