Ohrenstöpsel für Immunzellen

Foto: Gestresstes Gesicht, Finger reiben die Stirn

Cannabis gegen Schmerzen - was
dahinter steckt, erklärten jetzt
Forscher; © SXC

Normalerweise ist Schmerz ein Warnsignal, dass etwas im Körper nicht stimmt. Anders neuropathische Schmerzen: Sie entstehen, wenn die Nerven selbst geschädigt werden. Typisch für neuropathische Schmerzen ist ein Symptom, das Allodynie heißt. Dabei schlägt die betroffene Stelle schon bei kleinsten Berührungen Alarm.

Linderung versprechen laut Studien Extrakte der Hanfpflanze Cannabis. Es war aber bislang nicht ganz klar, worauf die Wirkung genau beruht. „Manche Cannabis-Inhaltsstoffe rufen zudem bekanntermaßen psychische Nebeneffekte hervor“, so Andreas Zimmer von der Universität Bonn. „Bei einem Medikament will man das natürlich nicht.“

Die unerwünschte psychische Wirkung wird durch den so genannten CB1-Rezeptor vermittelt. Das ist eine Andockstelle für Cannabinoide, die vor allem in Nervenzellen vorkommt. Für den Schmerzmittel-Effekt scheint CB1 nicht verantwortlich zu sein. Stattdessen rückt die neue Studie einen nahe verwandten Rezeptor namens CB2 ins Blickfeld. Dieser kommt beispielsweise in Zellen des Immunsystems vor.

Das Forscherteam zeigte, was der CB2-Rezeptor genau bewirkt: Er dient gewissermaßen als Bremse für bestimmte Abwehrmaßnahmen des Körpers. Auf Verletzungen reagieren Nerven nämlich mit einer Entzündungsreaktion. Ohne CB2 würde sich diese immer mehr aufschaukeln und auch auf gesundes Nervengewebe übergreifen. Diese ausufernde Entzündung scheine die Ursache neuropathischer Schmerzen zu sein, erklären die Forscher.

Das Team untersuchte Mäuse, die keinen CB2-Rezeptor besitzen. Bei ihnen kam es nach einer Ischias-Verletzung zu einer heftigen Entzündungsreaktion. Die betroffenen Tiere litten danach häufiger und stärker unter neuropathischen Schmerzen. Eine wichtige Rolle kommt dabei einer Substanz namens Interferon-Gamma zu. Der Körper bildet diesen Botenstoff, um Entzündungsreaktionen zu verstärken. Eine Aktivierung des CB2-Rezeptors scheint diese Interferon-Bildung zu drosseln.

Interferon-Gamma „befiehlt“ normalerweise bestimmten Immunzellen, weitere Botenstoffe auszuschütten. Dadurch schaukelt sich die Entzündung weiter auf. Wird der CB2-Rezeptor aktiviert, verpasst er den Immunzellen gewissermaßen ein Paar Ohrstöpsel: Sie reagieren dann kaum noch auf den Befehl, den das Interferon-Gamma ihnen gibt.

MEDICA.de; Quelle: Rheinische Friedrich-Wilhems-Universität Bonn