Neuer Ansatz für passive Immunisierung

Photo: Gehirn

Forscher haben eine völlig neuartige
Struktur des Pyroglutamat-Abeta-
Peptids entdeckt und dagegen spezi-
fische Antikörper entwickelt©panther-
media.net/vishnukumar sivaraman

Die Forschungsergebnisse von Professor Thomas Bayer und Doktor Oliver Wirths beruhen auf einer passiven "Impfung" gegen Alzheimer. Als Wirkstoff setzen die Göttinger Forscher einen neu entwickelten Antikörper ein. Neu an dem Ansatz ist: Der Antikörper zielt gerade nicht auf die Alzheimer typischen Eiweißablagerungen im Gehirn, die so genannten "Plaques". Zielscheibe ist vielmehr eine besondere Molekülstruktur, die das Eiweiß "Pyroglutamat-Abeta" ausbildet. Dieses Eiweiß haben die Göttinger Forscher als eigentlichen "Übeltäter" ausgemacht.Mit einem speziellen Antikörper gegen dieses Eiweiß lässt sich schon früh dessen zerstörerische Kraft stoppen.

Die jüngsten Forschungsergebnisse mit einem Mausmodell für die Alzheimer-Erkrankung versprechen einen erfolgreichen neuen Behandlungsansatz.

Bisherige Behandlungsstrategien zielen in erster Linie auf die so genannten Plaques ab. Diese Alzheimer-typischen Eiweißablagerungen bilden sich außerhalb der Nervenzellen. Die Bedeutung der Plaques für den Krankheitsprozess wird jedoch in Fachkreisen kontrovers diskutiert. Ein berühmtes Beispiel dafür ist die amerikanische Nonnenstudie geworden. Die mehr als 600 Nonnen wurden regelmäßig neuropsychologisch getestet. Einige von ihnen entwickelten auch Alzheimer. Überraschend war jedoch, dass sich auch viele "Plaques" im Gehirn von Nonnen befanden, deren Wahrnehmung und Lernfähigkeiten völlig normal waren und keine Anzeichen für Alzheimer hatten. "Wir gehen davon aus, dass Plaques eine Art Mülleimer für das giftige Abeta-Eiweiß sind. Man sollte zwar die Entstehung bekämpfen, aber wenn sie schon vorhanden sind, ist es therapeutisch sinnvoller sie in Ruhe zu lassen", sagt Bayer. "Genau da setzt unser Antikörper an".

Bereits in früheren Studien hatten die Alzheimerforscher in verschiedenen Tiermodellen nachgewiesen, dass entgegen bisheriger Annahmen nicht die Plaques den Tod der Nervenzellen auslösen. Sie fanden Beweise dafür, dass die zerstörerische Kaskade bereits viel früher und im Inneren der Nervenzelle in Gang gesetzt wird.

In der nun veröffentlichen Studie haben die Göttinger Wissenschaftler in einem von Bayer geführten internationalen Konsortium eine völlig neuartige Struktur des Pyroglutamat-Abeta-Peptids entdeckt und dagegen spezifische Antikörper entwickelt. "Diese Antikörper sind weltweit die ersten, die eine lösliche, besonders toxische Abeta-Variante erkennen. Anders als die bisherigen Antikörper, die für Immunisierungen benutzt wurden, binden sie vor allem nicht an Plaques", sagt Bayer.

Die neu entwickelten Antikörper erkennen besonders giftige Verklumpungen von Pyroglutamat-Abeta, so genannte "Oligomere". Diese Oligomere häufen sich im Gehirn von Alzheimer Patienten, dort vor allem in Nervenzellen und an Blutgefäßen an. Dies führt vermutlich zu Schädigungen der Blutgefäße. Die Folge: Die Oligomere können nicht mehr aus dem Gehirn abfließen. "Wir können feststellen, dass die Spiegel der Oligomere im Blut von gesunden Personen hoch sind. Bei Alzheimer-Patienten lassen sich nur niedrige Oligomere-Spiegel im Blut finden, dafür sind sie im Gehirn aber viel höher", sagt Wirths: "Damit eignen sich diese Antikörper als potentielle Biomarker für die Diagnose von Alzheimer im Blut und im Gehirn."

In der aktuellen Studie konnten die Forscher erstmals belegen, dass die passive Immunisierung mit einem Oligomer-spezifischen Antikörper, der Plaques nicht erkennt, erfolgreich war. Im Tiermodell war der Antikörper therapeutisch wirksam und stabilisierte das Lernverhalten. Durch die passive Immunisierung werden Antikörper zugeführt, binden die giftigen Oligomere und machen sie unschädlich. "Mit dieser Form der passiven Impfung können wir vermutlich keine Heilung erreichen, aber unsere Forschungsergebnisse zeigen, dass die Antikörper offenbar das Fortschreiten der Alzheimer-Krankheit stoppen", sagt Bayer.

MEDICA.de; Quelle: Georg-August-Universität Göttingen