Neues Therapieverfahren bei Säuglingen

Er tritt in den letzten Jahren immer häufiger auf: „Ein Grund dafür liegt sicher in der Erkenntnis, dass die Rückenlagerung eines Säuglings die Gefahr des plötzlichen Kindstodes reduziert. Also werden viele Neugeborene und Kleinstkinder seit einigen Jahren nicht mehr auf den Bauch gelegt. Allerdings können sie in Rückenlage noch nicht aus eigener Kraft ihren Kopf drehen. Und wenn ein Kind etwa sehr lange und regelmäßig in derselben Stellung liegt, kommt es häufiger als früher zu Abflachungen oder Asymmetrien des Kopfes, die durch den Gewichtsdruck beim einseitigen Liegen entstehen. Denn der kleine und junge Schädel kann diesem Druck nicht lange standhalten“, erklärt Professor Robert Rödl vom Universitätsklinikum Münster (UKM). Aufgrund der beobachteten Zunahme richtete er nun eine neue Spezialsprechstunde für betroffene Familien am UKM ein. Dort steht auch ein neues Behandlungsverfahren zur Verfügung.

Konkrete Zahlen, wie viele Säuglinge und Kleinstkinder betroffen sind, liegen noch nicht vor: „Auch das wollen wir klären und wissenschaftliche Daten sammeln. Denn die Angaben schwanken bisher stark. In manchen Arbeiten wird von einem Anteil von bis 20 Prozent ausgegangen, allerdings in unterschiedlichen Schweregraden“, sagt Doktor Henning Tretow, der die Sprechstunde leiten wird.

Er weiß zudem: „Viele Eltern fürchten besonders soziale Nachteile, wenn ihr Kind mit einem schiefen Kopf aufwächst, auch wenn es keine weiteren schwerwiegenden Erkrankungen durch die Kopfasymmetrie hat.“ Beobachtet wurden bislang als mögliche Folgeerkrankungen allerdings auch Muskelspannungs-Veränderungen, psychomotorische Entwicklungsverzögerungen und auch mentale Entwicklungsstörungen.

Bei der Therapie geht die UKM-Kinderorthopädie nun neue Wege: Dort steht jetzt ein neues und im Münsterland bisher einzigartiges Verfahren zur Verfügung, um Schädelabflachungen genau zu untersuchen und, wenn nötig, zu behandeln. „Mit einem 3-D-Scanner wird der Kopf des Kindes in 1,5 Sekunden exakt vermessen, ohne dass Strahlung auftritt oder ein Gipsabdruck genommen werden müsste. Anhand des 3-D-Bildes und der Daten können wir nach einer Vergleichsmessung entscheiden, ob und welche Therapie nötig ist“, sagt Rödl.

Eine Möglichkeit des neuen Verfahrens ist dabei, anhand des 3-D Bildes einen maßgefertigten Helm zu bauen, den das Kind für ca. sechs Monate trägt und der das Wachstum des weichen Schädels so lenkt, dass die Verformung sich ausgleicht. Tretow betont: „Dabei wird kein Druck auf den Schädel ausgeübt, sondern Platz gelassen in die Richtungen, in die der Schädel wachsen soll. Das Wachstum wird gelenkt.“

MEDICA.de; Quelle: Universitätsklinikum Münster