Krisenmanagement: Die Gesamtheit im Blick

Interview mit Prof. Ronald Glasberg, Programme Director "Master of Entrepreneurship" an der SRH in Berlin

02.03.2015

 
Foto: Prof. Ronald Glasberg

Prof. Ronald Glasberg ; ©SRH

Wie sollte ein Krankenhaus in einer Krisensituation am besten reagieren und auf welche Krisenfälle sollte es vorbereitet sein? Wir sprachen zum Thema mit Prof. Ronald Glasberg von der SRH Hochschule Berlin.

Herr Prof. Glasberg, wie sollten sich Krankenhäuser auf Krisensituationen vorbereiten?

Ronald Glasberg: Lassen Sie uns die Frage differenziert betrachten. Natürlich gibt es eine Vielzahl an Handbüchern, in denen Richtlinien und Qualitätsvorgaben definiert sind. Sie finden aber nur schwer Einzug in den Alltag, da jedes Krankenhaus seine eigenen spezifischen Herausforderungen zu meistern hat. So ist es für einen Mitarbeiter aus einem Krankenhaus, das auf einem Berg liegt, wenig interessant was er bei Hochwasser zu tun hat. Für ein Krankenhaus an einem Fluss aber schon. Jedes Krankenhaus hat also andere Rahmenbedingungen. Demzufolge muss es auch entsprechend auf seine spezifischen Krisenszenarien vorbereitet werden. Zur Identifikation der wesentlichen Krisenszenarien haben wir uns im Rahmen des Forschungsprojektes „Krisenmanagement in Krankenhäusern“ auf vier Kernbereiche konzentriert: Medizin, Personal, Versorgung (Energie) und IT-Systeme. Alle in den vier Bereichen identifizierten Krisen wurden zunächst analysiert und anschließend nach „Gefährlichkeit“ und „Auftrittswahrscheinlichkeit“ bewertet. Abschließend wurden für die wichtigsten Krisen spezifische Präventions- bzw. Reaktionsmaßnahmen entwickelt.

Können Sie Beispiele nennen?

Glasberg: In der Gesamtbetrachtung rangieren unter den Top 5 Krisen „Fachkräftemangel“, „systematisches Auftreten von Hygienemängeln“, „akuter Personalausfall in Folge einer Pandemie“, „Rufschädigung“ und „Brand“. Insgesamt tritt das Thema Personal als Krisenauslöser verstärkt auf. So ist vor allem in ländlichen Gebieten der Fachkräftemangel ein Problem, denn im Vergleich zu städtischen Regionen schaffen es die Krankenhäuser kaum, adäquaten Nachwuchs zu finden und offene Stellen zu besetzen. Auch der akute Personalausfall infolge einer Pandemie wurde als Krisenszenario für deutsche Krankenhäuser erkannt. Die Teilnehmer der Experten-Workshops schätzten dieses Szenario als besonders wichtig ein, da ein Auftritt einer Pandemie zu einer doppelten Belastung in den Krankenhäusern führen würde. Zum einen muss das Krankenhaus als Teil der kritischen Infrastruktur betroffene Patienten aufnehmen, zum anderen ist das Personal unter Umständen selber von der Pandemie bedroht. Weiter ist die „unzureichende Kommunikation bei Umstrukturierungen“ hervorzuheben. Eine fach- und abteilungsübergreifende Kommunikation mit den Mitarbeitern ist dabei extrem wichtig.

Wie können die häufigsten Fehler vermieden werden?

Glasberg: Das Auftreten von Krisen kann nur dann vermieden werden, wenn die Ursachen im Vorfeld bereits erkannt und geeignete Präventions- und Reaktionsmaßnahmen den jeweiligen Akteuren bewusst sind. Ist die Krise eingetreten, muss jeder Akteur wissen, wie zu handeln ist und welche Maßnahmen sofort einzuleiten sind. Dabei kann es nicht darum gehen, im Krisenfall in Handbüchern nachzuschlagen. Man muss also bewusst agieren bzw. reagieren können. Wir haben aus diesem Grund ein softwarebasiertes Trainings-Tool entwickelt, das den Krankenhausmitarbeitern solche Situationen spielerisch nahebringt. Ähnlich wie bei Flugzeugpiloten, die am Simulator ausgebildet werden, und einen Notfall trainieren, bevor er auftritt. Mithilfe des Trainings-Tools können sicherheitsrelevante Defizite und aktuelle Reifegrade im Krankenhaus aufgezeigt sowie idealtypische Lösungsansätze entwickelt werden. Damit werden Führungskräfte für die krankenhausspezifischen Krisen und deren Ursachen sensibilisiert und bei ihren Entscheidungen unterstützt.

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Das Interview führte Simone Ernst.
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