Neues Forschungsprojekt: Interaktive Hilfe für Diabetiker

11/02/2015
Grafik: Prozessdiagramm zum Projekt

Das Diagramm stelt den Prozessablauf des Projektes GlycoRec dar; © PFH Göttingen

Diabetikern im Alltag zu helfen, komplexe Entscheidungen zu treffen und Vorsätze tatsächlich umzusetzen – das ist das Ziel des Forschungsprojektes "GlycoRec". Dabei handelt es sich um ein adaptives, lernendes System, auch interaktives Bio-Life-Logging genannt. Die Koordinationsstelle des vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) mit 1,4 Millionen Euro geförderten Projektes befindet sich an der PFH Privaten Hochschule Göttingen im Bereich Wirtschaftspsychologie.

Diabetes mellitus ist die häufigste chronische Erkrankung in Deutschland. Etwa zehn Prozent der Bevölkerung sind davon betroffen, und es ist mit einer weiteren Zunahme zu rechnen. Schon jetzt ist Diabetes einer der häufigsten Beratungsanlässe in allgemeinmedizinischen Praxen, und in absehbarer Zeit wird der Beratungsbedarf wegen der steigenden Fallzahlen nicht mehr zu decken sein. Gleichzeitig ist es wichtig, dass Patienten sich richtig verhalten, um Folgeerkrankungen zu vermeiden. Insgesamt müssen Diabetiker daher täglich viele Entscheidungen treffen, die etwa Ernährungsgewohnheiten, den Status des Blutzuckerspiegels und die erforderliche Insulindosis oder den allgemeinen Lebensstil betreffen. Gerade ältere Patienten und solche, bei denen die Erkrankung erst kürzlich diagnostiziert wurde, sind damit im Alltag schnell überfordert.

Hier setzt GlycoRec (von "Glycose" und "Recommendation" [also Empfehlung]) an, das Diabetes-Patienten im Alltag bei ihren Entscheidungen unterstützen soll. GlycoRec sammelt individuelle Patientendaten mithilfe einer Reihe physiologischer Sensoren (Blutzucker, Körpergewicht, Blutdruck) sowie Informationen über den individuellen Kontext (zu Hause, unterwegs, im Supermarkt, Wochentag, Tageszeit, Metainformationen von Lebensmitteln). Anschließend erfolgt eine Analyse der aktuellen Situation. Dies lässt sich auf zweierlei Arten nutzen: Erstens kann der Patient die Initiative ergreifen und um Hilfe bei einer Entscheidung bitten. In einem interaktiven Beratungsdialog kann er Alternativen für Ernährung, Aktivitäten und Medikamenteneinnahme vergleichen und deren Konsequenzen durchspielen. Zweitens kann aber auch das System die Initiative ergreifen, etwa weil die prognostizierten Werte einen Toleranzbereich zu verlassen drohen. Auch in diesem Fall kann der Patient individuelle Handlungsoptionen gegeneinander abwägen. Abrufen kann der Nutzer diese Informationen je nach Vorliebe unterwegs über eine Smartphone-App oder zu Hause über Smart-TV.

Das Projekt GlycoRec untersucht, wie Patienten im Alltag besser unterstützt werden können. Durch kontinuierliche Sammlung, Speicherung, Aufbereitung und Analyse physiologischer Daten und Umgebungsdaten werden individuelle Benutzer- und Kontextmodelle entwickelt. Diese erlauben es, sehr viel genauere Prognosen und individuelle Empfehlungen für den Patienten zu geben. GlycoRec stellt eine erweiterbare, integrierte Infrastruktur aus Sensorik, Modellierung und Patienteninteraktion zur Verfügung. Um eine solche Infrastruktur bereit zu stellen, ist es notwendig, neue Technologien und Methoden in der Sensorik, der Modellierung und der Benutzerinteraktion zu entwickeln. Diese werden dazu beitragen, dass Patienten mit ihrer Krankheit besser umgehen können und weniger Folgeerkrankungen entstehen. In diesem Sinne ist GlyoRec ein interaktives Bio-Life-Logging für einen verständlicheren Umgang mit Diabetes. Das Projektteam plant, in drei Jahren einen Prototyp entwickelt zu haben.

Antragsteller und Koordinator des Projektes ist Dr. Stephan Weibelzahl, Professor für Wirtschaftspsychologie an der PFH. Er und sein Team sind für die Entwicklung der Interaktivität und Benutzeroberfläche verantwortlich. Technologiepartner des Projektes ist die Emperra E-Health Technologies aus Potsdam, welche die Server-Infrastruktur für eine zentrale Datenbank sowie einen Teil der Sensorik-Hardware beisteuert. Die Ostbayerische Technische Hochschule Amberg-Weiden entwickelt und erprobt neuartige Sensorik im Hinblick auf deren Nutzen für die Datenmodellierung. Das L3S Forschungszentrum an der Leibniz-Universität Hannover arbeitet an Algorithmen zur automatischen Analyse der Patientendaten. Das Deutsche Diabetes Zentrum schließlich als Anwendungspartner stellt den Zugang zu Patienten und damit eine Relevanzabschätzung sicher.

MEDICA.de; Quelle: PFH Private Hochschule Göttingen