Neue Welt: Arbeitsplatz Hybrid-OP

Interview mit Dr. Sven Seifert von der Klinik für Thorax-, Gefäß- und endovaskuläre Chirurgie des Klinikums Chemnitz GmbH

Operieren im Hybrid-OP soll für das Personal eine Erleichterung sein und für den Patienten neue Möglichkeiten der Behandlung bieten. Doch was ist eigentlich so anders an diesem hybriden Operationssaal, was kann man erwarten und was sollte man bei der Planung beachten? MEDICA.de hat bei Dr. Sven Seifert, Klinikum Chemnitz, nachgefragt, der das Thema auch auf der MEDICA EDUCATION CONFERENCE 2015 vorstellen wird.

02.11.2015

Foto: Arzt im Kittel - Sven Seifert

© privat

Herr Dr. Seifert, wie wünschen sich Ärzte einen Hybrid-OP?

Sven Seifert: Das ist immer abhängig von der Fachrichtung des Arztes. Ein Neurochirurg wünscht sich einen Hybrid-OP mit einem offenen MRT, ein Gefäßchirurg einen mit der Möglichkeit einer interoperativen 3D-Angiographie. Ein Hybridoperationssaal ist nichts anderes als ein Operationssaal, in dem sie unter hochsterilen Bedingungen zusätzliche technische Verfahren anwenden können, die in einem herkömmlichen OP nicht möglich sind.

Was sind die Vor- und Nachteile eines Hybrid-OP?

Seifert: Es gibt zum einen den großen Vorteil, dass der Hybrid-OP wesentlich mehr Platz bietet und moderner ausgestattet ist als übliche Operationssäle. Es sind bereits technische und bildgebende Geräte implementiert, die sonst erst mühsam herbeigeschafft werden müssten. Man kann vor Ort Bilder mit MR- oder Röntgentechnik erzeugen, Modelle daraus berechnen, diese mit bereits vorhandenen Bildern fusionieren und so Implantate und deren Sitz simulieren. Damit sinkt die Strahlenbelastung für Patient und Personal und die Operation wird exakter und damit sicherer.

Der Nachteil eines Hybridoperationssaals: die Investitionskosten sind erheblich. Natürlich ist ein Hybrid derzeit noch ein Marketinginstrument für Zentren und Krankenhäuser. Patienten fordern solche modernen Medizintechniken letztlich aber auch ein. Nicht jedes Krankenhaus wird sich einen solchen Hybrid-OP leisten können. Insgesamt sind auch die Wartungskosten und der technische Aufwand höher. Andererseits kann der Operateur die Technik selber bedienen, wodurch Personalkosten eingespart werden. Es sind keine Kabel mehr am Boden wie bei mobiler Technik und die Qualität der Sichtbarkeit der Bilder ist um ein Vielfaches höher.
Wurden Sie in der Nutzung des Hybrid-OP länger geschult?

Seifert: Bei uns wurde das gesamte medizinische Personal eine Woche lang nach einem vorher erarbeitetem Zeitplan geschult. Alle Mitarbeiter sind mindestens zwei Mal pro Station geschult worden. Das ist zwingend erforderlich. Nach der Woche haben wir den Tagesbetrieb aufgenommen und wurden von den Herstellern unserer Hybrid-OP-Technik noch weiter begleitet. Die Lernkurve, um sich im neuen OP wirklich sicher zu fühlen, beträgt circa drei bis vier Wochen. Dann kann man die gesamten Basisfunktionen sicher einsetzen, ohne Gefahr zu laufen, dass etwas nicht funktioniert oder eine Gefahr für den Patienten entsteht.

Wurden Sie auch für Notfallsituationen geschult?

Seifert: Es gibt ein Backup-Szenario, für den Fall, dass die Technik komplett versagt. Die Haupttechnik hält natürlich eine Notfunktion bereit. Das heißt, es gibt Notmonitore und ein sehr großes Notstromaggregat, damit man im Notfall eine Operation sicher zu Ende führen kann. Bei kleineren Problemen gibt es natürlich noch Hotlines der Firmen und unsere hauseigene Technik.

Gibt es technische Geräte in Ihrem OP, von denen Sie sagen: "Nett, aber doch nicht das Richtige?"

Seifert: Je tiefer man in die Technik und ihre Möglichkeiten einsteigt, umso mehr kommt man auch auf Ideen, was man noch alles machen könnte. Oder was man sich noch wünschen würde. Dafür interessieren sich natürlich auch die Firmen. Wir haben tatsächlich schon einige Ideen weitergetragen wie man Geräte anders gestalten kann oder wie man Abläufe, zum Beispiel auch bei der Software, besser planen kann. Wir haben zum Beispiel ganz konkret an einem neuen Softwareupdate mitgearbeitet, das jetzt auf den Markt gekommen ist.

Welchen Tipp möchten Sie Kollegen geben, die noch am Anfang der Planung stehen?

Seifert: Fangt frühzeitig mit der Planung an und holt möglichst alle Beteiligten – von der Pflege, der Anästhesiepflege, der Anästhesie, den Operateuren und Schwestern sowie den Technikern und der Geschäftsführung – mit ins Boot. Durchdenkt die Prozesse gemeinsam. Was wollen wir im OP in welcher Häufigkeit und wie tun? Plant das genau. Nicht jeder Hybrid-OP benötigt einen Hygienestandard 1A, also den Standard zur Operation am offenen Herzen.

Der zweite Tipp: Plant nicht zu klein, sondern großzügig. Ein Hybrid-OP sollte mindestens 80 Quadratmeter groß sein. Wichtig ist, dass man sich regelmäßig mit allen trifft und alles genau bespricht. Leider ist es in vielen Kliniken so, dass die Prozesse gar nicht richtig beschrieben sind. Wer macht was? Wer läuft wann von A nach B? Das muss man wissen. Wenn man das überprüft, sieht man schon, was man alles verbessern kann. Darüber hinaus ist eine 3D-Simulation des geplanten Hybrid-OP sehr hilfreich. Die meisten Firmen stellen mittlerweile ein solches Tool. Dort kann man sehen, ob die Zusammenarbeit im OP klappen wird, ob man die Patienten richtig lagern kann, ob der Anästhesist alles gut erreichen kann oder ob der Operateur freie Sicht auf alle Monitore hat. Das fand ich für unsere Planung extrem hilfreich und wichtig.

Foto: Simone Ernst; Copyright: B. Frommann

© B. Frommann

Das Interview führte Simone Ernst.
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