Muskeln unter Strom

11.03.2015
Foto: Personen beim Krafttraining

Das richtige Krafttraining kann das Gleichgewicht verbessern; © M.A.N.D.U. Amstetten

Kraftraining mithilfe von elektrischen Impulsen lässt sich in Physiotherapie und Rehabilitation einsetzen. Der Strom unterstützt die Muskelaktivität. Das steigert den Effekt des Trainings für Kraft und Ausdauer und wird therapeutisch eingesetzt, etwa um Muskelschwund vorzubeugen. Physiotherapeutinnen der FH St. Pölten haben nun herausgefunden, dass sich so auch das Gleichgewicht trainieren lässt.

Nicht weniger als 656 Muskeln bewegen den menschlichen Körper. Wer Kraft und Ausdauer steigern will, muss trainieren. Durch das gleichzeitige Stimulieren der Muskeln mit Strom über Elektroden auf der Haut, lässt sich der Trainingseffekt steigern. Ob dieser Effekt das Gleichgewicht von Patienten in der Rehabilitation verbessern könnte, hat ein Team um Romana Bichler, Sport-Physiotherapeutin und stellvertretende Leiterin des Studiengangs Physiotherapie an der FH St. Pölten, untersucht.

„Es gibt im Bereich der Sportmedizin bzw. Trainingslehre einiges an Evidenz zum Thema Krafttraining durch Elektrostimulation, allerdings ist die Auswirkung beim Koordinationstraining noch nicht sehr breit erforscht“, erklärt Bichler.

Bei der sogenannten elektrischen Muskelsimulation (EMS) erfolgt die Muskelkontraktion nicht (nur) über einen Impuls des zentralen Nervensystems, sondern vor allem durch einen elektrischen Reiz, der direkt die gezielte Muskelpartie anregt. Der Impuls kommt von einer Elektrode, die auf der Haut über dem zu kontrahierenden Muskel liegt. Die Trainierenden tragen dazu eine Weste und Manschetten über die der Strom großflächig aufgebracht wird.

„Die Stromimpulse sind weder unangenehm noch schmerzhaft. Das Stromgefühl und die Kontraktion der Muskulatur durch den elektrischen Impuls sind lediglich etwas gewöhnungsbedürftig“, sagt Bichler

In einem Projekt gemeinsam mit dem EMS-Trainingsanbieter M.A.N.D.U. hat Bichler untersucht, wie sich Ganzkörperelektrostimulationstraining auf Haltung und Gleichgewicht auswirkt. Dazu wurde ein Trainingskonzept mit koordinativen Übungen in Zusammenwirken mit der Elektrostimulation entworfen und analysiert.

Verglichen hat Bichler ein Kraftausdauertraining mit Langhantel und Theraband und ein EMS-Training nach dem M.A.N.D.U.-Konzept. M.A.N.D.U. ist ein Trainingskonzept, das durch Ganzkörper-Elektrostimulation (Maximal-)Kraft, Schnelligkeit und Ausdauer verbessern kann. Durch ein individuell steuerbares Training ist es möglich, muskuläre Dysbalancen auszugleichen und eine verbesserte Stabilität des Körpers zu erreichen. Das Ergebnis: Beide Methoden sind wirksam, das EMS-Training benötigt aber für den gleichen Effekt weniger Zeit als das Kraftausdauertraining.

„Durch Krafttraining verbessert sich die inter- und intramuskuläre Koordination. Beinkraft und Kraftausdauer sind wichtig für die Sturzprävention. Wir haben untersucht, ob ein Elektrostimulationstraining im Vergleich zu einem Kraftausdauertraining zu einer signifikanten Verbesserung des statischen und dynamischen Gleichgewichtes führt“, sagt Bichler. Die Studie zeigte, dass Elektrostimulation das dynamische Gleichgewicht der erwachsenen Versuchspersonen deutlich verbessert hat. Einsetzen ließe sich dies in der Sturzprophylaxe, Verletzungsprophylaxe und Rehabilitation.

„Die Trainingsmethode kommt aus dem medizinisch-therapeutischen Bereich und wird dort schon sehr lange verwendet. In unserer Arbeit wird die Sturzprophylaxe für ältere Personen ein immer wichtigeres Thema. Eine Studie wie diese mit der FH St. Pölten ist wichtig, um die wissenschaftliche Ernsthaftigkeit zu unterstreichen“, sagt Martina Kies, Betreiberin des M.A.N.D.U.-Studios Amstetten, die gemeinsam mit der FH St. Pölten die Studie durchgeführt hat.

Elektrostimulation wird aber auch schon bisher in der Physiotherapie eingesetzt, z.B. als unterstützende Maßnahme nach Verletzungen zum Muskelaufbau bzw. um Muskelschwund zu verhindern oder zu reduzieren.

Dabei müssen auch einige mögliche Nachteile bedacht werden: Durch den Einsatz des Stroms könnte die Funktion wichtiger neuronaler Regelkreise und Koordinierungssysteme in den Hintergrund treten. Zudem könnten physiologische Schutzmechanismen der Ermüdung durch die elektrischen Impulse außer Kraft gesetzt und Muskeln geschädigt werden. Im Einsatz der Therapie wird dies jedoch berücksichtigt, um die Nachteile zu verhindern.

Als Trainingsmethode wird die Elektrostimulation sowohl von Laien wie Athleten angewandt. „Der Unterschied zeigt sich in der Dosierung, der Durchführung der Übungen sowie in der Übungsauswahl. Wie überall im Training oder Sport ist es auch hier wichtig, die richtige Dosierung zu finden, um den gewünschten Effekt zu erzielen“, so Bichler.

MEDICA.de; Quelle: Fachhochschule St. Pölten