Nachhaltigkeit: Das Krankenhaus im Dreiklang

01/08/2016

Der Mensch hinterlässt einen riesigen ökologischen Fußabdruck auf dem Planeten. Nachhaltigkeit, also ressourcenschonendes und umweltorientiertes Handeln, ist trotzdem noch längst nicht überall angekommen. Gerade der öffentliche Sektor tut sich schwer, denn Nachhaltigkeit braucht eine Anschubfinanzierung, um Prozesse und Technik zu erneuern und umzustellen. Das gilt besonders für Krankenhäuser.

Bild: Luftaufnahme eines großen Krankenhauses in der Stadt; Copyright: panthermedia.net/kruwt

Universitätskliniken, wie Erasmus in Rotterdam, stellen eine Stadt in der Stadt dar. Sie sind ein riesiges System aus Mitarbeitern, Besuchern und organisierten Strukturen und Abläufen. Entsprechend groß ist auch ihre Auswirkung auf die Umwelt; ©panthermedia.net/ kruwt

"Ein Universitätsklinikum ist eine Kleinstadt", sagt Frank Dzukowski, Geschäftsführer der KFE Klinik-Facility Management Eppendorf GmbH. KFE ist eine Tochtergesellschaft des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf (UKE), die sich mit der Versorgung und Instandhaltung der Klinik befasst. Das UKE beschäftigt mehr als 10.000 Mitarbeiter und versorgte 2015 mehr als 386.000 Patienten. "Bei der Versorgung mit Energie arbeiten wir mit signifikanten Budgets, die im zweistelligen Millionenbereich liegen. Alleine aus diesem Grund hat ein Krankenhaus wie wir einen hohen Anreiz, möglichst nachhaltig zu handeln," erklärt Dzukowski.

Rund um das Bestreben, Krankenhäuser umwelt- und ressourcenschonend und nachhaltig zu betreiben, haben sich in den letzten Jahren die Konzepte Green, Green+ und Blue Hospital etabliert. Johannes Dehm vom VDE Verband der Elektrotechnik Elektronik Informationstechnik e. V. erklärt den Unterschied im Interview mit MEDICA.de: "Beim Green Hospital wird in erster Linie Energie gespart. Green+ ergänzt diesen Ansatz um Geschäftsprozesse und Medizintechnik, die weitere Energie- und Materialeinsparungen ermöglichen. Blue Hospital fordert Sparsamkeit in allen Bereichen, die durch die Optimierung der Betriebsabläufe erreicht wird."

Bild: Verschließbarer Behälter für gebrauchte Einmal-Produkte im Krankenhaus; Copyright: panthermedia.net/angellodeco

Neben dem regulären Abfall von Mitarbeitern und Patienten stellt der medizinische Abfall Kliniken vor eine Herausforderung: Er muss besonders sicher entsorgt und vernichtet werden; ©panthermedia.net/ angellodeco

Gesunder Mensch in gesunder Umwelt

Rein technisch betrachtet, sind Krankenhäuser durch Beleuchtung, Heizung und geräteintensive Bereiche wie OPs und Intensivstationen enorme Energiefresser. Sie haben außerdem einen hohen Wasserverbrauch und sind riesige Müllproduzenten - bedingt durch eine große Anzahl medizinischer Einmalprodukte, die gesondert entsorgt oder vernichtet werden müssen, und den regulären Müll, den Mitarbeiter und Patienten produzieren. Das alles verursacht einerseits hohe Kosten, andererseits belastet es die Umwelt. Indirekt wird damit auch das Image eines Hauses belastet. Ein großes Unternehmen kann es sich in unserer Zeit nicht leisten, nicht umweltbewusst zu sein und zu handeln, denn Klimawandel und Umweltverschmutzung gehen ständig durch die Medien. Mit dem Anthropozän wurde inzwischen ein eigenes Erdzeitalter nach unserem Einfluss auf den Planeten Erde benannt.

Nachhaltigkeit im Krankenhaus ist deshalb auch kein neues Thema. "Bereits seit 2011 befasst sich eine Arbeitsgruppe am UKE mit dem Thema Nachhaltigkeit. Wir waren in dieser Hinsicht schon lange vorher tätig, aber das war der Startpunkt für ein strukturiertes, interdisziplinäres Projekt," sagt Dzukowski. Eines der Ergebnisse dieser Arbeit ist unter anderem die Inbetriebnahme eines eigenen Blockheizkraftwerkes, das wesentlich zur Reduktion des Energieverbrauchs und damit auch des CO2-Ausstoßes beiträgt. "Das Blockheizkraftwerk ist speziell für die Anforderungen des Klinikums entwickelt und gebaut worden und versorgt das UKE nicht nur mit Strom, sondern auch zum Beispiel die Kernspintomographen mit Kälte und die Zentralsterilisation mit Dampf," sagte Dzukowski anlässlich der Inbetriebnahme im Jahre 2013. Das UKE konnte sein selbstgesetztes Ziel, den CO2-Ausstoß um 20 Prozent zu reduzieren, damit bereits 2014 erreichen anstatt, wie ursprünglich geplant, 2020.

Bild: Mitarbeiter im Krankenhaus arbeiten im Lager; Copyright: panthermedia.net/Tyler Olson

Nicht nur sparsames Verhalten, auch die richtige Organisation und Logistik tragen dazu bei, das Krankenhaus ökologischer zu gestalten, denn effiziente Prozesse verbrauchen weniger Ressourcen; © panthermedia.net/ Tyler Olson

Nachhaltigkeit ist mehr als Sparen

Nachhaltigkeit äußert sich deshalb nicht nur im Umgang mit Ressourcen und Umweltorientierung, auch die Krankenhauslogistik kann dazu beitragen, dass ein Krankenhaus grüner wird. "Nachhaltigkeit ist ein Dreiklang aus Ökologie, Ökonomie und sozialen Faktoren. Das betrifft zum einen den Baukörper an sich, aber insbesondere auch die Prozesse innerhalb des Krankenhauses," wie Dr.-Ing. Sebastian Wibbeling vom Fraunhofer Institut für Materialfluss und Logistik IML in Interview mit MEDICA.de erläutert. Dazu gehören beispielsweise auch die Organisation des OPs und der einzelnen Stationen, denn "ökologische Prozesse sind effizienter, das heißt, dass dadurch Einsparungen im Bereich der Ressourcen einhergehen. Das können physische Ressourcen wie Rohstoffe sein, aber auch solche wie das Personal oder seine Arbeitsbelastung," so Wibbeling weiter.

Damit wird deutlich, dass Mitarbeiter nicht nur einen Beitrag zur Nachhaltigkeit des Krankenhauses leisten, indem sie die Heizung abdrehen und das Licht ausschalten. Das Management muss auch für sie einen Beitrag leisten und Rücksicht auf ihre Belastung und Belastbarkeit nehmen, um effiziente Prozesse zu realisieren. Ein grünes Konzept bindet in diesem Sinne auch den Menschen und seine Bedürfnisse ein. Das UKE konnte seine Einsparungen zum Beispiel auch durch die direkte Ansprache der Mitarbeiter und ihre Sensibilisierung für ressourcenschonendes Verhalten erreichen.

Nachhaltigkeit - für alle?

Krankenhäuser nachhaltig zu führen, scheint also gut für alle zu sein - die Patienten, die Mitarbeiter, die Betreiber, die Kostenträger im Gesundheitssystem und nicht zuletzt die Umwelt. Warum sind dann nicht alle Krankenhäuser nachhaltig? Sebastian Wibbeling beschreibt den aktuellen Status des Themas: "Nachhaltigkeit wird zurzeit von den Krankenhäusern als nicht besonders wichtig angesehen; gerade die ökologischen Themen werden den ökonomischen Themen untergeordnet. Es stellt sich eher die Frage, inwieweit gesellschaftlicher Druck ausgeübt wird."

Ein ökologisches Auftreten ist für die Öffentlichkeit am stärksten wahrnehmbar und kann dementsprechend auch im Sinne eines guten Klinikmarketings und für die Aufbesserung des Images genutzt werden. Große Industrieunternehmen haben dieses Instrument längst für sich entdeckt. Sie können es sich aber auch häufig leisten, in Nachhaltigkeit zu investieren. Bevor die durchschnittliche Klinik nachziehen kann, muss sie einiges investieren, um den Prozess in Gang zu setzen. Dann aber kann sich Nachhaltigkeit für die ganze medizinische Kleinstadt wieder auszahlen - von innen wie außen.

Bild: Lächelnder Mann mit Brille und Bart - Timo Roth; Copyright: B. Frommann

© B. Frommann

Der Artikel wurde geschrieben von Timo Roth.
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