Der Arzt hatte nach der Leichenschau einen natürlichen Tod attestiert. Doch als der Bestatter zu dem alten Mann kam, wurde er stutzig. Er entdeckte eine bräunliche Flüssigkeit auf seinem Pyjama. Im Institut für Rechtsmedizin in Aachen entpuppte diese sich als Blut. Der Grund dafür war auch schnell gefunden: Ein Projektil steckte in der Lunge. Der vermeintlich an einem natürlichen Tod verstorbene Rentner hatte sich in Wirklichkeit eine Kugel in die Brust gejagt. Nur einer der Fälle, den der Privatdozent Dr. Karl-Heinz Schiwy-Bochat, der mittlerweile Leiter der forensischen Morphologie am Institut für Rechtsmedizin der Universität Köln ist, während seiner beruflichen Laufbahn auf dem Seziertisch hatte.

„Eigentlich muss der Arzt die Leiche entkleiden und von Kopf bis Fuß, von vorne und von hinten untersuchen“, erklärt Schiwy-Bochat. „Da der alte Mann, als der Bestatter kam, allerdings immer noch seinen Pyjama trug, wird das wohl eher eine Leichenschau von der Wohnzimmertür aus gewesen sein.“ Wenn jemand zu Hause stirbt, wird meist der Hausarzt gerufen. Doch der hat oft Hemmungen den Toten im Kreis der Angehörigen zu entkleiden und gründlich zu untersuchen. Laut einer Studie des Instituts für Rechtsmedizin in Münster werden so etwa 10.000 Todesfälle pro Jahr irrtümlich als natürlich klassifiziert. Darunter wäre fast auch der Suizid des alten Mannes aus Aachen gefallen.

Es ist auch die Scheu den trauernden Angehörigen „die Polizei ins Haus zu holen“, wie Schiwy-Bochat sagt, die die Ärzte daran hindert, auf dem Totenschein bei der Rubrik Todesart „unklar“ oder „nicht natürlich“ anzukreuzen. In beiden Fällen muss in Nordrhein-Westfalen umgehend die Polizei benachrichtigt werden. Dabei ist selbst bei einer gründlichen Leichenschau die Todesursache häufig von außen nicht ersichtlich. Obduziert wird allerdings nur, wenn der Staatsanwalt das anordnet. Sobald eine natürliche Todesart attestiert ist, kann die Leiche zum Bestatter.

„In Westdeutschland werden bei Leichenschauen etwa zu 40 Prozent Fehldiagnosen gestellt“, berichtet der Rechtsmediziner. Er weiß von einem Teufelskreis zu berichten: „Da der Herzinfarkt als die häufigste Todesursache gilt, wird oft, wenn nichts anderes ersichtlich ist, einfach der Herzinfarkt auf den Totenschein eingetragen. Das verfälscht dann natürlich die Statistik, die wiederum Einfluss auf die Gesundheitspolitik hat.“

Bei einer Leichenschau gilt es oft unterschiedliche Interessen zu vereinen. Die Polizei interessiert laut Schiwy-Bochat eigentlich nur ob ein Fremdverschulden vorliegt. Die Hausärzte möchten die trauernde Familie nicht zusätzlich durch eine gründliche Untersuchung belasten. In einem Seminar mit dem Titel „Die Ärztliche Leichenschau“, das im Rahmen des MEDICA Kongresses unter der Leitung von Schiwy-Bochat stattfinden wird, werden diese Konflikte ein zentrales Thema sein. Neben dem Rechtsmediziner werden auch ein Polizist und ein Notarzt ihre Sichtweise schildern und diskutieren. Außerdem können die Teilnehmer auch ganz praktische Tipps erwarten, etwa was bei einer Leichenschau häufig übersehen wird.

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