Missbrauchsopfer lösen sich vom Gefühl des Beschmutzt-Seins

Um das Gefühl des Beschmutzt-Seins bei Missbrauchsopfer zu behandeln, haben Doktor Regina Steil und Diplom-Psychologin Kerstin Jung in der Abteilung Klinische Psychologie und Psychotherapie der Goethe-Universität eine Interventionstherapie entwickelt, die lediglich drei Sitzungen umfasst, und in einer Pilotstudie mit neun Patientinnen sehr gute Erfolge erzielt.

„Ich fühle mich dreckig, besudelt, als würde eine dicke Kruste aus Schmutz meinen Körper bedecken“, so Katja L. (Name geändert). Um dieses Gefühl los zu werden, duscht die 33-Jährige mitunter mehrmals am Tag mit heißem Wasser und schrubbt ihre Haut mit einer Bürste, bis sie rot leuchtet. Das Gefühl beschmutzt zu sein geht zurück auf einen sexuellen Missbrauch durch den eigenen Vater. Wie Katja L. leiden zahlreiche Opfer sexualisierter Gewalt im Kindes- und Jugendalter noch als Erwachsene unter diesem Gefühl.

Bisweilen setzen die Betroffenen harte Reiniger oder Desinfektionsmittel ein, um sich von dem belastenden Gefühl zu befreien; andere vermeiden es, sich zu waschen, weil sie den direkten Kontakt mit ihrem verunreinigten Körper ekelerregend finden. Die spezifische Behandlung, die die Frankfurter nun mehrfach mit Patientinnen erprobt haben, fokussiert gezielt das Gefühl des Beschmutzt-Seins. „Zu Beginn unserer Arbeit haben wir betroffene Frauen im Internet recherchieren lassen, wie häufig sich Hautzellen erneuern. Das geschieht im Durchschnitt etwa alle vier Wochen“, berichtet Steil. Allein die Information, dass sich ihre Haut der Opfer seit dem Missbrauch zahlreiche Male komplett erneuert hat, und die heutige Haut in keiner Weise mehr die selbe ist, die vom Täter berührt wurde, haben viele Frauen als sehr entlastend erlebt.

Andererseits gaben zahlreiche Frauen an, dass sie rational zwar wissen, dass sie nicht schmutzig sind, es sich aber anders anfühle. Das hat die Psychologinnen angeregt, die Information in stärkerem Maß gefühlsmäßig aufzuarbeiten. Im Zentrum der drei Sitzungen umfassenden Kurz-Intervention steht die Imaginationskraft der Klientinnen. Unter Anleitung der Therapeutin entwickeln sie ein Vorstellungsbild, das die Idee eines „erneuerten Körpers“ illustriert, Sauberkeit und Reinheit symbolisiert. „Diese Vorstellung arbeiten wir mit allen Sinnesqualitäten aus.“

Die Pilot-Studie kam zu dem Ergebnis, dass die Methode nicht nur das Symptom des Beschmutzt-Seins erfolgreich reduziert, sondern auch eine positive Rückwirkung auf die Bewältigung des Traumas insgesamt hat. „Insbesondere ungewollte, belastende Erinnerungen an die traumatische Situation wurden mitunter deutlich verringert“, resümiert Steil.

MEDICA.de; Quelle: Goethe-Universität Frankfurt am Main