Medizinprodukt für die Hosentasche: Musik statt Tinnitus

Interview mit Jörg Land, Geschäftsführer Sonormed GmbH

08.02.2017

90 Minuten am Tag die eigene Lieblingsmusik hören und dadurch den Tinnitus beeinflussen? Hört sich fast zu gut an, um wahr zu sein. Doch immer mehr Gesetzliche Krankenkassen bezahlen die Behandlung. Wir wollten mehr darüber wissen und haben mit dem Geschäftsführer der Sonormed GmbH, Jörg Land, über Tinnitracks gesprochen.

Bild: Lächelnder blonder Mann mit Kopfhörern in der Hand - Jörg Land; Copyright: Sonormed GmbH

Jörg Land; © Sonormed GmbH

Herr Land, wie kamen Sie auf die Idee, mit Tinnitracks eine App zur Behandlung von Tinnitus mit Musik zu entwickeln?

Jörg Land: Wir kamen nicht auf die Idee Tinnitus und Musik zusammenzubringen, aber wir haben das passende Produkt zur Forschungsrichtung entwickelt. Damals wurde ein Kollege auf dieses Thema angesprochen, und das war der Impuls für uns – das Thema hat also eher uns gefunden. Man führt dann Gespräche und überlegt, ob es technische Lösungen gibt.

Welche technischen Voraussetzungen braucht die App?

Land: Man benötigt lediglich ein Apple- oder Android-Gerät sowie einige eigene Musikdateien. Bevor man die App allerdings nutzen kann, ist eine genaue Diagnostik beim HNO-Arzt wichtig. Das ist alles, was die Patienten brauchen, und das zeichnet die Therapie aus. Die Komplexität bleibt im System. Schließlich führen die Patienten zu Hause die Behandlung durch. Die App ist bewusst einfach entwickelt. Die Anwender sehen einen Musikplayer, mit dem sie ihre Stücke abspielen können. Wir möchten niemanden verlieren, weil die Usability nicht gegeben ist.

Kann ich jedes Musikstück mit der App umwandeln?

Land: Umgewandelt werden kann jedes Musikstück. Es wird von uns jedoch geprüft, ob es für die Therapie verwendbar ist. Das wird durch eine Ampel angezeigt, die entweder auf Rot oder Grün steht. Denn nicht jedes Musikstück ist für jeden geeignet. Ein Beispiel: Wenn ein Patient eine sehr hohe Tinnitusfrequenz hat und klassische Musik verwenden möchte – also Musik mit einem sehr dynamischen Klangbild und vielen leisen Passagen – dann funktioniert es nicht. Auch Hörbücher werden gerne ausprobiert. Menschliche Stimmen sind aber schmalbandig und deshalb ebenfalls nicht geeignet.

Warum ist es derzeit nicht möglich Musikstücke zu verwenden, die gestreamt werden?

Land: Wir gehen Schritt für Schritt vor, und das Altersprofil unserer Nutzer legt eher nahe, dass sie noch die eigenen Musikstücke nutzen und nicht streamen. Aber wir betrachten das Feedback unserer Nutzer sehr genau und berücksichtigen deren Wünsche.

Bild: Ansicht der App auf einem Handy; Copyright: Sonormed GmbH
Bild: Ansicht der App auf einem Handy; Copyright: Sonormed GmbH
Bild: Bild: Ansicht der App auf einem Handy. Hier die Darstellung der App bei Kunden der Techniker Krankenkasse; Copyright: Sonormed GmbH

Wie lange soll man die App benutzen?

Land: Das hängt davon ab, wie schnell die Behandlung anschlägt. Unser Vorschlag lautet, die Therapie mindestens 12 Monate durchzuführen. Das erscheint lang, aber wir gehen von einer guten Compliance aus, da wir ein vorhandenes Verhaltensmuster – Musik hören – mit traditioneller Hardware kombinieren. Der beste Effekt einer Therapie nutzt nichts, wenn die Patienten sie nicht wollen.

Die App ist als Medizinprodukt zertifiziert. Welche Voraussetzungen waren dafür nötig?

Land: Wir mussten und müssen alles dokumentieren und sicherstellen. Das heißt, wir haben die App so aufgebaut, dass sie die Voraussetzungen für ein digitales Medizinprodukt erfüllt. Jeder Updatezyklus wird zum Beispiel dokumentiert und ein CE-Test läuft bei jedem Update mit. Alle Prozesse wurden so entwickelt, dass sie die gesetzlichen Verpflichtungen erfüllen. Das macht es zwar manchmal komplizierter, aber es ist unendlich wichtig für unser Produkt. Darüber hinaus ist nicht zu erwarten, dass diese Prozesse in Zukunft einfacher werden. Auch können wir nur dann mit Playern des Gesundheitswesens, wie zum Beispiel der Techniker Krankenkasse, zusammenarbeiten, wenn wir ein Medizinprodukt anbieten.

Sie sprechen gerade an, dass Sie auch mit den Gesetzlichen Krankenkassen zusammenarbeiten. Warum übernehmen noch nicht alle Kassen die Kosten?

Land: Wie in jedem Markt haben wir frühe und späte Marktteilnehmer. Es gibt Versicherungen, die sehr früh mit dabei sein und auch mitgestalten wollen. Andere nehmen sich mehr Zeit. Wenn man Tinnitracks allerdings mit anderen digitalen Lösungen am Markt vergleicht, dann sind wir schon sehr weit gekommen. Im Gesundheitsmarkt ist ein gutes Produkt zwar Voraussetzung, aber nicht immer erfolgsentscheidend. Erfolg stellt sich dann ein, wenn der Marktzugang gelingt und Ärzte das Produkt verstehen und anwenden beziehungsweise verschreiben wollen.

Sie bieten auch Abos an, die privat bezahlt werden. Überprüfen Sie, ob auch hier eine genaue Bestimmung der Tinnitusfrequenz stattgefunden hat?

Land: Bei Patienten, deren Krankenkassen die Kosten übernehmen, ist es eindeutig. Sie bekommen die Aktivierungskarte für die App nur beim Arzt. Dort erfolgten die Diagnostik und die Frequenzbestimmung. Bei Nutzern, die für sich selbst entscheiden, die App nutzen zu wollen, haben wir natürlich keine volle Kontrolle. Aber auch sie müssen ihre Tinnitusfrequenz kennen, um die App nutzen zu können. Das setzt in der Regel den Besuch eines HNO-Arztes oder eines Hörakustikers voraus.

Foto: Simone Ernst; Copyright: B. Frommann

© B. Frommann

Das Interview führte Simone Ernst.
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