Mechanische Thrombektomie: Schlaganfallbehandlung 2.0

Rund 250.000 Deutsche erleiden jährlich einen Schlaganfall. Damit ist er die dritthäufigste Todesursache nach Herz- und Krebserkrankungen. Die Durchblutungsstörung, die in Folge im Gehirn auftritt, wird in der Regel mit einer systemischen Thrombolyse behandelt. Ein Verfahren, das diverse Risiken birgt. Anders die mechanische Thrombektomie, die im Vergleich eindeutige Vorteile mitbringt.

01.12.2015

 
Foto: Hans-Georg Diener

Prof. Hans-Georg Diener; © privat

Der Schlaganfall wird durch einen Gefäßverschluss, auch ischämischer Infarkt genannt, oder durch eine Gehirnblutung ausgelöst. Die Gehirnzellen erhalten dann zu wenig Sauerstoff und Nährstoffe. Sie gehen sprichwörtlich zugrunde. Die beste Behandlung erhalten Patienten in einer Stroke-Unit, einer spezialisierten Organisationseinheit innerhalb eines Krankenhauses oder einer Klinik.

Systemische Thrombolyse nicht ohne Risiken

"Für eine Untergruppe von Schlaganfallpatienten mit Durchblutungsstörungen kommt die systemische Thrombolyse mit Gewebeplasminogenaktivator in Betracht. Zwischen 14 und 20 Prozent aller Patienten eignen sich für diese Art der Behandlung, sofern sie innerhalb von viereinhalb Stunden behandelt werden", erläutert Prof. Hans- Christoph Diener, Direktor der Neurologischen Universitätsklinik Essen. Neben diesem Verfahren gab es bisher kein weiteres, das evidenzbasiert angewendet wurde.

Hinzu kommt, dass es sich bei diesem Verfahren um eine medikamentöse Behandlung handelt, für die es potenziell 22 Gegenanzeigen gibt. "Deswegen müssen Patienten sorgfältig ausgewählt werden, damit es nicht zu einer Blutung im Gehirn kommt. Der andere große Nachteil ist, dass bei Verschlüssen großer Gefäße nur etwa in der Hälfte der Fälle das Gefäß wieder geöffnet werden kann", ergänzt Diener.

Grafik: Stent in einem Blutgefäß

Das Blutgerinnsel im Gehirn wird bei der mechanischen Thrombektomie mit einem Stent umschlossen und gleichzeitig mit diesem entfernt; © panthermedia.net/Mile Atanasov

Revolution in der Schlaganfalltherapie

Mit einem katheterbasierten Verfahren, der mechanischen Thrombektomie, kommt nun Bewegung in die Schlaganfalltherapie. Diese Methode wird zusätzlich zur systemischen Thrombolyse angewendet.

Neu ist das Verfahren nicht. Die ersten drei randomisierten Studien schlugen jedoch fehl. Diener sieht die Gründe in der technischen Beschaffenheit der Kathetersysteme, der zeitlichen Dauer der Behandlung und in der Patientenauswahl. "Der Vorteil von negativen Studien ist, dass man daraus lernen kann, wie es richtig geht."

Fast zeitgleich wurden so fünf weitere Studien initiiert, die mit neuartigen Stent-Retrievern arbeiten. "Das sind spezielle Katheter, bei denen man praktisch von der Leiste aus bis in das betroffene Gehirngefäß vorstößt. Das Blutgerinnsel wird mit einem dünnen Draht durchstoßen und in einem Stent praktisch gefangen, sodass es zusammen mit dem Stent herausgezogen werden kann", erklärt Diener.

Die Wahrscheinlichkeit, dass große Gefäße wieder geöffnet werden, liegt hier bei etwa 90 Prozent. Aus diesem Grund wurde ein Teil der Studien vorzeitig abgebrochen, da die Ergebnisse überdurchschnittlich gut waren.
Verfahren eignet sich für besonders schwere Fälle

Nur in etwa vier bis fünf Prozent aller Schlaganfälle eignet sich die mechanische Thrombektomie als zusätzliches Behandlungsverfahren. Laut Diener sei dies insbesondere dann der Fall, wenn die Hauptschlagader (Arteria carotis interna) oder die Hauptader innerhalb des Gehirns (Arteria cerebri media) verschlossen seien.

Die Vorteile liegen somit auf der Hand: "Die Risiken des Eingriffes sind wesentlich geringer, denn die niedrige Rate an Blutungskomplikationen senkt tendenziell auch die Sterblichkeitsrate", resümiert Diener. Dieser Effekt wirkt sich wiederum positiv auf die neurologische Symptomatik aus. Bei Patienten, die teilweise halbseitig gelähmt sind oder deren Sprachzentrum gestört ist, bleiben am Ende des Eingriffes keine oder nur geringe neurologische Schäden zurück.

Ob und inwieweit die flächendeckende Einführung der mechanischen Thrombektomie realisierbar ist, liege laut Diener nicht an der technischen Umsetzung oder finanziellen Anschaffung. Viel wichtiger sei der Ausbau von Stroke-Units, insbesondere in ländlichen Gegenden. Dort müsse noch viel getan werden, um eine ausreichende Schlaganfallversorgung zu gewährleisten.
Foto: Melanie Günther; Copyright: B. Frommann

© B. Frommann

Der Artikel wurde geschrieben von Melanie Günther.
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