Therapie: Neuer Impfansatz gegen chronische Infektionen

16.04.2013

Foto: Darstellung einer kokonartigen Struktur in der Leber

In der Leber erfolgt die Expansion der T Zellen. In rot dargestellt sind die Monozyten, welche die T Zell-Expansion unterstützen, und in grün die proliferierenden T Zellen;
© Universität Bonn

Ein internationales Wissenschaftlerteam unter Federführung der Universität Bonn und der Technischen Universität München hat einen Mechanismus entschlüsselt, der nun eine therapeutische Impfung gegen chronische Infektionen möglich macht.

Mit diesen Ergebnissen rückt ein großer Traum der Medizin in greifbare Nähe: Viele chronischen Infektionen, die über langanhaltende Entzündungsvorgänge zu Organschäden führen können, ließen sich bisher noch nicht im Nachhinein mit einer Impfung behandeln.

Die Entdeckung und Entwicklung der Impfung ist eine Erfolgsstory in der Medizin. Mit einem kleinen „Piks“ lässt sich seit vielen Jahren gegen infektiöse Krankheitserreger impfen, welche die großen Seuchen verursacht haben, gegen die die Menschheit früher machtlos war – wie zum Beispiel Pocken, Kinderlähmung, Röteln, Masern und Keuchhusten. „Der Nachteil ist jedoch, dass die Impfung prophylaktisch erfolgen muss, also bevor der Erstkontakt mit dem Erreger stattfindet“, sagt Professor Percy Knolle, Direktor des Instituts für Molekulare Medizin der Universität Bonn. Ein Impfschutz im Nachhinein ist deshalb auch für die verbreiteten chronischen Infektionen mit Hepatitis-Viren nicht möglich. Dabei können sich diese Infektionen zu einer chronischen Leberentzündung mit Organschäden weiterentwickeln und schließlich in eine gefährliche Leberzirrhose oder Leberkrebs münden.

Die Wissenschaftler um Knolle haben mit ihren Kollegen von der TU München/dem Helmholtz Zentrum München sowie weiteren nationalen und internationalen Instituten nun in Tiermodellen eine vielversprechende Entdeckung gemacht. „Wir haben ein neues Impfprinzip gefunden, mit dem auch chronische Infektionen bekämpft werden können“, berichtet Knolle. Durch konventionelle Impf-Verfahren wird das immunologische Gedächtnis in lymphatischen Organen wie Milz und Lymphknoten verstärkt, wodurch es vor allem zu einer Vermehrung von T Zellen kommt, die Erreger wiedererkennen und abtöten können – aber nur wenn dieser Erreger nicht bereits eine chronische Infektion etabliert hat. Dagegen ermöglicht der neue von den Forschern entdeckte Weg eine bisher nicht geahnte starke Proliferation der T Zellen, die dann auch bereits lange bestehende chronische Infektionen eliminieren können.

Das internationale Forscherteam hat die Leber als Ort entdeckt, in dem sich die ursprünglich im Lymphknoten aktivierten T Zellen rasant vermehren können. „In vielen kleinen kokonartigen Räumen in der Leber, die von einer besonderen Population von Immunzellen gebildet werden, werden binnen kürzester Zeit aus einer T Zelle rund 100 weitere Zellen produziert“, sagt Knolle. Diese außergewöhnliche Vermehrung der T Zellen in der Leber ist die Basis für die Effizienz der therapeutischen Impf-Strategie der Wissenschaftler.

„Wir haben hier ein immunologisches Grundprinzip gefunden, dass sich auf verschiedene Anwendungsgebiete übertragen lässt“, resümiert Knolle. Es erscheint als eine verlockende Perspektive, dass sich mit dem entschlüsselten Signalweg nun erfolgreiche therapeutische Impfungen gegen die häufigen chronische Infektionen durch Hepatitis-Viren oder Malaria-Parasiten aber möglicherweise auch gegen Leberkrebs durchführen lassen. Der Immunologe warnt jedoch vor vorschnellen Erwartungen: „Die Durchführung klinischer Tests wird erst in einigen Jahren möglich sein, wenn alle vorbereitenden Untersuchungen abgeschlossen sein werden.“

MEDICA.de; Quelle: Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn