Maßgeschneiderte, kleine Moleküle könnten Krebs stoppen

Foto: Darstellung der Entstehung von Leukämie

Fehlerhafte Signalweiterleitung
des FLT3 Rezeptors bei der Entstehung
von Leukämie; © Uniklinik Magdeburg

Die Forschungen geben Anlass zur Hoffnung, künftig noch besser jenen Menschen helfen zu können, die an einer sogenannten akuten myeloischen Leukämie (AML) leiden und von einer Chemotherapie bislang nur unzureichend oder gar nicht profitieren. Betroffen von einer AML sind über zwei Drittel aller Erwachsenen mit bösartigen Erkrankungen des blut-bildenden Systems.

In den vergangenen vier Jahrzehnten konnten deutliche Verbesserungen bei der Behandlung von Leukämien erreicht werden. Wegen der Vielfalt dieser Erkrankungen helfen die Therapieverbesserungen aber noch nicht jedem Leukämie-Patienten. Während die Heilungschancen zum Beispiel bei der vor allem unter Kindern und Jugendlichen häufigen akuten lymphatischen Leukämie recht gut sind, und neue, zielgerichtete Therapien auch zu deutlich besseren Behandlungserfolgen bei der chronisch myeloischen Leukämie führten, ist die Therapie meist älterer Menschen, die an einer akuten myeloischen Leukämie (AML) leiden, nicht zufriedenstellend. „Nur bei einem kleinen Teil der älteren Patienten über 60 Jahre lässt sich bisher mit der Chemotherapie eine Heilung beziehungsweise deutliche Verzögerung des Krankheitsverlaufes und Besserung der Symptome erreichen“, sagt Professor Thomas Fischer, Direktor der Magdeburger Universitätsklinik für Hämatologie und Onkologie.

Das ist umso bedauerlicher, da über zwei Drittel aller bösartigen Erkrankungen des blut-bildenden Systems unter Erwachsenen als eine AML diagnostiziert werden. Von 100.000 Menschen in Deutschland erkranken jährlich sechs an einer AML. Bei diesem Tumor vermehren sich unreife weiße Blutkörperchen (sogenannte Blasten) unkontrolliert. Bislang versuchen Onkologen, mit einer Chemotherapie die Erkrankung zu stoppen. Während bei jüngeren Erwachsenen die Erkrankung dadurch in etwa 40 Prozent der Fälle geheilt werden kann, sprechen ältere Patienten auf die Chemotherapie häufig nicht oder nur unzureichend an.

Eine Hoffnung der modernen Medizin ruht daher auf zielgerichteten Blutkrebstherapien, die durch Fortschritte der Molekularbiologie und Genetik möglich wurden. So konnten bei der akuten myeloischen Leukämie Mutationen eines Enzyms nachgewiesen werden, das die Zelldifferenzierung, das Zellwachstum und die Zellwanderung unreifer weißer Blutkörperchen reguliert. FLT-3 nennen die Forscher diese sogenannte Rezeptor-Tyrosinkinase. Man kann sie sich als eine molekulare Antenne auf bestimmten weißen Blutkörperchen (Leukozyten) vorstellen. Fehler (Mutationen) im molekularen Aufbau dieser „Antennen“ sorgen für eine fehlerhafte Informationsübertragungen, die eine fatale Kaskade von Reaktionen in Gang setzen, die schließlich das Leben eines Menschen bedrohen.

Ziel der Forschung ist es, mit maßgeschneiderten kleinen Molekülen, die veränderten Rezeptor-Tyrosinkinasen zu blockieren und damit den Blutkrebs zu stoppen. Erstmals ist das vor einem Jahrzehnt bei einer anderen Blutkrebsart, der chronisch myeloischen Leukämie gelungen - auch damals schon unter Mitarbeit von Professor Thomas Fischer. Mit dieser neuen Therapie konnte ein Langzeitüberleben der Patienten von über 90 Prozent erreicht werden.

Auf ähnlich gute Erfolge hofft das Ärzteteam von der Abteilung für Hämatologie und Onkologie am Magdeburger Universitätsklinikum auch bei der AML. In einer internationalen klinischen Phase IIb-Studie hatten die Mediziner 95 AML-Patienten mit einem neuen Wirkstoff (Midostaurin/PKC 412) behandelt, der das Zellwachstum mutierter Leukozyten verhindern soll.

„Wir konnten bei ca. zwei Drittel unserer Patienten eine Reduzierung der unreifen Vorstufen der weißen Blutzellen um die Hälfte feststellen“, sagt der Magdeburger Studienleiter. Die Zahl leukämischer Zellen im Blut konnte damit signifikant gesenkt werden. Bei einigen Patienten wurde auch der Krankheitsfortschritt zeitweilig gestoppt.

Bei der Bewertung dieser Studienergebnisse zeigt sich Professor Fischer optimistisch. Zugleich bremst er aber allzu hohe Erwartungen von Patienten. „Das ist ein wichtiger Teilerfolg“, sagt er. „Jetzt wird in einer Phase III-Studie untersucht, ob durch die Kombination mit einer Chemotherapie noch bessere Ergebnisse zu erreichen sind“.

MEDICA.de; Quelle: Klinikum der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg