Therapien: Ohne Chemotherapie gegen Blutkrebs

12.07.2013
Foto: Labor

Durch die neue Therapie erreichten die Wissenschaftler Zwei-Jahres-Überle-
bensraten von 98 Prozent; © panther-
media.net/darren baker

Im Rahmen einer groß angelegten Studie gelang es deutschen und italienischen Wissenschaftlern, eine seltene Unterform von Blutkrebs bei fast 100 Prozent der Patienten zu heilen – und das ganz ohne Chemotherapie.

Jährlich erkranken etwa 300 Menschen in Deutschland an Akuter Promyelozytärer Leukämie (APL). Der Erkrankung liegt ein fehlerhaftes Gen zugrunde, wodurch das krebsverursachende Fusionsprotein PML-RARα entsteht. Dieses Protein behindert die Weiterentwicklung der weißen Blutkörperchen, die das Knochenmark überschwemmen und die normale Blutbildung verdrängen. Die Folge sind Gerinnungsstörungen mit lebensgefährlichen Blutungen oder Blutgerinnseln. Bisher wird die APL mit einer Kombination aus Chemotherapie und dem Vitamin-A-Derivat All-trans Retinsäure (ATRA) behandelt, welches einen Teil des krebsverursachenden Gens gezielt abbaut. Auf diese Weise können bisher etwa 90 Prozent der APL-Patienten geheilt werden.

In einer an 40 italienischen und 27 deutschen Zentren durchgeführten Studie verglichen Forscher über mehrere Jahre die Standardtherapie mit einer neuen Kombination aus ATRA und Arsentrioxid bei über 160 Patienten.

Die neue Therapie setzt an zwei Stellen des defekten Gens an: Während ATRA den RARα -Teil abbaut, inaktiviert Arsentrioxid den PML-Anteil. Auf diese Weise erreichten die Wissenschaftler Zwei-Jahres-Überlebensraten von 98 Prozent, verglichen mit 91 Prozent bei der Standardtherapie.

Insgesamt träten bei der neuen Therapie zwar etwas häufiger Nebenwirkungen auf, diese seien aber selten lebensbedrohlich, erklärt Professor Michael Lübbert vom Universitätsklinikum Freiburg. „Eine reversible Leberschädigung sowie gewisse EKG-Veränderungen waren durch vorübergehendes Absetzen der Arsen-Therapie immer gut beherrschbar“, erklärt Lübbert, der auch an der Studienplanung beteiligt war. Bei der Standardtherapie kam es hingegen gehäuft zu einer Knochenmarksuppression mit Blutbildveränderungen, die zu einem geschwächten Immunsystem und damit lebensbedrohlichen Infekten führte.

Die neue Therapie sei aber nicht nur besser verträglich, sie dauere auch statt zwei Jahren nur sechs Monate und könne zu einem großen Teil ambulant durchgeführt werden. „Das alles bedeutet einen Zugewinn an Lebensqualität für die Patienten“, sagt Lübbert. „Mithilfe der neuen Kombinationstherapie aus ATRA und Arsentrioxid konnten wir eine Leukämie ganz ohne Chemotherapie heilen. Sie ist ein exzellentes Beispiel für eine genotyp-gesteuerte und molekular zielgerichtete Therapie.“ Experten sind sich einig, dass die neue Kombinationstherapie die bisherige Standardtherapie bald ablösen wird.

MEDICA.de; Quelle: Universitätsklinikum Freiburg