Maßgeschneiderte Implantate überdecken Knochen optimal

Interview mit Prof. Christian Lüring, Direktor der Orthopädischen Klinik in Dortmund

Er passt zwar, doch irgendwo zwickt es doch noch. Obwohl ein Anzug von der Stange seinen Zweck erfüllt, ist er noch lange nicht die idealste Lösung. Anders ist es mit einem maßgeschneidertem: Hier sitzt alles perfekt. Ähnlich ist es auch mit Implantaten. Oftmals klagen Patienten darüber, dass sie sich fremd anfühlen. Der 3D-Druck ist auf dem besten Weg, dies zu ändern. Hier werden die Implantate an den Träger angepasst. Doch wie bei einem Anzug auch hat Qualität seinen Preis.

22.01.2016

Foto: Christian Lüring

Prof. Christian Lüring mit einem Knieimplantat in der Hand; © Christian Lüring

Auf MEDICA.de erklärt Prof. Christian Lüring, Direktor der Orthopädischen Klinik in Dortmund, den Ablauf des 3D-Verfahrens, den Einsatz von Kobalt-Chrom-Legierungen und warum die Zukunft des 3D-Drucks mit dem Motorsport zu vergleichen ist.

Herr Prof. Lüring, was unterscheidet das 3D-Druckverfahren vom Standardverfahren?


Christian Lüring: Die Herstellung des Implantates verläuft anders. Im 3D-Druckverfahren wird die Prothese im Drucker hergestellt. Die konventionellen Prothesen werden dagegen in einem Druckgussverfahren gegossen.

Wie sieht der Ablauf des 3D-Verfahrens aus?

Lüring: Vor der Operation benötigen wir eine Computertomographie (CT), mit der das Kniegelenk des Patienten vermessen wird. Anhand dieses CTs wird die Knieprothese am Computer erstellt. Nach einem Check, ob alles in Ordnung ist und exakt an den Knochen passt, wird gedruckt und hergestellt. Erst dann kommt die Prothese zurück in die Klinik, wo wir sie letztendlich verbauen können. Dieser Prozess dauert ungefähr acht Wochen.

Warum verwendet man speziell Kobalt-Chrom-Legierungen?

Lüring: Sie haben den Vorteil besonders fest und biegsam zu sein. Die meisten Implantatteile, die wir in Patienten verbauen, sind aus Kobalt-Chrom, da es zusätzlich sehr bioverträglich ist. Im Gegensatz dazu gibt es beispielsweise auch Implantate aus Titan. Diese haben jedoch den Nachteil nicht so biegsam zu sein, was sie gerade am Oberschenkelknochen aber sein müssen.
Foto: Knieimplantat aus Kobalt-Chrom

Die Implantate aus Kobalt-Chrom-Legierungen haben den Vorteil besonders biegsam und bioverträglich zu sein; © Christian Lüring

Welche Vorteile sehen Sie bei diesem Verfahren?

Lüring: Da das Implantat direkt an den Knochen angepasst ist, besteht eine hohe Passgenauigkeit. Das ist mit einem Anzug vergleichbar. Wenn Sie einen von der Stange kaufen, dann passt der zwar auch, aber nicht so angegossen wie der maßgeschneiderte. Es ist sicherlich ein Vorteil, dass der Knochen optimal von der Prothese überdeckt ist. Der Nachteil ist, dass wir mit dem relativ neuen Verfahren noch keine Langzeiterfahrung haben. Ob das genauso gut funktioniert wie die Standardprothese bleibt also abzuwarten.

Wie viele dieser Implantate setzen Sie und Ihr Team jährlich ein?

Lüring: Wir implantieren ungefähr 100 solcher individuellen Knieprothesen im Jahr. Da sind wir im deutschlandweiten Vergleich sicherlich eine der Kliniken, die am meisten davon einsetzen. Im Vergleich zum Standardverfahren sind es allerdings nur ungefähr 25 Prozent der Patienten, die eine solche Prothese erhalten.

Warum ist der Anteil immer noch relativ gering im Vergleich zu den Standardverfahren?

Lüring: Das Implantat ist deutlich teurer als die herkömmlichen. Außerdem sind nicht alle Patienten geeignet. Wenn wir Patienten mit besonders krummen Beinen haben, also ausgeprägte X- oder O-Beine, kann man das Implantat nicht mehr verwenden. Die drei Bauteile, die uns zur Verfügung stehen, können in vielen Fällen die Beinachse nicht korrigieren.

Wie sehen Sie die Zukunft des Verfahrens?

Lüring: Ich glaube, dass es wie so häufig ist: Wenn technologischer Fortschritt auftritt, wird er sich selten in der Breite komplett durchsetzen. Es wird eher wie im Motorsport oder bei Autos sein. Viele Innovationen, die im Motorsport Eingang finden, können sich später im Standard verankern. Viele Erkenntnisse, die wir mit der individuellen Endoprothetik und dem 3D-Verfahren gewinnen, können in Standardoperationen einfließen. Ich kann mir aber fast nicht vorstellen, dass wir perspektivisch nur noch diese speziellen Implantate verwenden. Hierzu müssten wir erst die Langzeiterfahrungen und -ergebnisse haben. Da uns diese noch nicht vorliegen, ist es schwer zu sagen, wo die Reise hingeht. Sollten wir feststellen, dass die Implantate ewig halten, ist das etwas anderes. Aber das bleibt abzuwarten.

 
Das Interview wurde geführt von Kilian Spelleken
MEDICA.de