Lungenkrebs: Ein Bluttest überprüft die Wirkung von Therapie

Interview mit Jörg Teubner, QIAGEN

01.06.2015

 
Foto: Jörg Teubner

Jörg Teubner; ©Qiagen

Können Flüssigbiopsien der neue Trend in der Krebsdiagnostik werden? Diese Frage beschäftigt die Medizinwelt seit einiger Zeit. Der weltweit erste zugelassene Test für Lungenkrebs auf Basis von Flüssigbiopsien zeigt, dass es funktionieren kann. Dennoch sind weitere Erkenntnisse und Forschung notwendig, um die weniger invasive Methode in der Diagnostik zu etablieren.

Wir sprachen mit Jörg Teubner von Qiagen über den neuen Bluttest, weitere Entwicklungen des Unternehmens und warfen einen Blick in die Zukunft von Flüssigbiopsien.

Herr Teubner, welche Bedeutung haben Flüssigbiopsien derzeit in der Krebsdiagnostik?

Jörg Teubner
: Wenn man heutzutage von Flüssigbiopsien spricht, konzentriert man sich auf das Geschehen in Gewebstumoren, wie Lungen- oder Darmkrebs, und analysiert Informationen bezüglich DNA oder Zellen aus dem Blut. Zurzeit werden Flüssigbiopsien bei soliden Tumoren hauptsächlich im Bereich der klinischen Forschung angewendet. Noch, muss man hinzufügen, denn auch in der Routinediagnostik nimmt das Thema inzwischen an Fahrt auf.

Im Frühjahr 2014 hat Qiagen eine Zulassung für den ersten Test für Lungenkrebs auf Basis von Flüssigbiopsien erhalten. Worum handelt es sich dabei genau?

Teubner
: Mit unserem Test können Ärzte überprüfen, ob eine bestimmte Medikamententherapie bei Patienten mit nicht-kleinzelligem Lungenkarzinom anschlagen kann oder nicht. Dabei wird frei zirkulierende DNA aus Blutplasma auf bestimmte Mutationen im sogenannten EGF-Rezeptor der Zelle untersucht. Diese Mutationen können Auslöser für diese Art von Lungenkrebs sein.

In Deutschland geht man davon aus, dass man bei bis zu 20 Prozent der Patienten mit nicht-kleinzelligem Lungenkarzinom die Therapie nicht einleiten kann, weil der Mutationsstatus des EGF-Rezeptors per Gewebebiopsie nicht bestimmt werden konnte. Bei diesen Patienten ist die Testung im Blut die einzige Möglichkeit, den Status der Mutationen festzustellen.

Inwieweit lässt sich diese Methode auf andere Krebsarten übertragen?

Teubner
: Krebserkrankungen sind je nach Art zumeist mit spezifischen Biomarkern und deren Mutationen assoziiert. Im Unterscheid zu anderen Krebsarten ist dies beim nicht-kleinzelligen Lungenkarzinom der EGF-Rezeptor. Deshalb ist dieser Test nicht ohne weiteres auf eine andere Krebsart übertragbar. Aber das Grundprinzip, wie der Test funktioniert – nämlich, dass man Patienten eine gewisse Menge Blut entnimmt, das Blut von zellulären Bestandteilen befreit und die dann noch im Plasma vorhandene frei zirkulierende DNA auf bestimmte Biomarkermutationen untersucht – lässt sich auch bei anderen Indikationen anwenden.

Foto: Laborproben

Flüssigbiopsien sind in der Regel weniger belastend als Gewebebiopsien. Dennoch eignen sie sich nicht für alle Patienten und auch nicht für jede Art und jedes Stadium von Krebs; © panthermedia.net/matej kastelic

In Kooperation mit anderen Partnern entwickelt Qiagen neuartige Verfahren zur Extraktion von Exosomen aus Blut und anderen Flüssigkeiten. Welche davon könnten in der Krebsforschung angewendet werden und warum?

Teubner
: Damit komplettieren wir das Bild von Flüssigbiopsien. Momentan beschäftigen wir uns mit drei verschiedenen Bereichen: freizirkulierende DNA (darauf basiert unser EGFR-Test, der bereits zugelassen ist), zirkulierende Tumorzellen (hier extrahiert man spezifisch Zellen des Tumors) und die Exosomen.

Exosomen bestehen aus verschiedenen Bestandteilen, wie RNA, DNA und Proteinen, die von einer Zelle in die Umgebung abgegeben werden. Bekannt ist, dass die kleinen Vesikel unter anderem an der Krebsentstehung beteiligt sein können. Die Verfahren, die wir in diesem Bereich entwickeln, könnten grundsätzlich auf alle Krebsarten anwendbar sein. Es ist ein sehr interessanter Bereich, der allerdings noch viel Forschung benötigt.

Die Deutsche Gesellschaft für Pathologie nahm kürzlich Stellung zum Thema Flüssigbiopsien. "Liquid Biopsy Analysen (…) weisen zu große Unsicherheiten auf, um damit verlässliche Aussagen für Diagnostik oder Therapie treffen zu können", heißt es in der Pressemitteilung der DGP*. Wie sieht das ein Hersteller dieser Verfahren?

Teubner
: Natürlich können Flüssigbiopsien in der Diagnostik angewendet werden. Unser zugelassener Test, der auf zirkulierende DNA in Plasma basiert, zeigt das ja.

Dennoch teilen auch wir die Meinung der DGP, dass Biopsien bei soliden Tumoren derzeit nicht komplett durch Flüssigbiopsien ersetzt werden können. Die Frage ist: Was macht man in Fällen, in denen das Gewebe nicht verfügbar ist? Oder wenn häufigere Untersuchungen notwendig sind, um den Krankheitsverlauf zu begleiten oder spätere Therapieanpassung vorzunehmen? Hier sieht man eindeutig den Trend zu Flüssigbiopsien, weil mehrfache Biopsien des Tumors schwerkranken Patienten häufig nicht zugemutet werden können. Gewebebiopsien sind invasiv und dadurch auch immer mit einem gewissen Risiko verbunden.

Ich finde, dass man sich dem Thema noch stärker zuwenden muss. Wir brauchen zunächst deutlich mehr Erkenntnisse. Nichtsdestotrotz gibt es Fälle, in denen diese Verfahren heute schon diagnostisch angewendet werden. Und so verstehe ich auch die Haltung der DGP: Das Thema differenziert betrachten, die Technologie einsetzen, wenn gesicherte Erkenntnisse vorliegen, und dort weiter forschen, wo noch Klärungsbedarf besteht.

*Pressemitteilung der DGP vom 18.05.2015: http://www.dgp-berlin.de/downloads/public/presse/PM_Liquid%20Biopsy_18_05_2015.pdf
Foto: Michalina Chrzanowska; Copyright: B. Frommann

©B. Frommann

Das Interview führte Michalina Chrzanowska.
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