Medizin 4.0 – Die Möglichkeiten der Digitalisierung wahrnehmen und nutzen

18.11.2015
Foto: Mann im Gespräch mit Gegenüber

Frank Gotthardt, Vorsitzender des Vorstands der CompuGroup Medical AG; © CompuGroup Medical AG

"Digitalisierung" und "Medizin 4.0" neigen dazu, zu bloßen Schlagwörtern zu verfallen. Grund dafür ist die stockende Umsetzung einer übergreifenden IT-Infrastruktur, beispielsweise durch die elektronische Patientenakte. Dabei haben neue digitale Technologien unbestritten das Potenzial, die medizinische Versorgung von Patienten und die Qualität des Gesundheitswesens allgemein zu verbessern.

Auf der MEDICA 2015 wird die Notwendigkeit, das Gesundheitswesen ganzheitlich zu vernetzen, einmal mehr diskutiert. Frank Gotthardt, Vorsitzender des Vorstands der CompuGroup Medical AG, steht bereits vorab Rede und Antwort zum Thema "Digitale Gesundheitswirtschaft: Medizin 4.0".


Herr Gotthardt, Medizin 4.0 – Was bedeutet das überhaupt?


Frank Gotthardt: Wir sollten weniger über Begrifflichkeiten sprechen, als über die Möglichkeiten, welche sich mit einer Digitalisierung von Prozessen, der Kommunikation sowie der Arbeitsweisen im Gesundheitswesen ergeben.

Digitalisierung ist kein Selbstzweck, sondern vielmehr Mittel zum Zweck. Am Ende geht es darum, die Versorgung in Deutschland weiter zu verbessern, Prozesse effizienter zu gestalten und Mehrwerte für alle Beteiligten zu schaffen. Das Gesundheitswesen ist hier noch sehr anachronistisch aufgestellt und viele Möglichkeiten moderner Technologie werden noch nicht genutzt. Zum Schaden der Patienten, aber auch aller Beteiligten im Gesundheitswesen. Das muss sich dringend ändern und insbesondere die Vernetzung auf den Stand der Technik gebracht werden.

Darüber hinaus hat sich auch das Patientenverhalten geändert. Heute will man besser informiert sein und mehr Eigenverantwortung für die Gesundheit übernehmen. Auch dem gilt es Rechnung zu tragen. Dazu kann moderne und sinnvolle IT einen erheblichen Beitrag leisten.

Welche Voraussetzungen müssen erfüllt werden, um die Gesundheitswirtschaft zu digitalisieren und welche sind realistisch zu erfüllen?


Gotthardt: Eine Kernvoraussetzung für eine erfolgreiche Digitalisierung des gesamten Gesundheitssystems sind Investitionen in eine funktionierende IT-Infrastruktur. Das sieht man am Beispiel der Krankenhäuser: Die Ergebnisse des EU Hospital Surveys aus dem Jahr 2014 zeigen, dass Deutschlands Krankenhäuser nur unzureichend Gelder für ihre IT-Infrastruktur bereitstellen. Dies hat zur Folge, dass nur 6 Prozent der deutschen Akut-Krankenhäuser die Möglichkeit der regionalen oder nationalen Vernetzung nutzen. Der EU-Durchschnitt liegt bei 15 Prozent, in Dänemark, Island und Schweden sind es über 50 Prozent. Im Krankenhaus der Zukunft aber spielt IT – beispielsweise im Bereich der Robotik und bei der Vernetzung mit anderen Kliniken, um schnell präzisen Zugriff auf die Ergebnisse der Diagnostik zu erhalten – die zentrale Rolle.

Die Dynamik, mit der sich der Markt für private Gesundheitsdienstleistungen entwickelt, zeigt, wie groß die Nachfrage nach innovativen Lösungen ist. Eine weitere Herausforderung liegt deshalb darin, die staatlichen Rahmenbedingungen so zu konzipieren, dass diese möglichst schnell die Anwendung der Verfahren ermöglichen. Dabei sollte nach technik- und qualitätsfördernden marktwirtschaftlichen Grundsätzen agiert werden, wo immer dies möglich ist. Das bedeutet natürlich auch, den berechtigten Interessen der Ärzte, Krankenhäuser, Labore oder Apotheker Rechnung zu tragen und neue, digitalisierte Prozesse und Verfahren angemessen zu vergüten.

 
 
Foto: MEDICA ECON FORUM von oben

Das MEDICA ECON FORUM by TK von oben; © Messe Düsseldorf

Welche Herausforderungen müssen am dringendsten gemeistert werden, um die Chancen der Digitalisierung im Gesundheitswesen nutzen zu können?


Gotthardt: Neben den gerade angesprochenen Voraussetzungen halte ich es für wichtig, dass wir in Deutschland insgesamt unsere Wahrnehmung verändern. Wir haben die Angewohnheit, mögliche Risiken von neuen Produkten oder Methoden eingehend zu betrachten und so lange zu diskutieren, bis die damit verbundenen Chancen verpasst sind.

Ein gutes Beispiel im Gesundheitsbereich ist das Thema Datenschutz. Medizinische Befunde oder ganze Arztbriefe werden schon seit Jahren per Fax versendet. Ein in jeder Hinsicht äußerst unsicheres Medium. Sollen in Zukunft hingegen Daten über eine sichere Infrastruktur in verschlüsselter Form übermittelt werden, lamentieren wir jahrelang über Datenschutzrisiken. Damit ich nicht falsch verstanden werde: Datenschutz ist ein sehr wichtiges Gut und wir verwenden viele Ressourcen darauf, die besten Lösungen dafür zu finden. Aber es wird leider allzu oft dazu missbraucht, um Innovationen abzulehnen oder zu verhindern.

Müssten wir nicht eigentlich von einem digitalen, mobilen Gesundheitswesen sprechen, immerhin wird die Welt um uns herum immer smarter?



Gotthardt:Das Gesundheitswesen an sich muss nicht mobil werden, aber es muss Antworten auf die Mobilität der Menschen geben.

Einerseits sind da die Ärzte, Krankenhäuser oder etwa Pflegeeinrichtungen, die stationär gebunden bleiben. Deswegen brauchen sie auch eine geeignete Infrastruktur, über die sie sicher kommunizieren und Daten austauschen können.

Mobil hingegen sind die Versicherten und Patienten. Sie wollen und müssen überall und jederzeit auf ihre eigenen Gesundheitsdaten zugreifen und diese auch Ärzten, gleich wo auf der Welt, zur Verfügung stellen können. Deswegen plädieren wir seit langem für sichere, elektronische und online abrufbare Patientenakten unter alleiniger Hoheit der Versicherten. Auch Apps werden eines – ich hoffe nicht mehr fernen– Tages zur Selbstverständlichkeit im Gesundheitswesen und auch in der Regelversorgung gehören.

Terminhinweis:

Frank Gotthardt wird während der Veranstaltung "Digitale Gesundheitswirtschaft: Medizin 4.0" mit weiteren Vertretern aus Industrie und Politik im MEDICA ECON FORUM by TK diskutieren.

Mittwoch, 18.11.2015 ab 11:00 Uhr im MEDICA ECON FORUM by TK Halle 15/G05+06

 
 
Foto: Melanie Günther

© Barbara From-
mann-Czernik






Das Interview führte Melanie Günther
MEDICA.de