Medizinische Doktorarbeiten besser als ihr Ruf

Foto: Doktor mit Buch

Neben dem Studium noch die Doktorarbeit
schreiben kostet Zeit, aber es lohnt sich;
© panthermedia.net/Diego Cervo

Obwohl die wissenschaftliche Arbeit an der Dissertation das Studium beeinträchtigt, betrachten die meisten Doktoranden sie als Gewinn für ihre berufliche Laufbahn. Für die Deutsche Gesellschaft für Innere Medizin (DGIM) bleibt die medizinische Dissertation ein wichtiger Bestandteil der Ausbildung. Ohne sie drohe eine „Entakademisierung“ des Arztberufs.

Während in der Vergangenheit fast alle Ärzte einen „Doktor med“-Titel erwarben, promovierten in den letzten Jahren weniger als zwei Drittel der Nachwuchsmediziner. Einen Grund sieht Professor Reinhard Pabst von der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH) im Ärztemangel. Angehende Mediziner fänden heute auch ohne Promotion eine interessante Weiterbildungsstelle. Aber auch die öffentliche Meinung habe dem Ruf der medizinischen Promotion geschadet. Nach verschiedene Plagiatsfällen würde der Nutzen medizinischer Doktorarbeiten immer wieder in Frage gestellt, so Pabst. Vorwürfe wie „Flachforscher“, „Ramschware Doktor med.“ oder „Doktor med. nachgebessert“ wurden laut.

Diese Kommentare bezögen sich zwar auf Einzelfälle an einzelnen medizinischen Fakultäten, die aber gerne verallgemeinert würden, schreibt Professor Pabst in der aktuellen Publikation, wo er die Ergebnisse einer aktuellen Umfrage unter Doktoranden der MHH veröffentlicht.

Diese gaben den zeitlichen Aufwand für die Promotion im Mittel mit 1798 Stunden an, was 47 Wochen Arbeitszeit entspricht – ohne Feiertage und ohne Urlaub, wie Pabst betont. Während in vielen nicht-medizinischen Fächern Doktoranden bereits eine feste Anstellung haben und ihnen ein Zeitkonto für Forschung zur Verfügung steht, müssen Ärzte die Dissertation neben ihrem Studium bewältigen. In der Umfrage gaben 34 Prozent an, dass die Prüfungsvorbereitung unter der Doktorarbeit gelitten habe. Zudem konnten 35 Prozent Vorlesungen nicht besuchen.

Trotzdem betrachteten die meisten die Dissertation als Gewinn: 70 Prozent sahen sich anschließend befähigt, wissenschaftliche Daten zu beurteilen, 81 Prozent meinten, Originalpublikationen besser beurteilen zu können. Insgesamt 98 Prozent der Befragten würden jungen Studierenden zur Promotion raten.

Auch die Qualität der Doktorarbeiten kann sich sehen lassen: Viele Ergebnisse werden in internationalen Zeitschriften publiziert und als Vortrag oder Poster auf Kongressen vorgetragen. „Die Studie aus Hannover belegt, dass sich auch heute eine Dissertation positiv in das Studium integrieren lässt“, findet DGIM-Generalsekretär Professor Ulrich R. Fölsch. Die Ergebnisse sollten auch andere Universitäten zu derartigen Umfragen anspornen. Um sich dennoch sorgfältig für das Staatsexamen vorbereiten zu können, lohne es sich für Studenten durchaus, das Studium zugunsten der Promotion um ein Semester zu verlängern.

Das nachlassende Interesse der Mediziner an einer Promotion untergräbt nach Ansicht der DGIM die wissenschaftliche Basis des Arztberufs. „Dies ist nicht zuletzt deswegen problematisch, da der wissenschaftliche Fortschritt etwa in Molekularbiologie, Genetik oder Systembiologie immer höhere Anforderungen an die qualifizierte Ausbildung zukünftiger Internisten stellt“, meint Professor Frank Lammert aus Homburg, der die DGIM- Kommission „Wissenschaft – Nachwuchsförderung“ leitet.

Er bezieht sich damit auf ein Positionspapier, das die DGIM kürzlich in der DMW publiziert hat. Die Fachgesellschaft fordert eine verbesserte Doktorandenausbildung, den Ausbau von Fördermaßnahmen sowie bessere Karriereperspektiven für Nachwuchswissenschaftler.

MEDICA.de; Quelle: Deutsche Gesellschaft für Innere Medizin (DGIM)