Medical Apps: Funktionalität und Sicherheit sind Trumpf

Erfolgreiche Kommunikation ist das A und O der Medizin. Auch hier werden längst modernste Kanäle genutzt. Medical Apps müssen gleich mehrere Ansprüche erfüllen: Damit sich ihr Einsatz lohnt, müssen sie einen Nutzen für Prävention oder Therapie haben. Und für eine sichere Anwendung müssen sie sowohl technisch als auch medizinisch einwandfrei sein.

02.05.2014

Foto: Screenshot einer medical app; Copyright: PLRI MedApp Lab

Deutsche Geste für "Haben Sie Husten?" aus der iSignIt-App; ©PLRI MedApp Lab

Die App "iSignIT" kann zum Beispiel dann helfen, wenn ein gehörloser Patient Hilfe braucht und kein Dolmetscher verfügbar ist. Bei ihr handelt es sich um "eine digitale Sammlung von 800 Sätzen und Begriffen, die im medizinischen Alltag regelmäßig vorkommen", wie Dr. Urs-Vito Albrecht erklärt. "Diese Sätze wurden durch Gebärdenmuttersprachler in die Deutsche Gebärdensprache (DGS), Österreichische Gebärdensprache (ÖGS) und British Sign Language (BSL) übersetzt und als Videos hinterlegt." Albrecht ist stellvertretender Institutsleiter des hannoverschen Standorts des P.L. Reichertz Instituts für Medizinische Informatik der Technischen Universität Braunschweig und der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH), das für die Entwicklung von "iSignIT" verantwortlich zeichnet. Im Live-AppCircus auf der MEDICA 2013 wurde "iSignIT" zur "Besten mHealth-App" gekrönt.

Sie stellt Patienten grundlegende Sätze wie "Ich habe Vorerkrankungen oder Allergien" oder "Ich nehme Medikamente" als Texte und Videos zur Verfügung. Medizinisches Personal hingegen wählt Aussagen wie "Ich werde bei Ihnen Fieber messen" oder "Ich werde Ihnen Blut abnehmen" aus. Die Anwender können sich über die abgespielten Videos miteinander verständigen, allerdings nur eingeschränkt: Die App ersetzt keinen Dolmetscher. Wohl kann sie aber in Notsituationen die Behandlung eines gehörlosen Patienten unterstützen und beschleunigen.

Albrecht ist Experte für die Entwicklung von medical Apps und arbeitet über "iSignIT" hinaus auch an anderen Anwendungen, die Mediziner unterstützen, etwa im Bereich eLearning oder Hygiene-Compliance. Fachleute stellen aber nur einen Teil des potenziellen Publikums für Gesundheits-Apps dar, erläutert Albrecht: "Konkret für Patienten sind Apps gefragt, die ihnen beim Management ihrer Erkrankung helfen, also digitale Patiententagebücher, Medikamentenerinnerungs-Apps und Terminverwaltungen." Immer populärer werden außerdem Fitness-Apps und Social-Media-Apps mit Gesundheitsbezug, die beispielsweise Selbsthilfegruppen unterstützen. Wie auf dem allgemeinen App-Markt sind auch hier Idee und Funktionalität Trumpf.
Foto: Screenshot einer medical app; Copyright: PLRI MedApp Lab

Eingabehistorie aus der "iSignIT"-App; ©PLRI MedApp Lab

Sichere Programmierung

Alle medical Apps brauchen aber auch mehr. Entwickler müssen vor allem auf die Sicherheit achten. Einerseits muss die App sicher funktionieren - das betrifft die verwendeten Algorithmen und die medizinischen Informationen, die die Grundlage der App bilden. Sie müssen aus einer vertrauenswürdigen und belegbaren Quelle stammen. Andererseits ist auch solider Datenschutz unerlässlich, denn im medizinischen Bereich werden sehr persönliche Informationen erfasst und übermittelt. In Deutschland regeln dies das Datenschutzrecht, das Telekommunikationsgesetz und das Telemediengesetz. In anderen Ländern gelten andere Vorschriften, sodass "allgemeingültige Sicherheitsstandards und Regelungen leider Mangelware" sind, bedauert Albrecht.

Neben den Maßnahmen zum Datenschutz, die Entwickler beispielsweise durch aktuelle Verschlüsselungstechnologie umsetzen können, beeinflussen noch andere Faktoren die Sicherheit der Patientendaten. Das kann etwa das Betriebssystem des Endgerätes sein, Apps von anderen Anbietern oder die Sicherheit von Netzwerkverbindungen. Für Apps, die die Kommunikation zwischen Patienten und Medizinern unterstützen und Daten dafür nicht nur lokal, sondern auf einem Server speichern, gilt laut Albrecht insbesondere, dass "die Nutzer über die Art der erfassten und verarbeiteten Daten aufgeklärt werden müssen. Sie sollten stets die volle Kontrolle über ihre Daten behalten beziehungsweise eine bereits erteilte Zustimmung zur Verarbeitung und Speicherung widerrufen können."
Foto: Screenshot einer medical app; Copyright: PLRI MedApp Lab

Kategorienauswahl in der "iSignIT"-App; ©PLRI MedApp Lab

Sicherer Einsatz

Guter Datenschutz alleine macht Apps nicht sicher für den medizinischen Gebrauch - relevant ist außerdem die Patientensicherheit. Das zeigt auch das Entwicklerteam von "iSignIT" mit einem deutlichen Hinweis auf der Website: "Die iSignIT-app kann und möchte keinen professionellen Übersetzer ersetzen. Für komplexe Unterhaltungen ist ein Dolmetscher notwendig, vor allem in Situationen, die eine Gefahr für die Gesundheit, den Körper und das Leben bedeuten." Damit spricht die App in der Sicherheitsfrage vor allem das Urteilsvermögen des Personals und sein Verantwortungsbewusstsein an.

Apps können vom Hersteller darüber hinaus aber auch mit einer Zweckbestimmung im Sinne des Medizinproduktegesetzes versehen werden, wie Albrecht erläutert: "Diese Apps dürfen nur in den Verkehr gebracht werden, wenn der Hersteller in einem Konformitätsbewertungsverfahren nachweist, dass das Produkt den geltenden EU-Vorschriften und Normen entspricht. Dann darf die CE-Kennzeichnung angebracht und abgegeben werden." Es bleibt aber den Herstellern überlassen, ob sie überhaupt offiziell eine Zweckbestimmung formulieren. Die Kosten und die Komplexität des Verfahrens halten die meisten davon ab, wenn die Anwendung ein höheres Gefahrenpotenzial für den Patienten hat. Deshalb verfügen "von insgesamt über 100.000 auf dem Markt befindlichen Apps mit Gesundheitsbezug nur eine Handvoll über eine solche Kennzeichnung", fasst Albrecht zusammen.

Das stellt für das Gebiet der mHealth eine große Herausforderung dar: Geeignete Endgeräte sind längst die Regel und Apps ein naheliegender Weg, Nutzer in medizinischen Fragen zu unterstützen. Aber Patienten können mitunter nicht die Risiken erkennen und beurteilen, die mit einer App einhergehen. Solange medical Apps noch nicht einheitlichen gesetzlichen Bestimmungen oder zumindest Qualitätsrichtlinien über Ländergrenzen hinaus unterliegen, sollten sie nicht unkritisch benutzt werden - auch wenn ihre grundlegende Idee gut und innovativ und die Umsetzung praktisch ist.
Foto: Timo Roth; Copyright: B. Frommann

© B. Frommann

Das Artikel wurde geschrieben von Timo Roth.
MEDICA.de