Mobile Assistenzsysteme: "Das Gerät meldet automatisch, dass etwas nicht in Ordnung ist"

Interview mit Dr. Michael Scholles, Head of Business Development and Strategy, Fraunhofer-Institut für Photonische Mikrosysteme IPMS

Im Alter aktiv und mobil sein - wer möchte das nicht? Menschen, die unter Demenz leiden, können davon oftmals nur träumen. Die Angst den Weg nicht mehr nach Hause zu finden oder im Notfall keine Hilfe zu erfahren, führt dazu, dass viele Betroffene ihren Lebensraum stark einschränken. Dabei gibt es viele Menschen, die mit einer leichten Demenz durchaus noch aktiv und selbstständig am Leben teilnehmen könnten.

02.05.2014

Foto: Assistenzsystem, das wie eine Uhr am Handgelenk getragen wird; Copyright: Fraunhofer IPMS

Das Assistenzsystem kann bequem am Arm getragen werden; ©Fraunhofer IPMS

Das Fraunhofer IPMS in Dresden hat nun ein mobiles Assistenzsystem entwickelt, das genau dies möglich machen soll. MEDICA.de sprach mit Dr. Michael Scholles, Head of Business Development and Strategy, am Fraunhofer-Institut für Photonische Mikrosysteme.

Herr Dr. Scholles, das Fraunhofer IPMS war an der Entwicklung eines mobilen Assistenzsystems beteiligt, das man wie eine Uhr am Handgelenk trägt. Was kann das Gerät, was zum Beispiel ein Handy nicht kann?

Dr. Michael Scholles: Sämtliche Funktionen unseres Assistenzsystems lassen sich theoretisch auch in ein Smartphone integrieren. Aber wir möchten eben genau die Personengruppen ansprechen, die nicht mehr über die kognitiven Fähigkeiten verfügen, um ein Smartphone zu bedienen. Das können zum Beispiel Menschen mit einer leichten Demenz sein, die aber gerne trotzdem noch mobil sein wollen und auch können.

Inwiefern unterstützt das Assistenzsystem die Mobilität der Menschen?

Scholles: Unser Mobilitätssystem ist dafür ausgerüstet, in Notfallsituationen zu helfen, etwa indem ein Notruf an eine Notrufzentrale abgeht oder eine zuvor festgelegte Bezugsperson informiert wird, dass der Träger des Gerätes Hilfe braucht. Die Eingabe für das Gerät muss nicht vom Träger selbst getätigt werden, sondern kann vom Pflegedienst, einem Arzt oder der Familie per Internet durchgeführt werden. Als Bezugspersonen können nahe Verwandte fungieren, aber auch die Pflegekraft. Hierfür gibt man über ein Webportal die entsprechende Handynummer in das Assistenzsystem ein. Der Träger muss dann nur noch einen Knopf auf dem Display drücken und die Referenzperson wird informiert.

Stichwort Notfall: Was passiert, wenn der Nutzer nicht mehr in der Lage ist, den Notrufknopf auf dem Touchscreen zu drücken?

Scholles: Aus diesem Grund wurde zusätzlich ein Sturzsensor in das Gerät eingebaut. Das Gerät meldet in solchen Fällen automatisch - nach einer festgesetzten Zeit -, dass etwas nicht in Ordnung ist, beziehungsweise es wird automatisch ein Notruf abgesetzt.
Worauf wurde bei der Entwicklung besonders geachtet?

Scholles: Wir haben in Studien zunächst überprüft, wie die technische Umsetzung aussehen muss, damit das Gerät von der Zielgruppe entsprechend seiner Funktionalität genutzt werden kann. Man muss bedenken, dass neben den kognitiven Einschränkungen auch Sehbehinderungen oder Probleme mit der Handkoordination eine Rolle spielen. Dies galt es, zum Beispiel bei der Gestaltung des Displays, zu berücksichtigen. Darüber hinaus dient das Assistenzsystem auch als eine Art "Wecker". Es kann eine Medikamentenliste angelegt werden, die von Pflegekräften vor Ort ausgelesen werden kann und die sie erinnert, wenn der Patient seine Medikamente nehmen soll.

Haben Sie während des Projektes auch darüber nachgedacht, ob die Aufzeichnung von Biofunktionen, die zum Beispiel wichtig für einen behandelnden Arzt sein können, mit eingeschlossen werden sollen?

Scholles: Technisch ist dies sicherlich möglich, aber es ist für dieses Projekt nicht vorgesehen. Bis zum Projektende, circa Mitte diesen Jahres, wird es darum gehen, die Software zu vervollständigen und das Design zu verbessern, da wir bislang nur einen Prototypen präsentiert haben.

Sie haben das Gerät auf der MEDICA 2013 vorgestellt. Wie waren die Rückmeldungen?

Scholles: Die Rückmeldungen waren durchweg positiv. Wir haben viele Kommentare bekommen, dass ein solches Assistenzsystem eine sinnvolle Sache ist.
Foto: Simone Ernst; Copyright: B. Frommann

© B. Frommann

Das Interview führte Simone Ernst.
MEDICA.de