Es gibt ausgeklügelte Scoring-Systeme, welche die Prognose nach akutem Myokardinfarkt anhand bestimmter Parameter recht genau vorhersagen können. Merkwürdigerweise wurde bislang aber noch kaum untersucht, welchen Einfluss die Therapie gemäß anerkannter Leitlinien auf die Prognose hat.

Eine französische Studie stellte sich nun genau dieser Frage. Sechs Monate lang untersuchten die Studienautoren in einem bestimmten Gebiet prospektiv alle Patienten, die wegen eines akuten Myokardinfarktes in eine Klinik eingeliefert wurden. Ein umfangreicher Berichtsbogen dokumentierte den Zustand des Patienten zum Zeitpunkt der Aufnahme und die eingeleitete Therapie, einschließlich Strategien zur Revaskularisation und dem Einsatz empfohlener Wirkstoffe. Alle Patienten wurden ein Jahr lang nachverfolgt.

754 Patienten, 333 mit einer ST-Strecken-Erhöhung und 421 ohne diese nahmen an der Studie teil. Die Leitlinien-Compliance lag bei 66 Prozent. Das heißt: In 66 Prozent der Fälle entsprach die eingeleitete Behandlung tatsächlich genau dem empfohlenen Vorgehen. Dabei gab es einen klaren Zusammenhang mit der Schwere der Symptome: Je ernster der Zustand des Patienten, desto weniger hielten sich Ärzte an das empfohlene Vorgehen.

Die Ein-Jahres-Mortalität lag bei 11,5 Prozent. Nachdem man den Zustand des Patienten zu Behandlungsbeginn statistisch herausgerechnet hatte, blieben drei Variablen übrig, die unabhängig voneinander die Ein-Jahres-Prognose bestimmen: die Art des Myokardinfarktes, das Risikoprofil des Patienten und die Compliance der Ärzte in Bezug auf die offiziellen Behandlungsleitlinien. Dieses Ergebnis unterstreicht nach Ansicht der Studienleiter die Notwendigkeit, sich an Leitlinien zu halten.

MEDICA.de; Quelle: European Heart Journal 2005, Vol. 26, S. 873-880