Neue Leitlinien für Tourette Syndrom

Die von der „European Society for the Study of Tourette Syndrome“ (ESSTS) bereits verabschiedeten Leitlinien setzen Standards in der Diagnose sowie in der medikamentösen, psychotherapeutischen und in Einzelfällen auch neurochirurgischen Therapie von Kindern und Jugendlichen, die unter Tics leiden.

Der erstmals geschaffene Standard, entstanden unter Federführung von Professor Veit Rößner, Direktor der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie am Universitätsklinikum Carl Gustav Carus Dresden, ist auch die Basis dafür, die Zulassung moderner Psychopharmaka für die Behandlung schwer Betroffener zu erreichen. Erste Studien hierzu sind von den Ärzten und Wissenschaftlern bereits auf den Weg gebracht worden.

Tics werden als spontane, nicht kontrollierbare Bewegungen und Lautäußerungen definiert, die in der schweren chronischen Form als Tourette-Syndrom bekannt sind. In der leichten Form treten Tics bei etwa zehn Prozent der Kinder und Jugendlichen bis 18 Jahren auf und gehören damit zu den häufigsten psychisch-neurologischen Störungen. Bei jedem zehnten Betroffenen wird die Erkrankung chronisch.

„Leichte Formen der Tic-Störung verschwinden innerhalb eines Jahres oft so schnell, wie sie gekommen sind“, berichtet Rößner aus dem Alltag. Auch in der Spezialsprechstunde seiner Klinik stellen besorgte Eltern aus ganz Deutschland Kinder und Jugendliche mit Tics vor. In der Regel denken sie dabei jedoch an eine Störung des Nervensystems und nicht die enge Verbindung zu den vielen begleitenden psychischen Problemen.

Die neue Leitlinie gibt den Psychiatern und Psychotherapeuten in konzentrierter Form Hinweise zur richtigen Diagnose und den erfolgversprechendsten Therapien. Gerade in der leichten Form reicht es oft aus, die Patienten dazu anzuleiten, wie sie mit der Störung umgehen können. Ein Therapiebaustein sind Entspannungsverfahren, da die Tics oft in Stresssituationen auftauchen, wobei emotionale Belastungen verstärkend wirken können. Falls die Betroffenen sehr unter den Tics leiden, ihre schulischen Leistungen sinken oder ihr soziales Umfeld negativ reagiert, empfiehlt die Leitlinie Verhaltenstherapien oder Medikamente sowie in schwersten Fällen des Tourette-Syndroms als neurochirurgische Therapie die Tiefenhirnstimulation. Der verhaltenstherapeutische Ansatz nutzt den Umstand, dass viele Betroffene den sich anbahnenden Tic spüren. Mit diesem Wissen lässt sich dieser mit einer zuvor eingeübten motorischen Gegenantwort abblocken.

Da Kinder und auch viele Jugendliche Probleme damit haben, die Vorzeichen eines Tics richtig zu deuten und ihnen oft auch die Motivation fehlt, permanent gegenzusteuern, werden Medikamente häufiger eingesetzt als die Verhaltenstherapie.

„Leider ist in Deutschland bei Kindern mit Tic-Störungen nur Haloperidol als Medikament zugelassen“, bedauert Rößner, der nicht nur als Koordinator des Leitlinien-Projekts der ESSTS verantwortlich zeichnete, sondern maßgeblich die Vorgaben zur Pharmakotherapie des Tourette-Syndroms erarbeitete. Wegen der Nebenwirkungen wie beispielsweise Sprach- und Schluckproblemen kann Haloperidol die Erlebnisfähigkeit und Emotionalität einschränken, stehen viele Eltern dem Medikament skeptisch gegenüber. Da es modernere Wirkstoffe gibt, die gezielt die im Nervensystem ohnehin vorhandenen Sicherungsmechanismen gegen unwillkürliche Bewegungen verbessern, engagiert er sich für eine Studie, die die Wirksamkeit des Medikaments Tiaprid bei Kindern und Jugendlichen nachweist.

MEDICA.de; Quelle: Universitätsklinikum Carl Gustav Carus Dresden