Mehr Prävention im bezahlten Fußball

14.08.2015
Foto: Fußballer liegt verletzt am Boden

Im gewerblichen Bereich wäre eine Unfallquote, wie sie im bezahlten Fußball beobachtet wird, vollkommen inakzeptabel; ©panthermedia.net/ rafost1

Zum Start der Fußball-Bundesliga hat die Deutsche Gesellschaft für Arbeitsmedizin und Umweltmedizin (DGAUM) eine Stellungnahme publiziert und fordert dort unter anderem mehr Prävention im bezahlten Fußballsport sowie die Einrichtung einer Task Force zur Reduzierung von Arbeitsunfällen im Fußball.

Für die DGAUM ist es sowohl aus arbeitsmedizinischer Sicht als auch aus der Perspektive einer nachhaltigen Präventionsstrategie fraglich, ob der Umfang dieser hohen Belastung für jeden einzelnen Spieler vertretbar oder gar zu verantworten ist.

Ein guter Maßstab zur Bewertung von körperlichen Überlastungen im Bereich des Sports sind die Anzahl und die Schwere von Sportverletzungen. Da es sich - abgesehen von Bagatellverletzungen - bei Berufsfußballern um Arbeitsunfälle entsprechend Sozialgesetzbuch VII; Paragraf 8, handelt, die dem entsprechenden Träger der gesetzlichen Unfallversicherung, der Verwaltungsberufsgenossenschaft (VBG), angezeigt werden müssen und von dieser zu entschädigen sind, liegen für die Berufsfußballer in Deutschland belastbare Daten vor.

Im Bereich der gewerblichen Berufsgenossenschaften sind im Jahr 2013 bezogen auf 1.000 Vollarbeitskräfte im Durchschnitt 22,50 meldepflichtige Arbeitsunfälle aufgetreten. Bezogen auf einzelne Branchen - ausgenommen der Berufssportler - ereigneten sich die meisten Arbeitsunfälle in der Bauwirtschaft: durchschnittlich 57,32 meldepflichtige Arbeitsunfälle je 1.000 Beschäftigte. Die wenigsten Unfälle dagegen im Verwaltungsbereich, durchschnittlich12,97 meldepflichtige Arbeitsunfälle je 1.000 Beschäftigte. Nach Angaben der VBG beträgt die Unfallquote im Profisport über 2.000 Unfälle pro 1.000 Beschäftigte im Jahr, dies bedeutet, dass im Durchschnitt mindestens 2 meldepflichtige Arbeitsunfälle pro Profisportler und Jahr auftreten. Versichert sind hier alle Sportler, die vom Verein mehr als 200 Euro monatlich bekommen, im Fußball sind das also auch Sportler, die in der 5. oder 6. Liga spielen. Die Gesamtzahl versicherter Profisportler liegt in Deutschland bei 25.000 bis 30.000 Versicherten.

Insgesamt ereignen sich 66% aller Unfälle im bezahlten Sport im Bereich des Fußballs, gefolgt von Handball (16%) und Eishockey (12%).

Beim Fußball treten die meisten Unfälle an der unteren Extremität auf (2013: Unterschenkel beziehungsweise oberes Sprunggelenk: 21,0%; Hüfte beziehungsweise Oberschenkel: 20,2%; Kniebereich: 15,7%; Fuß: 10,7%) gefolgt von der oberen Extremität (2013: Unterarm beziehungsweise Hand: 5,6%; Schulter beziehungsweise Oberarm: 3,6%) und Kopf-/Hals-Bereich (2013: 6,9%).

Im gewerblichen Bereich wäre eine Unfallquote, wie diese im bezahlten Fußball beobachtet wird, vollkommen inakzeptabel. Entsprechende Unternehmen müssten sich gegenüber dem Unfallversicherungsträger und der Gewerbeaufsicht erklären. Gemeinsam würden die Unfallursachen ermittelt, gegebenenfalls sogar ein Betriebsverbot der entsprechenden Betriebseinheit ausgesprochen, bis die Unfallursachen abgestellt beziehungsweise minimiert sind. Im Profifußball ist das allerdings anders: Verletzte Spieler werden - wenn es die Verletzung zulässt - neben dem Spielfeld versorgt, eine schwere Platzwunde getackert und der Spieler wieder ins Spiel zurückgeschickt oder trotz Verletzung eingesetzt. Da kann es dann auch schon einmal vorkommen, etwa beim Finale um die Fußball-WM 2014 in Rio de Janeiro so geschehen, dass ein Nationalspieler wie Christoph Kramer trotz einer Gehirnerschütterung weiter eingesetzt wird und sich anschließend an nichts mehr erinnern kann. Bei schwereren Verletzungen werden Spieler zum Teil nach nur relativ kurzen Behandlungszeiten wieder eingesetzt, was häufig zu erneuten Verletzungen führt.

Prävention im (Profi-)Sport ist nach Auffassung der DGAUM in manchen Bereichen stark unterentwickelt und beschäftigt sich fast ausschließlich mit der Verhaltens-prävention. Wichtige Aspekte und Gesichtspunkte der Verhältnisprävention werden dabei kaum oder nur sehr unzureichend berücksichtigt. Zudem wird Fußball weitgehend ohne Protektoren, bei nahezu allen Witterungsbedingungen gespielt. Die Verletzungsgefahr ist bei ungünstigen Witterungsbedingungen (etwa Hitze wie bei der geplanten Fußballweltmeisterschaft 2022 in Katar, aber auch Kälte und Eis) stark erhöht. Hinzu kommt, dass in den unteren Fußball-Ligen häufig auf für die körperlichen Belastungen ungünstigen und verletzungsfördernden Fußballplätzen gespielt wird.

Deshalb fordert die DGAUM vor dem Start der neuen Bundesligasaison:

- Einrichtung einer Task Force zur Reduzierung von Arbeitsunfällen im Fußball
- Ein sinnvoll gelebtes return-to-competition-Konzept für verletzte Fußballer
- Eine Verbesserung der Verhältnisprävention im Fußball
- Berücksichtigung arbeitsmedizinischer Präventionskonzepte im Profisport
- Umsetzung und Überwachung der gesetzlichen Arbeitsschutzvorgaben auch im Profisport
- Forschung zur Vermeidung von Arbeitsunfällen im Profisport

MEDICA.de; Quelle: Deutsche Gesellschaft für Arbeitsmedizin und Umweltmedizin e.V.

Mehr über die DGAUM unter: www.dgaum.de