MEDICA HEALTH IT FORUM thematisiert praktikable Lösungen - "Patient hat ein Recht auf Digitalisierung"

Foto: Gut besuchtes MEDICA HEALTH IT FORUM in Halle 15

29.09.2016

Wie kommt die Innovation beim Menschen an? Unter dem Stichwort „x-Health“ wird Prof. Dr. Britta Böckmann, Informatik und medizinische Informatik an der Fachhochschule Dortmund, beim MEDICA HEALTH IT FORUM der Frage nachgehen, wie der Bürger mit seinen Ansprüchen in den Mittelpunkt der aktuellen Entwicklung im Gesundheitswesen gestellt werden kann. Das Forum in Messehalle 15 ist etablierter Bestandteil der weltweit führenden Medizinmesse MEDICA, die in diesem Jahr vom 14. bis 17. November 2016 (montags bis donnerstags) in Düsseldorf stattfindet. Die Themenschwerpunkte beim MEDICA HEALTH IT FORUM reichen von der Digitalisierung der Medizin über Big Data, Personalisierte Medizin bis zu Start-ups im eHealth-Sektor.

„E-Health, mHealth, Tele-Health -  oft fehlen in Deutschland Datenaustausch und Interoperabilität“, kritisiert Böckmann bereits im Vorfeld. „x-Health“ stehe dagegen für den notwendigen interoperablen „XChange“ der ortsunabhängigen digitalen Leistungen. International ist dies ein stark wachsender Markt - wie zum Beispiel: In Dänemark hat jeder Patient seine elektronische Gesundheitsakte. Das entsprechende Portal sunhed.dk gibt es bereits seit 2003. Immer mehr Menschen nutzen den Zugang seit der Einführung der persönlichen Internet-ID, die in Dänemark auch für finanzielle Transaktionen genutzt werden kann. Zu Beginn lag dort der Fokus darauf, existierende Daten nutzbar zu machen. Mittlerweile gibt es die ersten Applikationen, die dänische Bürger ihre Daten selbst beitragen lassen. Im Gegensatz dazu findet die Transformation in Deutschland bislang fast unbemerkt und sehr langsam statt. Dabei hat der Patient durchaus Interesse daran, dass alle wichtigen Informationen an einer Stelle verfügbar sind. Herr der Daten muss dabei natürlich der Patient selbst sein, nur er kann individuelle Freigaben für Ärzte erteilen.

Ärztemangel als `Turbolader´ für den Datenaustausch?

Möglicherweise könnten der Ärztemangel und die Herausforderung der guten medizinischen Versorgung auf dem Land die Entwicklung beschleunigen. Ulrike Röhr, Vize-Präsidentin des Landfrauen Verbandes Schleswig-Holstein, wird beim MEDICA HEALTH IT FORUM die Gesundheitsaktion 2016/17 vorstellen, mit der die Telemedizin flächendeckend unter den Landfrauen bekannt gemacht werden soll. Der Landfrauen Verband hat über 33.000 Mitglieder, die ab Herbst 2016 lokal in ihren knapp 180 Ortsvereinen gemeinsam mit der Ärztekammer darüber diskutieren werden, was es bedeuten kann, wenn das Netz der Landärzte löchrig wird. Das Versprechen: Mit Hilfe von Telemedizin können verschiedenste Dienstleistungen im medizinischen Sektor – von der Messung der Blutzuckerwerte bis zum Wiegen - getätigt werden, ohne dass der Patient selbst in die Praxis kommen muss. Aber es gibt auch Fragen. Dazu zählen: Schwindet der persönliche Arztkontakt durch die neue Technik völlig? Welche technischen Bedingungen sind überhaupt notwendig und wie sicher gestaltet sich der Datentransfer? Für Röhr steht jedenfalls fest: „Wir lassen uns nicht abhängen! Gleiche Chancen und gleiche Fürsorge im ländlichen Raum.“

So allein ist der Landfrauen Verband mit dem Interesse insbesondere an der Telemedizin nicht. Die Menschen in Deutschland haben nicht nur auf dem Land großes Interesse an der Telemedizin. Das zeigt eine repräsentative Befragung von rund 1.000 Verbrauchern ab 14 Jahren im Auftrag des Digitalverbands Bitkom. Demnach erklärt jeder Fünfte (20 Prozent), dass er im Krankheitsfall auf jeden Fall seinen eigenen Gesundheitszustand telemedizinisch überwachen lassen würde, weitere 39 Prozent können sich vorstellen, diese Möglichkeit in Anspruch zu nehmen.

Innovationsfond unterstützt Projekte

Mancher Entwickler von Diensten setzt auf den Innovationsfond, um Bedürfnissen wie diesem entgegenzukommen. Das Bundesgesundheitsministerium hat diesen Fonds beim Gemeinsamen Bundesausschuss eingerichtet. Er hat ein Volumen von 300 Millionen Euro jährlich für die Jahre 2016 bis 2019. Der Innovationsfonds soll der Förderung von Innovationen in der Versorgung und von Versorgungsforschung dienen. Es gibt zahlreiche Bewerber. Zu diesen zählt auch Dr. Thomas Aßmann, der sein Projekt im Rahmen des MEDICA HEALTH IT FORUM vorstellen wird. Möglicherweise steht dann fest, ob er gefördert wird.

So möchte er in seinem Projekt die Delegation an die „Tele-VERAH“ testen. Ein wichtiges Argument ist hier für Aßmann die Einsparung beispielsweise bei den Fahrzeiten. So kann es mehr als zwanzig Minuten dauern, bis der Landarzt bei einem Patienten vor Ort ist: „Eigentlich werde ich nicht für meine Fahrkünste bezahlt.“ Statt dem Arzt fährt nun die so genannte „Tele-VERAH“ zum Patient. Sie führt in ihrem Gepäck das meiste mit, was eine internistische Praxis auszeichnet – vom EKG über die Möglichkeit zur Messung der Lungenfunktion bis zum Blutzuckermessgerät oder der Waage. Alle Daten werden in die Praxis übertragen. Sollten Fragen offen sein, dann kann der Arzt online per Video live dazu geschaltet werden. „Das ist gerade für den Hausarzt wichtig, weil er im Ton-Bild-Kontakt feststellen kann, wie der Patient reagiert“, erläutert Aßmann.

Dabei werde der Patient mit den neuen Techniken nicht allein gelassen, weil die „Tele-VERAH“ vor Ort sei und helfen könne. Das verhindere auch, dass der Notdienst quasi prophylaktisch gerufen werde, weil Patient und/ oder Angehörige Angst hätten. „Wir verhindern so unnötige Krankenhauseinweisungen“, ist sich Aßmann sicher. Dies macht das Konzept auch für Krankenkassen ökonomisch interessant. Aßmann erläutert drei Vorteile des Konzeptes:

-           Moderne Technologien machen es gerade für junge Ärzte interessanter, auf dem Land zu arbeiten.

-           Die Qualität der medizinischen Versorgung auf dem Land wird gehalten.

-           Das Berufsbild der Versorgungsassistentin in der Hausarztpraxis (VERAH) erweitert sich.

Das Konzept ist eine Qualifizierungsoffensive des Hausärzteverbands für Medizinische Fachangestellte in der Hausarztpraxis. Diese sollen Hausärzte durch qualifizierte Unterstützungsleistungen entlasten. Nach den Vorstellungen von Aßmann sollte dies nun zum Konzept der „Tele-VERAH“ ausgebaut werden. Dafür wird ein Curriculum für Medizinische Fachangestellte entwickelt, das rechtliche, technische und medizinische Aspekte aufgreift. Das Berufsbild der Medizinische Fachangestellte und der VERAH ändert sich.

Der wichtige direkte Erstkontakt zum Arzt bleibt bestehen

Bei den Ärzten wie auch den Patienten kommt das Konzept nach den Erfahrungen von Aßmann gut an. Das viel diskutierte Fernbehandlungsverbot in den Berufsordnungen für Ärzte behindert ihn in seiner Tätigkeit nicht. Es schließt lediglich die Fernbehandlung eines Patienten ohne direkten Erstkontakt aus. Bei Aßmann sind es Bestandspatienten, die so versorgt werden. Künftig ist auch die Anbindung an Pflegeheime und Krankenhäuser ausgebaut werden. Ob die Erwartungen erfüllt werden? Die Evaluation soll Prof. Dr. Jürgen Wasem, Medizinmanagement an der Universität Duisburg-Essen, vornehmen. Einige Krankenkassen wie die Techniker (TK) zeigen hier großes Interesse.

Der „eHealth Venture Summit“ tritt darüber hinaus im Rahmen des MEDICA HEALTH IT FORUM an, um die neuesten Trends und Innovationen der Gesundheits-IT und die entsprechenden Investitionen zu präsentieren. Er soll strategische Partnerschaften fördern, um innovative Produkte auf den Markt zu bringen.

Run auf Apps wirft Fragen auf

Aber hinter vielem gibt es berechtigte Fragezeichen. Niemand wird behaupten wollen, dass jede der geschätzt mehr als 100.000 Gesundheits-Apps tatsächlich hilfreich, sinnvoll und/oder wirkungsvoll sind. Ein Licht auf diese Vielfalt warf zuletzt die Studie „Chancen und Risiken von Gesundheits-Apps – CHARISMHA“. Studienleiter war Dr. med. Urs-Vito Albrecht. Der stellvertretende Direktor des hannoverschen Standorts des Peter L. Reichertz Institut für Medizinische Informatik (PLRI) und geschäftsführender Arzt der Ethikkommission der Medizinischen Hochschule Hannover führte die Studie im Auftrag des Bundesgesundheitsministeriums durch. Die Ergebnisse werden derzeit im Fachdialog mit Verantwortlichen im Gesundheitswesen, diskutiert, um daraus konkrete Maßnahmen und Selbstverpflichtungen abzuleiten. Besucher des MEDICA HEALTH IT FORUM können live daran teilhaben. Sein Co-Referent, Dr. Franz Bartmann, ist Vorsitzender des Ausschusses Telematik der Bundesärztekammer.

Zu klären ist für ihn unter anderem die Frage, ob und in wie weit die Ärzteschaft den Orientierungsprozess mitgestalten kann, etwa durch Entwicklung eines allgemeinen Leitfadens zur Beurteilung von Apps oder aber der Erstellung einer Indikations- und Best-Practice-Liste durch die jeweiligen Fachgesellschaften. Frei verfügbare Gesundheits-Apps sind im zweiten Gesundheitsmarkt bereits heute weit verbreitet. Auf dem ersten, Krankenkassen-finanzierten Gesundheitsmarkt spielen sie dagegen praktisch keine Rolle: „Dem Weg dorthin steht der bisher einzige zweit- und kostenaufwendige Zertifizierungsprozess nach dem Medizinproduktegesetz im Wege. Bereits ein Kriterienkatalog könnte künftig zumindest die Orientierung über Sinn und Nutzen, auch im Hinblick auf einen Mehrwert gegenüber den bereits verfügbaren konventionellen Verfahren erleichtern. Eine App beispielsweise, die im medizinischen Notfall zu Einsatz kommen soll, muss auch ohne Bedienungsschritt durch den Nutzer auskommen. Nur der nachgewiesene Nutzen und eine sichere Funktionalität rechtfertigen einen medizinischen Einsatz zu Lasten der gesetzlichen Krankenversicherung.“

Böckmann zieht für den derzeitigen Status in xHealth ein eher ernüchterndes Fazit: „Der Patient ist gesetzlich und theoretisch Herr seiner Daten, kann sie aber praktisch nicht einsehen oder weitergeben.“ Die richtige medizinische Information zur richtigen Zeit am richtigen Ort könne jedoch Leben retten: „Der Patient hat ein Recht auf Digitalisierung.“

Alle Informationen zu den Themen und dem Programm des MEDICA HEALTH IT FORUMs sind online abrufbar unter: http://www.medica.de/mhif1 

Autorenhinweis: Dr. Lutz Retzlaff, freier Medizinjournalist (Neuss)

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