OP-Checklisten: Patientensicherheit zum Abhaken

Interview mit Daniela Renner, wissenschaftliche Mitarbeiterin, Ärztliches Zentrum für Qualität in der Medizin (ÄZQ)

Nach einer Operation stellt sich heraus, dass statt des rechten das linke Knie behandelt wurde. Solche Verwechslungen passieren zwar selten, können jedoch schwerwiegende Folgen haben – sowohl für den Patienten, als auch für das Image des Arztes und des Krankenhauses.

08.09.2014

Foto: Junge Frau mit kurzen, dunklen Haaren - Daniela Renner

Daniela Renner; ©ÄZQ

Das Ärztliche Zentrum für Qualität in der Medizin (ÄZQ) veröffentlichte nun neun OP-Checklisten, die helfen sollen, Verwechslungen von Patienten und Eingriffsarten zu vermeiden. Daniela Renner, wissenschaftliche Mitarbeiterin im ÄZQ, erklärt, wie die Checklisten entstanden und wie sie zur Verbesserung der Patientensicherheit in Krankenhäusern beitragen.

Wie oft kommt es zu einer Patientenverwechslung, einer Verwechslung der Eingriffsart oder des Eingriffsorts in Operationssälen?

Daniela Renner
: In Deutschland gibt es momentan keine verlässlichen Zahlen darüber. Vor allem gibt es keine Angaben zu Beinahe-Verwechslungen. Denn es muss nicht gleich das falsche Bein abgenommen werden, es ist schon schlimm genug, dass zum Beispiel ein Patient fälschlicherweise eine Narkose bekommt, dies vor dem Hautschnitt rechtzeitig bemerkt wird und es gerade nochmal gut gegangen ist. Wir haben lediglich eine Auswertung der Ecclesia-Versicherung, die über zehn Jahre lang in 247 deutschen Krankenhäusern durchgeführt wurde. In dieser Zeit kam es zu 104 gemeldeten Patienten- beziehungsweise Eingriffsverwechslungen.
In internationalen Studien, die sich auf westliche Gesundheitssysteme beziehen, wird die Rate von solchen Verwechslungen auf 1 zu 3.000 beziehungsweise 1 zu 30.000 Operationen beziffert. Die Häufigkeitsunterschiede sind abhängig von der Fachdisziplin.

Was sind die Hauptgründe dafür, dass solche Verwechslungen passieren?

Renner
: Die Behandlung inklusive Operation ist ein hochkomplexer Prozess, der sehr viele einzelne Arbeitsschritte mit vielen Beteiligten beinhaltet und einen langen Zeitraum umfasst. Er fängt bei der Aufnahme des Patienten an und geht bis zum OP-Schnitt – dazwischen ist extrem viel Personal aus unterschiedlichen Berufsgruppen und Hierarchieebenen beteiligt. Dies bietet ein großes Potenzial für Kommunikationsprobleme, unklare Verantwortlichkeiten und Zuständigkeiten sowie nicht klar definierte Planprozesse.

2006 hat die Weltgesundheitsorganisation (WHO) das High 5s-Projekt initiiert. Im Rahmen des Projektes wurden von 2010 bis 2013 in mehreren Ländern OP-Checklisten getestet. Wie wurde das Projekt in Deutschland durchgeführt?

Renner
: Ziel des High 5s-Projekts ist die Implementierung und Evaluation von standardisierten Handlungsempfehlungen zur Verbesserung der Patientensicherheit in Krankenhäusern. In Deutschland konnten wir mit Förderung des Bundesministeriums für Gesundheit 16 Krankenhäuser für die Umsetzung der Handlungsempfehlungen gewinnen. Das zentrale Instrument dieser Handlungsempfehlung ist die OP-Checkliste, die zunächst übersetzt und individuell an die Krankenhäuser angepasst wurde.

Die nationalen Koordinationsstellen für das Projekt in Deutschland sind das Ärztliche Zentrum für Qualität für Medizin (ÄZQ) und das Aktionsbündnis Patientensicherheit (APS). Das ÄZQ ist für die Gewinnung der Krankenhäuser und die Implementierung der Handlungsempfehlungen zuständig. Das Institut für Patientensicherheit der Universität Bonn (IfPS) ist im Auftrag des APS für die Evaluation zuständig.
Foto: Schwester hakt eine Liste im OP ab

In den OP-Checklisten werden mehrere Prozessschritte abgefragt, die auf die verschiedenen Bedürfnisse einzelner Fachbereiche abgestimmt sind; ©panthermedia.net/ Wen Hui Wang

Nun hat das ÄZQ nach Ablauf der dreijährigen Projektphase neun OP-Checklisten veröffentlicht. Wie entstanden die unterschiedlichen Versionen?

Renner
: Die neun Checklisten enthalten Punkte zur Prävention von Eingriffsverwechslungen, die im High 5s-Projekt gefordert sind. Sie wurden mit neuen Inhalten kombiniert, die sich durch die Bedürfnisse der verschiedenen Fachdisziplinen und Krankenhäuser ergeben haben.

Welche Prozessschritte werden in den OP-Checklisten abgefragt?

Renner
: Die international erstellte standardisierte Handlungsempfehlung besagt, dass Verwechslungen bei OP-Eingriffen durch drei sich ergänzenden Prozessschritte vermieden werden können. Das sind der präoperative Verifikationsprozess, die Markierung des Eingriffsorts und das Team-Time-Out unmittelbar vor Beginn des Eingriffs. Alle diese Prozessschritte werden über die High 5s-Checkliste dokumentiert. Die Checkliste dient also auch der Prozessdokumentation. Das heißt aber nicht, dass dort nur diese drei Punkte enthalten sein dürfen. Bei unseren neun Checklisten-Versionen werden auch andere Prozessschritte abgefragt, die den verschiedenen Bedürfnissen der Fachbereiche und Einrichtungen entsprechen.

Wer füllt die Checkliste aus und sind Krankenhäuser verpflichtet, sie anzuwenden?

Renner
: Die Checkliste geht im Prinzip mit dem Patienten mit. Sie fängt bei der Aufnahme des Patienten in die Chirurgie an und endet beim Team-Timeout unmittelbar vor dem Eingriff. Bei jeder Zwischenstation muss der jeweilige Verantwortliche seinen Teil der Checkliste „abhaken“ und unterschreiben. Anschließend wird die Checkliste Bestandteil der Patientenakte.

In vielen Krankenhäusern sind OP-Checklisten bereits ein Standard. Momentan sind sie jedoch nicht verpflichtend. Im aktuellen Koalitionsvertrag steht allerdings, dass OP-Checklisten als Sicherheitsstandard eingeführt werden sollen. Es ist jedoch noch nicht abzusehen, ob eine verpflichtende Nutzung wirklich durchgesetzt wird.

Gerade ist das ÄZQ dabei, die während der Projektphase gesammelten Daten auszuwerten. Können Sie jetzt schon erste Ergebnisse nennen?

Renner
: Wir haben Daten von über 150.000 Checklisten gesammelt. Zusätzlich wurden auch die Krankenhausvertreter regelmäßig nach ihren Implementierungserfahrungen gefragt: Wo gab es Probleme mit der Umsetzung, wie konnten die Hindernisse überwunden werden, was waren fördernde Faktoren, was für Empfehlungen gibt es für andere etc. Hier befinden wir uns gerade noch in der Auswertungsphase. Wir haben schon diverse Poster und Präsentationen dazu veröffentlicht. Zurzeit erarbeiten wir ein Implementierungshandbuch. Wir möchten nämlich für diejenigen, die eine Checkliste einführen wollen, unsere Erfahrungen bündeln und praktische Empfehlungen geben. Das Handbuch wird Anfang nächsten Jahres herausgebracht.
Foto: Michalina Chrzanowska; Copyright: B. Frommann

© B. Frommann

Das Interview führte Michalina Chrzanowska. 
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