Lymphdrüsenkrebs: Neuer Ansatzpunkt für eine Behandlung

22.11.2016

Bisherige Standardtherapien zur Behandlung von Lymphdrüsenkrebs (Morbus Hodgkin, Hodgkin Lymphom) bringen jüngeren Patienten gute Heilungschancen. Doch bei älteren Patienten wirken die Therapien oftmals nicht so gut. Nach wie vor stellt für den behandelnden Arzt eine große Herausforderung dar, dass die Ausbreitung des Lymphoms sich nicht kontrollieren lässt.

Bild: Elektronenmikroskopische Aufnahme von Lymphomzellen: Wilting

Elektronenmikroskopische Aufnahme der Interaktion von Lymphomzellen mit Epithelzellen der Blutgefäße; © Wilting

Ein interdisziplinäres Forscherteam der Universitätsmedizin Göttingen (UMG) unter Leitung der Klinik für Hämatologie und Medizinische Onkologie, hat in Kooperation mit Kollegen aus Brno (Tschechische Republik) jetzt einen molekularen Faktor gefunden, der das gerichtete Wanderungsverhalten von Hodgkin Lymphomzellen reguliert und somit für die Ausbreitung der Tumorzellen von großer Bedeutung zu sein scheint. Die Ergebnisse der Forscher zeigen, dass das Molekül WNT5A ein Netzwerk von Faktoren reguliert, die die zielgerichtete Wanderung der Lymphomzellen in Richtung auf das Gefäßsystem koordinieren. Diese neuen Erkenntnisse können dazu beitragen, Behandlungskonzepte zu entwickeln, welche die Ausbreitung des Lymphoms behindern und zudem die Nebenwirkungen von aktuellen Therapien bei Lymphdrüsenkrebs verringern. Die Forschungsergebnisse sind veröffentlicht in Oncogene und Leukemia (NPG).

Das Hodgkin-Lymphom ist eine bösartige Erkrankung des Lymphsystems (malignes Lymphom). Bei dieser Krebserkrankung entarten Zellen des lymphatischen Systems, die sogenannten B-Zellen. Die Heilungsaussichten sind in vielen Fällen gut, vor allem, wenn der Morbus Hodgkin frühzeitig behandelt wird. Typisch für die Erkrankung ist, dass benachbarte Lymphknoten betroffen sind. Das Hodgkin Lymphom stellt aus histo-pathologischer Sicht einen besonderen Tumor dar, da nur ein Prozent der Tumormasse aus Tumorzellen besteht, eingebettet in eine sehr komplexe zelluläre Umgebung (Mikroenvironment). Das Mikroenvironment spielt daher in der Pathophysiologie des Hodgkin Lymphoms eine sehr wichtige Rolle. Auch wenn es schon große Fortschritte beim Verständnis molekularer Prozesse gibt, die innerhalb der Lymphomzellen ablaufen, sind die Interaktionen mit dem Mikroenvironment und die Ausbreitung der Tumorzellen noch weitgehend unerforscht.

Auf die Spur einer möglichen Ursache für die Ausbreitung von Lymphomzellen brachte das Göttinger Forscherteam eine vergleichende molekulare Analyse verschiedener Lymphomzellen. Diskussionen mit Kollegen der DFG Forschergruppe 942 über Signalwege bei metastasierendem Brustkrebs lenkten den Blick der Lymphomforscher auf einen speziellen Signalweg: Der WNT-Signalweg ist als ein wichtiges Element der Metastasierung bei Brustkrebs identifiziert. Dass der WNT-Signalweg auch für das Migrationsverhalten von Hodgkinzellen und die Interaktion mit Gefäß-Endothelzellen wichtig ist, konnte durch den Einsatz spezifischer Hemmstoffe jetzt erstmals gezeigt werden. "Das war wirklich überraschend, denn bisher hatte man den WNT-Signalweg noch nie mit einer Funktion bei der Wanderung der Hodgkin Lmyphomzellen in Verbindung gebracht", sagt die Erstautorin der Publikation, Dr. Franziska Linke aus der Klinik für Hämatologie und Medizinische Onkologie der UMG.

In weiteren Untersuchungen gingen die Göttinger Lymphom-Forscher der Frage nach, welche Rolle das Protein WNT5A spielt. WNT5A wird von den Lymphomzellen selbst produziert und in die unmittelbare Umgebung abgegeben. Dabei bindet WNT5A an der Oberfläche der Zellen an spezifische Rezeptoren, um im Inneren der Zelle Signalwege zu aktivieren, die für Zellwanderung wichtig sind. Die Forscher vermuten deshalb, dass WNT5A den Umbau des Zytoskeletts in der Lymphomzelle gezielt beeinflusst. Ein komplexer Signalweg, der vom Oberflächenrezeptor FZD5 über die Signalmoleküle DVL3 und RHOA/ROCK zum Umbau des Zytoskeletts bei der Zellbewegung führt, konnte von den Forschern in Zusammenarbeit mit Dr. Vita Bryja an der Masaryk Universität Brno gezeigt werden.

"Mit WNT5A haben wir einen Faktor identifiziert, der von der Tumorzelle ausgeschieden wird und dabei nicht nur auf die Lymphomzellen selbst, sondern auch auf die Umgebung des Tumors wirken kann. Dies bietet einen neuen Ansatzpunkt, um die bestehenden Therapien weiterzuentwickeln und zu verbessern", sagt Prof. Dr. Dieter Kube, Klinik für Hämatologie und Medizinische Onkologie der UMG, einer der Seniorautoren der Publikationen.

Zur Überraschung der Forscher ist der WNT-Signalweg nicht nur für die Migration der Tumorzellen von Bedeutung, sondern auch für Interaktionen zwischen Lymphom und Gefäß-Endothelzellen. Diese Wechselwirkungen spielen eine wichtige Rolle bei der Regulation der Gefäßneubildung im Tumor. Die Forscher konnten jetzt Transkriptionsfaktoren charakterisieren, die die Freisetzung eines Angiogenese-Regulators, VEGF-A, steuern. "Da die hohe Expression von VEGF-A in einer Gruppe von Hodgkin Patienten mit einem schlechteren klinischen Verlauf der Erkrankung verbunden ist, würden wir empfehlen, im Rahmen entsprechender klinischer Studien Medikamente gegen VEGF-A zu testen", sagt Prof. Dr. Jörg Wilting, Institut für Anatomie und Zellbiologie der UMG, ebenfalls Seniorautor der beiden Publikationen.

MEDICA.de; Quelle: Universitätsmedizin Göttingen, Georg-August-Universität

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