Nervenschmerzen: Elektronisches Analysetool sichert Qualität

10.09.2015
Grafik: Der menschliche Körper, Schmerzstellen

Neuropathische Schmerzen können nach Läsionen auftreten. Auch der Phantomschmerz nach Amputationen gehört dazu; © panthermedia.net/ lightwise

Die Quantitativ Sensorische Testung (QST) erlaubt eine genaue Analyse der neuropathischen Schmerzsymptomatik. Mit der Zertifizierung zeigen QST-Labore, dass die QST nach standardisierten Kriterien des Deutschen Forschungsverbundes Neuropathischer Schmerz e.V. (DFNS) erfolgt.

Ein entscheidendes Qualitätsmerkmal stellt das gesunde Probandenkollektiv dar: Dank eines neuen elektronischen Algorithmus des DFNS lassen sich nun QST-Messfehler und Fehler beim Einschlussprozedere gesunder Probanden automatisch ermitteln. Bei fünf von 18 europäischen QST-Laboren ließen sich so im Zertifizierungsprozess Fehler analysieren – und die Qualität nachhaltig optimieren.

Um Patienten überhaupt von Gesunden unterscheiden zu können, sind in Studien und diagnostischen Verfahren wie der QST gesunde Probandenkollektive nötig. Die zentrale Datenbank des DFNS e.V. umfasst deshalb neben mehr als 2500 Patienten mit unterschiedlichen neuropathischen Schmerzbildern sowie deren QST-Messwerten auch eine Normdatenbank mit Referenzwerten von etwa 950 gesunden Probanden. "Die Analyse gesunder Probanden liefert uns entscheidende Hinweise auf die Qualität der QST-Messung. Mit unserer Datenbank können wir prüfen, ob die QST-Werte im normalen Referenzbereich liegen. Doch dieser Vergleich ist in der Praxis ein hochkomplexer Prozess, denn wie viele abnorme Werte sind eigentlich noch normal?", so Jan Vollert, Ruhr Universität Bochum.

Die Forscher rückten zur Beurteilung gesunder Probanden solch abnorme QST-Werte in den Fokus. Mittels 431 gesunden Probanden sowie 833 Patienten aus den Datenbanken des DFNS konnten Obergrenzen für die Anzahl abnormer QST-Werte definiert werden. Vollert: "Schließlich konnten wir auf Grundlage der binomialen Wahrscheinlichkeitsverteilung ein elektronisches Analysetool für gesunde Probanden entwickeln, das QST-Messfehler bzw. Fehler beim Einschlussprozess automatisiert ermittelt." Messfehler entstehen, wenn z.B. einzelne QST-Tests nicht standardisiert durchgeführt werden; Fehler beim Einschluss gesunder Probanden bedeutet, dass kranke Probanden als gesund eingeschlossen wurden.

Der Algorithmus ließ sich bei der Zertifizierung von 18 europäischen QST-Laboren mit Kollektiven von je 16 gesunden Probanden validieren. Mit einer Spezifität von 95 Prozent und einer Sensitivität von 60 Prozent deuten mindestens vier abnorme Werte pro Proband auf Fehler beim Einschlussprozedere hin, mindestens sechs abnorme QST-Werte weisen auf Messfehler hin. Prof. Rolf-Detlef Treede, Universität Heidelberg: "Wir konnten bei der Zertifizierung bei fünf von 18 QST-Laboren Einschluss- bzw. QST-Messfehler ermitteln. In den meisten Fällen konnten die Fehler direkt nachgeprüft und leicht behoben werden. Unser Analysetool hilft damit, die Qualität der QST-Labore zu optimieren."

Die standardisierte QST-Batterie des DFNS erfasst mit sieben Tests die Wahrnehmung und das Schmerzempfinden für Kälte, Wärme, feine und spitze Berührungen sowie Vibration und Druck auf der Haut. Sie liefert ein individuelles Sensibilitätsprofil des geschädigten Areals und erlaubt Aussagen, ob die Funktion dünner und/ oder dicker Nervenfasern geschädigt ist. Praktische QST-Schulungen sichern die standardisierte Anwendung. Seit 2008 wurden fast 90 QST-Zentren weltweit nach DFNS-Standard geschult. Die Zertifizierung eines QST‐Labores dient der externen Qualitätssicherung anhand von Struktur-, Prozess- und Ergebnisqualität. Das Qualitätssiegel von Certkom e.V. wurde zusammen mit dem DFNS e.V. erarbeitet.

MEDICA.de; Quelle: Klinikum rechts der Isar der Technischen Universität München

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