Lebensstiländerung kann erhöhten Blutzucker nicht immer senken

14.10.2015
Foto: Frau mit Apfel, Getränk und Handtuch

Eine Lebensstiländerung mit einer vermehrten körperlichen Aktivität und einer gesunden Ernährung gilt als die wichtigste Maßnahme bei der Vorbeugung des Typ 2 Diabetes. ; © panthermedia.net/Vadymvdrobot

Wissenschaftler der Abteilung Innere Medizin IV am Universitätsklinikum Tübingen und dem Institut für Diabetesforschung und Metabolische Erkrankungen (IDM) des Helmholtz Zentrums München haben jetzt im Journal Diabetologia, dem Organ der Europäischen Gesellschaft zur Erforschung des Diabetes, Erkenntnisse zum Einfluss einer Lebensstiländerung auf das Risiko an Diabetes zu erkranken veröffentlicht.

Sie zeigten, dass eine insulinresistente Fettleber und eine geringere Insulinproduktion darüber bestimmen, ob man das Risiko-Phänotyp besitzt, bei dem die Lebensstilintervention nicht mit einem ausreichenden Absenken des Blutzuckerspiegels einher geht. Inwiefern diese Hoch-Risiko-Personen von einer intensiveren Lebensstilintervention profitieren, wird aktuell in der Prädiabetes-Lebensstil-Interventionsstudie (PLIS) untersucht – einer deutschlandweiten Studie des Deutschen Zentrums für Diabetesforschung (DZD), die in Tübingen koordiniert wird.

Prof. Norbert Stefan und Prof. Andreas Fritsche konnten jetzt gemeinsam mit ihren Kollegen anhand von Daten aus dem Tübinger Lebensstil Interventionsprogramm (TULIP) zwei Phänotypen identifizieren, durch die sich vorhersagen lässt, ob aus einer Lebensstilintervention eine ausreichend hohe Reduktion von erhöhten Blutzuckerwerten zu erwarten ist.

Patienten mit hohem Risiko für eine Diabeteserkrankung können erkannt, gezielt betreut und durch eine intensivierte Lebensstilintervention oder Medikamente unterstützt werden.

In der Untersuchung wurden die Daten von 120 Personen mit einem Prädiabetes ausgewertet. Sie zeigen, dass nach einer neunmonatigen Lebensstilintervention bei 40 Prozent der Teilnehmer keine Verbesserung der erhöhten Blutzuckerwerte eintrat, obwohl sie erfolgreich waren bei der Reduktion ihres Gewichts und ihrer Fettmasse.

Als Erklärung für dieses Nicht-Ansprechen in Bezug auf die Senkung des Blutzuckers konnten die Wissenschaftler eine Hoch-Risiko-Konstellation identifizieren. Dies waren Personen mit einer nichtalkoholischen Fettleber und/oder einem Insulinproduktionsdefekt. "Diese Menschen hatten eine fast identische Gewichtsabnahme im Vergleich zu denen Personen ohne diese Konstellation. Die Wahrscheinlichkeit, dadurch normale Blutzuckerwerte zu erreichten war aber um das 4,5-fache geringer", so Stefan. Die Normalisierung erhöhter Blutzuckerwerte im Rahmen einer Lebensstilintervention ist seit langem als ein sehr wichtiger Eckpfeiler in der Diabetesprävention bekannt.

Die neuen Erkenntnisse haben zwei wichtige Implikationen für die Prävention des Diabetes und seiner Folgeerkrankungen. Erstens konnten die Forsche zeigen, dass Menschen mit erhöhtem Blutzuckerspiegel sich durchaus stark unterscheiden hinsichtlich des Risikos einer Diabeteserkrankung. Die genauere Charakterisierung der Ursachen für diesen Prädiabetes kann in Zukunft eine Risikostratifizierung ermöglichen, die auch für Erkrankungen wie fortgeschrittene Fettlebererkrankung und Herz-Kreislauf-Erkrankungen, die mit der Entstehung des Typ 2 Diabetes einhergehen, bedeutsam ist.

Zweitens können Menschen mit Prädiabetes gezielter und effektiver behandelt werden. Hoch-Risiko-Personen können eine intensivere Lebensstilintervention erhalten. Dieses Vorgehen scheint erfolgversprechend, da auch bei diesen Patienten die größere Gewichtsabnahme mit einer stärkeren Blutzuckersenkung einhergeht.

"Dies muss wissenschaftlich noch weiter überprüft werden", erklärt Fritsche. In einer deutschlandweiten Studie des Deutschen Zentrums für Diabetesforschung mit mehr als 1000 Teilnehmern wird untersucht, ob bei Menschen mit erhöhtem Blutzucker, einer Insulinproduktionsstörung oder einer Fettleber, eine intensivierte Lebensstilintervention Vorteile bringt.

MEDICA.de; Quelle: Universitätsklinikum Tübingen

Mehr über das Universitätsklinikum Tübingen unter: www.medizin.uni-tuebingen.de