Notfall: App alarmiert Ersthelfer

Interview mit Dr. Ralf Stroop, Facharzt für Neurochirurgie und Notfallmedizin sowie 1. Vorsitzender des Vereins Mobile Retter.

08.06.2016

Wird eine Person bewusstlos oder erleidet sie einen Herzstillstand, so können wenige Minuten über Leben und Tod entscheiden. Aber nicht immer kann der Rettungsdienst so schnell vor Ort sein. Um lebenserhaltende Sofortmaßnahmen zu sichern, wurde die App "Mobile Retter" entwickelt, welche einen Ersthelfer in unmittelbarer Nähe des Einsatzortes alarmiert.

Foto: Dr. Ralf Stroop

Dr. Ralf Stroop hatte die Idee zur App "Mobile Retter" © mobile-retter.de

Wie die Idee für die App entstanden ist, welche Voraussetzungen ein Ersthelfer erfüllen muss und wie es um den Datenschutz der Beteiligten steht, erklärt Erfinder und Notarzt Dr. Ralf Stroop im Interview mit MEDICA.de.

Herr Dr. Stroop, Sie haben die App "Mobile Retter" ins Leben gerufen, wie funktioniert sie?

Stroop: Erleidet zum Beispiel eine Person einen Herz-Kreislauf-Stillstand, so informiert eine weitere Person im Idealfall sofort über die 112 den Rettungsdienst. Bis dieser eingetroffen ist, dauert es durchschnittlich sieben bis zehn Minuten. In einigen Fällen ist es dann manchmal zu spät, um helfen zu können. Qualifizierte Ersthelfer in nächster Nähe zum Patienten, welche die App „Mobile Retter“ installiert und sich registriert haben, werden durch die Notrufzentrale über diesen Einsatz informiert. Durch die räumliche Nähe kann der Retter schneller am Einsatzort sein und erste Maßnahmen vornehmen, bevor der Rettungsdienst eintrifft.

Wie kamen Sie auf die Idee für die App?

Stroop: Ich arbeite als Notarzt in einem ländlichen Gebiet. Durch die Entfernung zum nächstgelegenem Krankenhaus kann es zu längeren Wartezeiten kommen, bis der Notarzt eintrifft. Als ich nach Feierabend zu Hause plötzlich das Eintreffen des Rettungsdienstes in der Nachbarschaft hörte, dachte ich mir, dass ich am Einsatzort viel schneller Erste-Hilfe-Maßnahmen hätte einleiten können, wenn ich informiert gewesen wäre. Da jeder heutzutage sein Smartphone immer bei sich trägt, kann man diese Technik nutzen, um Leben zu retten.

Welche Voraussetzungen muss man erfüllen, um sich als Ersthelfer registrieren zu lassen?

Stroop: Neben Notärzten und Rettungsdienstkräften erfüllen unter anderem auch Rettungsschwimmer, Krankenschwestern, Sanitäter oder Feuerwehrkräfte die Voraussetzungen, um ehrenamtlich als Ersthelfer tätig zu werden. Wichtig ist, dass die Personen über eine medizinische Ausbildung verfügen oder eine ehrenamtliche oder berufliche Tätigkeit ausüben, die mit hoher Wahrscheinlichkeit zur Einbindung in rettungsdienstliche Abläufe führt. Vorab werden alle Ersthelfer geprüft. Je nach Ausbildungsstand erfolgen vor dem ersten Einsatz Schulungen und Trainings durch den Verein Mobile Retter.

Unsere Mobilen Retter müssen natürlich nicht ständig einsatzbereit sein. Die App verfügt über eine Pausenfunktion, mit der man die Einsatzzeiten bestimmen kann.

Foto: Hand hält Smartphone, im Hintergrund vier kleine Bilder mit Einsatzsituationen

Wird der Mobile Retter alarmiert, so hat er 20 Sekunden Zeit den Einsatz zu bestätigen, andernfalls wird der nächstgelegene Ersthelfer alarmiert; © mobile-retter.de

Wie viele Ersthelfer haben sich bereits registriert?

Stroop: Es gibt mittlerweile mehrere Kreise, die das System nutzen. Dazu gehört der Kreis Gütersloh, Germersheim und seit kurzem auch der Landkreis Unna. In diesen drei Gebieten gab es im Mai 2016 über 600 registrierte mobile Retter.

Über 650 Einsätze konnten bisher erfolgreich absolviert werden. Zwei Personen wären ohne die Sofortmaßnahmen der Ersthelfer verstorben.

Lässt sich die App auf jedem Smartphone installieren?

Stroop: Die "Mobile Retter"-App lässt sich auf jedes Smartphone mit einem Android- sowie iOS-Betriebssystem von Apple installieren. Derzeit arbeiten wir daran, dass Besitzer von Windows-Phones die App ebenfalls nutzen können.

Wie gut funktioniert die Navigation mit dem Smartphone?

Stroop: Wir nutzen die integrierte GPS-Ortungsfunktion, die in jedem Smartphone enthalten ist. Ist der Retter nicht ortskundig, so wird er zum Einsatzort navigiert. Unsere App nutzt dafür Google Maps und den Routenplaner, wie viele Menschen dies tagtäglich ebenfalls tun.

Wenn die GPS-Funktion dauerhaft aktiviert ist, werden kontinuierlich Daten aufgezeichnet. Inwieweit kann der Datenschutz gewährleistet werden?

Stroop: Jeder mobile Retter ist vorab darüber aufgeklärt wurden, dass er durch die Aktivierung der GPS-Funktion intermittierend Standortdaten an die Leitstelle sendet. Diese Daten liegen verschlüsselt auf dem Server und nur die zuständige Leitstelle erhält sie. Auch die Daten des Patienten, über seinen aktuellen Aufenthaltsort, sind sicher. Nur die Leitstelle sowie der alarmierte Ersthelfer im Einsatz erfahren den genauen Standort. Ohne den kontinuierlichen Datenaustausch würde die App ihren Sinn und Zweck nicht erfüllen können.

Warum ist die Reichweite der App noch nicht deutschlandweit ausgebaut wurden?

Stroop: Wir befinden uns derzeit im ständigen Austausch mit weiteren Kreisen und Städten, die Interesse an der App haben. Der Ausbau ist noch nicht so dynamisch, wie wir es uns erhofft haben. Viele Interessierte haben Bedenken zum Daten- und Versicherungsschutz. Deswegen veranstalten wir am 16. Juni ein großes Symposium in Gütersloh, um Interessenten über den Sachverhalt und die Vorteile aufzuklären. Unser Ziel ist es, dieses Netzwerk deutschland- und europaweit auszubauen. Durch die Mobilität könnte zum Beispiel ein registrierter Retter aus Germersheim einen Berliner zu Hilfe kommen, wenn er sich gerade dort aufhält. Etwa 10.000 Menschen könnten durch Sofortmaßen laut des Deutschen Wiederbelebungsrates jedes Jahr gerettet werden. Momentan schafft es der Deutsche Rettungsdienst, etwa 5.000 Leben zu retten. Diese Zahl wollen wir mit der App "Mobile Retter" deutlich erhöhen.

Weitere Informationen zur App unter: www.mobile-retter.de
Foto: Lorraine Dindas

© B. Frommann

Das Interview führte Lorraine Dindas.
MEDICA.de