Notfallversorgung muss optimiert werden

26.06.2015
Foto: Ärzteteam rennt durch Krankenhausflur

Die DIVI ist ein Zusammenschluss von mehr als 2000 Anästhesisten, Neurologen, Chirurgen, Internisten, Kinder- und Jugendmedizinern sowie Fachkrankenpflegern und entsprechenden Fachgesellschaften und Berufsverbänden; © panthermedia.net/Tyler Olson

Manchmal ist es nur eine kleine Brand- oder Schnittwunde, nicht selten aber auch eine schwere Unfallverletzung, ein Herzinfarkt oder eine schwere Vergiftung. Mehr als 20 Millionen Menschen kommen in Deutschland jedes Jahr in die Notaufnahmen und Notfallambulanzen deutscher Krankenhäuser, viele Kliniken versorgen schon jetzt mehr als 100 Notfallpatienten pro Tag – Tendenz steigend.

Die Kosten für die Behandlung werden den Krankenhäusern nur teilweise vergütet, da das für Krankenhauspatienten eingeführte DRG-Abrechnungssystem aufgrund seiner Struktur planbare Patienten begünstigt, während die Versorgung von Notfallpatienten hohe Vorhaltekosten erfordert.

Darunter leiden besonders Krankenhäuser, die einen hohen Anteil an Patienten mit Akuterkrankungen aber auch mit chronischen Grunderkrankungen behandeln. Deshalb ging es auf der diesjährigen Klausurtagung der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI) unter der Leitung des aktuellen Präsidenten Prof. Gerhard Jorch in Hannover um das Thema "Perspektiven und Visionen der Notfallmedizin".

Die Zahlen sind alarmierend: Jeder sechste Patient, der in eine Notaufnahme kommt, ist lebensbedrohlich erkrankt oder verletzt. Da die Bevölkerung in Deutschland immer älter und dadurch kränker wird, ist zukünftig mit einem noch größeren Patientenaufkommen in den Notaufnahmen zu rechnen. "Deshalb ist es unser Ziel, eine flächendeckende Verbesserung und nachhaltige Finanzierung der Versorgung von Patienten mit akuten Erkrankungen und Verletzungen zu erreichen", sagt Privat-Dozent Dr. Hans-Jörg Busch. "Der Notfallmedizin sollte als grundlegendes Element der öffentlichen Daseinsvorsorge eine angemessene Priorität im Gesundheitswesen und eine entsprechende eigenständige Finanzierung eingeräumt werden." Interdisziplinäre Notaufnahmen, idealerweise in enger Zusammenarbeit mit den kassenärztlichen Notdiensten und dem Notarzt- bzw. Rettungsdienst, sind dafür am besten geeignet. Es müssen dabei Modelle entwickelt werden, die dem jeweiligen Leistungsvolumen der Krankenhäuser gerecht werden.

"Eine optimale Patientenversorgung erfordert die fachärztliche Kompetenz aus den Fächern Anästhesie, Innere Medizin, Chirurgie, Neuromedizin und Kinderheilkunde mit spezieller notfallmedizinischer Schulung wie sie bereits jetzt durch das DIVI-Curriculum Notfallmedizin erfolgt und perspektivisch mit einer Zusatzweiterbildung Notfallmedizin durch die Bundesärztekammer geplant ist", erklärt Prof. Andreas Seekamp, Sprecher der DIVI-Sektion "Interdisziplinäre Notaufnahme". "Deshalb wäre es überaus sinnvoll, wenn Ärzte unterschiedlicher Fachrichtungen bereits während ihrer Weiterbildung verpflichtend eine angemessene Zeit in einer zentralen Notaufnahme arbeiten würden. Hinzu kommen infrastrukturelle Notwendigkeiten, wie die Beseitigung baulicher Defizite und auch eine bessere Kommunikation aller Beteiligten." Denn nur so lassen sich aus Expertensicht die Aufgaben der Notfallmedizin optimal umsetzen.

"Eine große Hilfe können gerade bei zeitkritischen Notfällen interdisziplinär und interprofessionell mit den wesentlichen an der notfallmedizinischen Versorgung Beteiligten abgestimmte Algorithmen sein", erklärt Professor André Gries. "Die Medizin hat das von der Luftfahrt übernommen: Es handelt sich um Checklisten, die die notwendigen Diagnostik- und Behandlungsabschnitte, die optimalen medizinischen Maßnahmen, aber auch organisatorische Punkte in zeitlicher Folge vorgeben und gerade auch bei einem hohen Aufkommen von Akutpatienten ein wertvolles Werkzeug sein können."

Man geht Punkt für Punkt die Checkliste durch, um dem Patienten zu helfen. "Natürlich können Algorithmen nicht die notfallmedizinische Qualifikation und Erfahrung ersetzen", sagt der DIVI-Experte. "Sie können aber gerade jüngeren Kollegen dabei helfen, auch in einer unübersichtlichen Situation – und die Herausforderungen in einem Notfall sind nicht selten ungeordnet bei gleichzeitig extrem schnellem Handlungsbedarf – strukturiert zu handeln. Dennoch: Im Vordergrund steht eine gute Qualifikation, weshalb die DIVI auch eine Zusatzweiterbildung für Notaufnahmen bei der Bundesärztekammer beantragt hat."

Fazit: Angesichts der stetig steigenden Zahl an Notfällen, vor allem bei älteren Menschen und der gleichzeitig sinkenden Bettenzahl, steht die Notfallmedizin vor großen Herausforderungen – sowohl medizinisch als auch finanziell. Es besteht Handlungsbedarf.

MEDICA.de; Quelle: Deutsche Interdisziplinäre Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin e. V.

Mehr über die DIVI unter: www.divi.de