Mehr als zwei Millionen Aussiedler aus der ehemaligen Sowjetunion sind seit 1990 nach Deutschland ausgewandert. In ihrem Ursprungsland herrscht eine hohe Mortalität, in Deutschland sind sie zudem durch die Migration einem hohen physischen und psychischen Stress ausgesetzt. Dies ließ eine erhöhte Mortalität dieser Bevölkerungsgruppe in Deutschland vermuten. Man hat das vor allem für Herz-Kreislauf-Krankheiten und nicht natürliche Todesfälle angenommen. Eine Studie sollte dazu jetzt belastbare Daten erbringen.

Eine Kohorte von 34.393 Aussiedlern wurde vom 1. Januar 1990 bis 31. Dezember 2002 beobachtet. Dabei verglich man die Mortalitätsraten in Russland und Deutschland. Die Wissenschaftler interessierten sich für alle Todesursachen, ausgewählte Krebserkrankungen, kardiovaskuläre Krankheiten und nicht natürliche Todesursachen, jeweils auch im Vergleich zur deutschen Allgemeinbevölkerung.

Zum großen Erstaunen der Studienleiter stellte sich heraus: Die Aussiedler haben eine signifikant niedrigere allgemeine Mortalitätsrate. Insbesondere die Mortalität infolge von Herz-Kreislauf-Erkrankungen bei beiden Geschlechtern und Krebs bei Frauen ist deutlich niedriger als in der deutschen Vergleichsbevölkerung. Nicht natürliche Todesfälle treten bei Männern allerdings signifikant häufiger auf, ebenso Lungenkrebs.

Die erhöhte Rate bei nicht natürlichen Todesursachen lässt sich erklären: Sie weist auf Probleme bei der Integration hin. Die neue Umgebung und die Orientierungsphase in einem neuen Land beeinflussen ebenso wie der Verlust gewohnter Strukturen und Personen die Selbstwahrnehmung und können Bewältigungsstrategien außer Kraft setzen. Gewalttaten können die Folge sein. Außerdem ist die Selbstmordrate vor allem bei Aussiedlern aus der Sowjetunion erhöht.

Die Resultate für Herz-Kreislauf-Krankheiten sind jedoch auch nach Ansicht der Studienleiter äußerst merkwürdig. Sie können nach deren Ansicht mit bekannten Faktoren nicht erklärt werden. Weitre Studien sollen nun klären, warum Aussiedler offenbar gesünder sind als Deutsche.

MEDICA.de; Quelle: Deutsches Ärzteblatt 2007, Vol. 104, S. 1655–1661