Mit Muskeltraining gegen Stürze

Foto: Rechtes Hüftgelenk (Ansicht von vorne-seitlich)

Beim Sturz auf die Hüfte spielen
oft mehrere Faktoren eine Rolle;
© Stephen Woods

Mit dem Drahtesel durch die Natur radeln oder Pilze im Wald suchen. Was im ersten Moment entspannend und harmlos klingt, kann für ältere Menschen mit einem Schrecken enden. Denn schon ein leichter Sturz auf die Hüfte reicht manchmal aus, um mit einer Schenkelhalsfraktur im Krankenhaus zu landen. Das betrifft in Deutschland jährlich rund 100.000 Menschen über 65.

Dabei sind die „fitten Alten“ genauso sturzgefährdet wie weniger aktive Senioren oder Bewohner von Pflegeheimen. „Wir wissen, dass viele hochaktive Leute im Alter stürzen“, sagt Doktor Ellen Freiberger, Sportwissenschaftlerin und Gerontologin an der Universität Erlangen-Nürnberg. Der Grund: Fehlende Selbsteinschätzung und ein Hang zum Risiko. „Das gilt auch für 80-jährige, die noch auf die Leiter steigen, um die Dachrinne zu reinigen“, so Freiberger. Rüstige Rentner handelten oft nach dem Motto: Ich habe das immer schon gemacht und mache es heute auch noch. Weniger aktive Menschen hingegen stürzen eher, weil sie untrainierte Muskeln haben.

Schnelle Behandlung gefragt

Endet ein Sturz tatsächlich im Krankenhaus, spielt die Zeit eine große Rolle. „Nach Möglichkeit soll der Patient am Tag nach der Operation schon wieder aufstehen“, sagt Doktor Bernd Gritzbach, leitender Oberarzt der Unfallchirurgie am Universitätsklinikum Heidelberg. Eine kurze Liegezeit verringert das Risiko einer Thrombose oder Lungenentzündung. Aber auch die Muskeln sollen wieder so schnell wie möglich belastet werden, damit sie sich nicht zurückbilden. Das geht aber nur, wenn der gebrochene Knochen belastungsstabil operiert wird. „Entweder wenden wir ein Osteosyntheseverfahren an, bei dem der Knochen mit Schrauben und Nägeln gestützt wird, oder wir setzen eine Prothese ein“, erläutert Gritzbach.

Studien belegen, dass Patienten, die so schnell wie möglich wieder auf die Beine gebracht werden, eine größere Chance haben, in ihr altes Leben zurückzukehren. Dabei spielt die Geriatrie mit ihrer fächerübergreifenden Disziplin eine wichtige Rolle. Der ältere Mensch wird ganzheitlich betrachtet. Es werden die Ursachen eines Sturzes hinterfragt, die oft komplex sind: Schwache Muskeln oder Schwindel, der vielleicht durch Medikamente ausgelöst wurde, ein Sehfehler oder Anzeichen von Demenz oder Parkinson. Doch nur wenige Krankenhäuser haben eine geriatrische Station. In solchen Fällen kann eine Kooperation zwischen Unfallchirurgie und einem Geriatriezentrum helfen. Wenn so eine Möglichkeit nicht besteht, sollte der Patient sehr schnell auf anderem Wege Physiotherapie bekommen.

Wichtig ist vor allem der Muskelaufbau. „Wir haben in einer Studie nachgewiesen, dass Patienten mit einem gezielten Muskeltraining nach einer Operation ein geringeres Risiko haben, noch einmal zu stürzen“, erklärt Doktor Clemens Becker, Chefarzt der Klinik für Geriatrische Rehabilitation am Robert-Bosch-Krankenhaus in Stuttgart. Es werden nicht nur die Muskeln gestärkt, sondern auch Gleichgewicht und Gangsicherheit, der Stoffwechsel in den Knochen wird verbessert und eignet sich damit besonders für Osteoporose-Patienten. Muskeltraining avanciert so zu einer Mischung aus Rehabilitation und Prävention.

Sturzprophylaxe im Verein

„Mit einem Sturz verlieren viele Menschen das Selbstbewusstsein“, sagt die Sportwissenschaftlerin Freiberger. Zu groß ist die Angst vor einem erneuten Sturz – der Beginn eines Teufelskreises. Der Betroffene traut sich nicht mehr auf die Straße, die Muskeln bauen noch mehr ab und die Wahrscheinlichkeit zu stürzen nimmt zu. Ein präventives Muskeltraining beim örtlichen Sportverein kann so ein Szenario in vielen Fällen verhindern. Allerdings ist es nicht einfach, die Zielgruppe zu erreichen. „Viele Menschen verschweigen einen Sturz oder verharmlosen ihn. Sie sagen dann ‚Ich bin gefallen‘ und fühlen sich von Sturzpräventionsprogrammen nicht angesprochen“, so Freiberger weiter. Doch ein kleiner psychologischer Trick kann helfen. „Wenn man das Wort Sturzprophylaxe durch ‚Muskeltraining‘ oder ‚Gleichgewichtstraining‘ ersetzt, spricht das die Menschen mehr an“, erklärt sie.

In England und Neuseeland gibt es solche Kurse flächendeckend. Deutschland ist davon noch weit entfernt. Zurzeit gibt beim Deutschen Turnerbund rund 1.000 speziell ausgebildete Übungsleiter für solche Programme. Nach Einschätzung des Geriaters Becker wären allerdings zwischen 5.000 und 8.000 Übungsleiter notwendig.

Simone Heimann
MEDICA.de