Bild: Mädchen mit Baby 
Wenn die Schwester Eltern-
funktionen übernimmt
© Pixelio.de

Pflegewissenschaftler der Universität Witten/Herdecke haben über 80 Interviews in 34 Familien geführt, in denen ein Angehöriger chronisch erkrankt ist. Wie viele pflegende Kinder es in Deutschland gibt, weiß niemand.

Der Aufholbedarf hierzulande ist enorm, schaut man sich vergleichbare Zahlen aus Großbritannien an. Etwa 1,5 Prozent aller Kinder und Jugendlichen unter 18 Jahren versorgen dort laut einer Volkszählung von 2001 einen pflegebedürftigen Angehörigen. Das sind rund 175.000 Heranwachsende. "Überträgt man die Zahlen auf Deutschland, entspricht dies etwa 225.000 pflegenden Kindern hierzulande, eine Zahl, die uns durchaus realistisch erscheint", schätzt Sabine Metzing, Projektbeauftragte der Studie.

Der Begriff Pflege umfasst hier nicht die medizinische Betreuung und emotionale Unterstützung für die erkrankte Person, sondern zum Beispiel auch das Erledigen von Hausarbeiten. Von klein auf übernehmen die jungen Helfer auch Elternfunktionen. Ein Extrembeispiel hat die Forscher besonders beeindruckt. Ein kleines Mädchen von viereinhalb Jahren, dessen Mutter in regelmäßigen Abständen rheumatische Schübe hat. "Die Kleine kümmert sich in dieser Zeit nicht nur um ihre Mutter, bringt ihr etwas zu essen und zu trinken und hilft bei Toilettengängen, sondern auch um ihre zweijährige Schwester", berichtet Metzing.

Es gibt viele Gründe, warum kaum jemand etwas über die Situation der jungen Helfer weiß. "Dies ist auch ein Problem unseres Gesundheitswesens", erklärt Metzing, "hier wird an vielen Stellen, sei es beim Hausarzt oder den Pflegediensten, weggeschaut." Oft fehlen die Zeit und das Bewusstsein dafür, dass es neben dem chronisch Erkrankten auch eine Familie gibt, die Hilfe benötigen könnte.

Ein weiterer Grund ist die Angst der Betroffenen vor Stigmatisierung. "Viele Kinder haben einen Spießrutenlauf hinter sich", sagt Sabine Metzing. Mobbing in der Schule und soziale Ausgrenzung sind nicht selten. "Es ist ausgesprochener Wunsch dieser Familien, so normal wie möglich weiterleben zu können", erzählt Metzing, "wir wollen ein Konzept entwickeln, wie das umzusetzen ist."

MEDICA.de; Quelle: Private Universität Witten/Herdecke