Mikrobiomtransfer: Fremder Stuhl heilt schwere Darmerkrankung

Es klingt befremdlich: Bei einem Mikrobiomtransfer wird der Stuhl eines gesunden Spenders in den Darm eines erkrankten Patienten übertragen, um dessen geschädigte Darmflora zu regenerieren. In der Tierwelt ist das völlig normal. Einige Nager resorbieren durch die Aufnahme von Kot lebenswichtige Nährstoffe und Vitamine. Der Stuhltransfer hat sich nun als Standard für die Behandlung von Clostridium difficile etabliert.

05/01/2015

 
Foto: Bakterienstäbchen ©panthermedia.net/ezumimages

Clostridium difficile ist ein obligat anaerobes, gram-positives Stäbchenbakterium, das zur Sporenbildung befähigt ist; © panthermedia/ezumimages

Clostridium difficile ist ein Bakterium, das ganz natürlich im Darm des Menschen vorkommt und zunächst harmlos ist. Clostridien können allerdings in den Vordergrund treten, wenn eine längerfristige Einnahme von Antibiotika die Darmflora angreift oder ganz zerstört. „Antibiotika beeinträchtigen das Mikrobiom im Darm, also die Ansammlung von natürlich im Körper vorkommenden Bakterien. Die schützende Funktion des gesunden Mikrobioms kann dann nicht mehr aufrechterhalten werden“, erläutert Dr. Ulrich Rosien, Leiter der Endoskopie im Israelitischen Krankenhaus in Hamburg.

Clostridien scheiden Toxine aus, die zu schweren Durchfallerkrankungen führen. „Diese können blutig und schmerzhaft sein oder – und das beobachtet man in den letzten zehn Jahren häufiger – sie führen bis hin zur Intensivaufnahme oder selten zum Tod“, sagt Rosien. Hinzu kommt, dass Clostridien zur Sporenbildung neigen. Sie verkapseln sich und sind somit nur schwer zugänglich für Medikamente. Zwar können sie mit spezifischen Antibiotika gut und wirksam behandelt werden, allerdings gibt es Menschen, bei denen die Infektion immer wieder zurückkehrt.

Den Betroffenen mit Stuhltransfer helfen

Der Mikrobiomtransfer greift im Vergleich zur Antibiotikatherapie an einer anderen Stelle an. "Man bekämpft nicht die Clostridien, sondern schafft eine Umgebung, in der sie sich nicht halten und wachsen können. Dafür sorgt das Mikrobiom eines gesunden Menschen, das wir aus dessen Stuhl generieren", erklärt Rosien.

Zunächst wird ein gesunder Spender benötigt, der gründlich untersucht werden muss. "Mit dem Stuhl wird ein Medium übertragen, in dem viele Krankheitserreger stecken können", gibt Rosien zu bedenken. "Das können Durchfallerreger, resistente Darmbakterien, Tuberkuloseerreger, HIV-Infektionen oder Hepatitisviren sein." Außerdem muss die Stuhlspende in einem nächsten Schritt aufbereitet werden. Sie wird mittels Kochsalzlösung aufgeschwemmt und gefiltert.

Der aufbereitete Stuhl wird dann über ein Endoskop, meist im Rahmen einer Dickdarmspiegelung, in den Darm des Patienten gegeben. Der Transfer in den Dickdarm erzielt dabei die besten Resultate. Dort können die Bakterien aus dem Spenderstuhl ihre heilende Wirkung entfalten.

Weitere Anwendungsgebiete des Mikrobiomtransfers

Das Verfahren könnte auch als mögliche Therapie für andere Erkrankungen vielversprechend sein. In einer Blindstudie wurde übergewichtigen Menschen mit einer gestörten Empfindlichkeit gegenüber dem körpereigenen Insulin Stuhl von schlanken Spendern transferiert. „Das Ergebnis war eindeutig, sodass die Verschlechterung der Insulinempfindlichkeit fast komplett aufgehoben wurde und zumindest über mehrere Wochen eine Besserung festgestellt werden konnte“, erläutert Rosien.
Foto: Endoskop © panthermedia.net/Alexandr Malyshev

Mittels eines Endoskops wird der gereinigte und gefilterte Stuhl in den Dickdarm des Patienten eingeführt; © panthermedia.net/Alexandr Malyshev

Auch gegen chronische Darmentzündungen wie Morbus Crohn oder Colitis ulcerosa könnte der Mikrobiomtransfer helfen. Eine randomisierte Studie konnte dahingehend allerdings keine Ergebnisse liefern. Lediglich einige Einzelfälle profitierten von der positiven Wirkung der Übertragung. Rosien gibt sich daher zurückhaltend optimistisch: "Das Mikrobiom ist deutlich verändert bei diesen Arten der Entzündung. Es ist schon lange bekannt, dass milde Formen mit bestimmten Darmkeimen günstig beeinflusst werden können. Allerdings erscheint mir die Beeinflussung eines möglicherweise bereits seit Jahren bestehenden Entzündungsprozesses nur durch einen Mikrobiomtransfer schwierig."

Noch gibt es weitere Hürden, die es zu überwinden gilt: Die langfristige Wirkung sowie Nebenwirkungen des Mikrobiomtransfers sind bisher nicht ausreichend gesichert. Auch die Auswahl der Spender, die Aufbereitung und Übertragung des Stuhls unterliegen keinen qualifizierten Standards.

Nationale Register "MikroTrans"

Die Forschung zum Mikrobiomtransfer steckt noch in den Kinderschuhen. Gastroenterologen und Infektiologen der Universitäten Jena und Köln konzipieren aus diesem Grund das nationale Stuhltransferregister "MikroTrans", das eine langfristige Beobachtung sicherstellen soll. Die internetbasierte Datenbank erfasst Patienteneigenschaften, Details zum durchgeführten Transfer und deren wissenschaftliche Ergebnisse. Nachhaltigkeit und Patientensicherheit stehen im Vordergrund. "Die Intention liegt darin zu beobachten, ob der Mikrobiomtransfer bei Clostridium difficile sich auch für eine breite Anwendung außerhalb spezialisierter Zentren eignet", macht Rosien deutlich.

Feststeht: Das genetische Potenzial des Mikrobioms ist hoch. Bisher ist das Verfahren der konventionellen Behandlung mit Antibiotika insoweit überlegen, dass es bei wiederkehrenden Infektionen mit Clostridium difficile als neuer Standard empfohlen werden kann, so Rosiens Fazit. "Es ist klar, dass das Mikrobiom einen weitreichenden Einfluss auf unseren Körper hat. Man könnte bildhaft sagen, wir sind mit unserem eigenen Körper der Gast und nicht das Mikrobiom."
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Melanie Günther
MEDICA.de