Neurologen behandeln bis zu 2,8 Millionen Patienten pro Jahr

28.09.2015
Foto: MRT-Aufnahmen des Gehirns

Neurologen behandeln bis zu dreieinhalb Mal so viele Patienten, wie in manchen Statistiken registriert ist; ©panthermedia.net/ sudok1

Eine noch unveröffentlichte Studie der Deutschen Gesellschaft für Neurologie (DGN) zeigt, dass Neurologen bis zu dreieinhalb Mal so viele Patienten behandeln wie in manchen Statistiken registriert.

Obwohl überwiegend Neurologen Schlaganfälle behandeln, taucht dieses Krankheitsbild in der üblichen Einteilung nach Fachdisziplinen nicht unter dem Stichwort "Erkrankungen des Nervensystems" auf. Das Gleiche gilt für Kopfschmerzen, Demenzen oder Bandscheibenvorfälle.

"Neurologen schuften sozusagen unter Tage, aber über Tage werden sie zu wenig wahrgenommen", sagte Prof. Ralf Gold, Direktor des Neurologischen Universitätsklinikums in Bochum und erster Vorsitzender der DGN. "Dabei ist die Neurologie die derzeit am schnellsten wachsende medizinische Disziplin", so Gold weiter.

Mit über sechs Prozent wuchs die Neurologie im Jahr 2014 am stärksten unter allen medizinischen Fächern. Die Bundesärztekammer registrierte Ende 2014 erstmals mehr als 6000 Neurologen. 27 Prozent davon sind im niedergelassenen Sektor tätig, 68 Prozent in Kliniken, die übrigen in anderen Bereichen. Die Neurologie hat mit diesem starken Wachstum nun die Urologie (5635 Fachärzte), die Dermatologie (5652) und die HNO-Heilkunde (6083) überholt. Die Anzahl der Neurologen hat sich in etwa 20 Jahren verfünffacht (1993: 1270). Auch der Nachwuchs glänzt laut Bundesärztekammer mit Allzeithochs: Erstmals wurden in einem Jahr mehr als 500 neue Fachärzte für Neurologie zugelassen, darunter 60 Prozent Frauen.

Die internationale statistische Klassifikation der Krankheiten heißt ICD-10. Sie wird häufig zur Erfassung von Krankheitszahlen herangezogen, etwa, wenn es um die Verteilung von Geldern für Wissenschaft, Therapie oder Prävention geht. Im Kapitel G des ICD-10, die "Erkrankungen des Nervensystems" sind lediglich 385 neurologische Diagnosen verzeichnet. In Wirklichkeit behandeln Neurologen aber doppelt so viele, nämlich 734, wie eine aktuelle Analyse von der Universitätsklinik in Marburg unter Leitung von Prof. Dodel (Neurologie) und Jens-Peter Reese (Sozialmedizin) im Auftrag der DGN jetzt zeigt. An weiteren 280 Diagnosen sind Neurologen häufig beteiligt. Das kann möglicherweise Statistiken verzerren: Während nach dem Kapitel G jährlich gerade einmal 0,75 Millionen sogenannte Krankenhausentlass-Diagnosen unter "Erkrankungen des Nervensystems" gezählt werden, sind es bei Einschluss aller ICD-Kapitel bis zu 2,8 Millionen. Bei der Todesfälle-Statistik ergibt sich ein noch drastischere Verschiebung: Laut ICD-10 Kapitel G sind es jährlich 23.766 Todesfälle - angepasst sind es hingegen bis zu bis zu 130.400. Würden allein die Gefäßkrankheiten wie Schlaganfälle, die überwiegend von Neurologen behandelt werden, berücksichtigt, erhöhten sich auch die neurologischen Krankheitskosten in Deutschland von ca. 10,5 auf 18,3 Milliarden Euro. Krankheitskosten entscheiden nicht selten über die Verteilung von öffentlichen Forschungsgeldern.

Regelmäßig führt die Deutsche Gesellschaft für Neurologie eine Strukturdatenumfrage in neurologischen Kliniken durch: Danach stieg die Anzahl der Fälle neurologischer Patienten um zehn Prozent zwischen 2009 und 2013. Gleichzeitig sank die Verweildauer im Krankenhaus auf zuletzt 6,5 Tage pro Fall - das ist um 13 Prozent kürzer als noch 2007. Im selben Zeitraum ging der Erlös pro Fall leicht, aber stetig zurück. "Hier handelt es sich um einen Hamsterradeffekt", so Gold. Weil sich die zukünftigen Fallpauschalen - also die Einnahmen pro Fall - an den aus der Not geborenen sinkenden Kosten orientieren, gibt es bei der nächsten Fallpauschalen-Berechnung wieder weniger Geld pro Fall. "Sinkende Behandlungskosten durch Rationalisierungen führen damit auf Dauer zu deutlichen Risiken in der Versorgungsqualität", warnt Prof. Gold.

MEDICA.de; Quelle: Deutsche Gesellschaft für Neurologie

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