Neuer Ansatz gegen erbliche Erkrankung der Nerven

24/09/2015
Foto: Gefärbter Gewebeschnitt

Querschnitt durch eine erkrankte Nervenfaser einer CMT-Modellmaus. Das Axon (Ax) hat seine Markscheide verloren und ist nur noch von der Schwann'schen Zelle (SZ) umgeben; ©AG Martini

Wissenschaftler der Universität Würzburg haben einen vielversprechenden Ansatz für eine Therapie gegen ein erblich bedingtes Nervenleiden entdeckt. Dabei greifen sie nicht auf gentherapeutische Maßnahmen zurück, sondern stoppen Fress-Zellen, die sie als Krankheitsverstärker identifizieren konnten.

Nervenerkrankungen vom Charcot-Marie-Tooth (CMT)-Typ sind genetisch-bedingte Erkrankungen des peripheren Nervensystems, die meist durch den Verlust von Nervenfasern, Muskelschwund und Empfindungsstörungen charakterisiert sind. Die Betroffenen entwickeln zunächst Lähmungen und Muskelschwund der Fuß- und Beinmuskulatur, später dehnen diese sich auf Hände und Unterarme aus. In schweren Fällen sind die Erkrankten deshalb auf den Rollstuhl angewiesen; eine wirksame Therapie existiert bislang nicht.

Das könnte sich in absehbarer Zeit ändern: Wissenschaftler der Neurologischen Universitätsklinik Würzburg haben einen Ansatz entdeckt, der im Tierversuch erfolgreich angewendet werden konnte. Das Team um Prof. Rudolf Martini, Leiter der Sektion "Experimentelle Entwicklungsneurobiologie" an der Neurologischen Klinik, hat diese Ergebnisse jetzt in der Fachzeitschrift Brain veröffentlicht.

"Eigentlich müsste man ja erwarten, dass ein gentherapeutischer Ansatz gewählt werden muss, wenn man eine Erbkrankheit behandeln möchte", erklärt Martini. Diesen Weg haben die Mitarbeiter seiner Arbeitsgruppe allerdings nicht eingeschlagen. Stattdessen blockierten sie einen Rezeptor auf der Oberfläche spezieller Zellen des Immunsystems - sogenannter Makrophagen.

In früheren, jahrelangen Untersuchungen hatten die Wissenschaftler an Modellmäusen zeigen können, dass diese Makrophagen den genetisch angelegten Nervenschaden erst entstehen lassen - "Man könnte sagen: Sie wirken als 'Krankheitsverstärker'", so Martini. Ein spezieller Botenstoff gibt dabei den Makrophagen das Signal zum Angriff auf die Nervenfasern, das Zytokin Colony-stimulating factor (CSF) -1.

"Erstaunlicherweise wird CSF-1 nicht etwa von den mutierten Schwann'schen Zellen selbst, sondern von bislang wenig beachteten Nerv-Fibroblasten exprimiert", sagt Martini. Schwann-Zellen bilden im peripheren Nervensystem die Myelinscheiden, sozusagen die Isolation der markhaltigen Nervenfasern; sie sind ferner essenziell für das Überleben der Nervenfasern und somit für die Funktionserhaltung der Nerven.

Im Fall der CMT-Neuropathien sind zwar mittlerweile rund 80 Krankheitsgene identifiziert, die drei häufigsten Formen dieser Krankheit werden jedoch durch Mutationen von myelin-assoziierten Genen der Schwann'schen Zellen verursacht. Wie die Fibroblasten über den Schwannzell-Defekt informiert werden, ist noch unbekannt; die Wissenschaftler hoffen, den Mechanismus im Laufe zukünftiger Studien entschlüsseln zu können.

In ihrer Studie haben die Wissenschaftler Mäuse, die an CMT erkrankt waren, mit einem synthetischen CSF-1-Rezeptor-Inhibitor gefüttert. In der Folge besserten sich die Symptome bei zwei verschiedenen Formen der CMT deutlich und nachhaltig, ohne dass dabei Nebenwirkungen auftraten. Besonders eindrucksvoll und für Patienten relevant fielen die Ergebnisse in den Muskelkraft-Experimenten aus: "Während die unbehandelten Modell-Mäuse bis zu 25 Prozent ihrer Muskelkraft krankheitsbedingt einbüßen, sind die behandelten Mutanten hinsichtlich ihrer Muskelkraft von genetisch gesunden Mäusen nicht zu unterscheiden", so Martini.

Die Wissenschaftler glauben nun, dass dieser Ansatz auch für die Behandlung von Menschen eine hohe Bedeutung hat. "Ähnliche Inhibitoren sind bereits in klinischen Studien zur Behandlung der Rheumatoiden Arthritis und von verschiedenen Tumoren im Einsatz", erklärt Martini. Langwierige Zulassungsverfahren zum Einsatz des Inhibitors beim Menschen seien somit schon im Gange.

MEDICA.de; Quelle: Julius-Maximilians-Universität Würzburg

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