Parkinson: Früherkennung als Schlüssel zu neuen Therapien

10.04.2015
Foto: Älterer Mann schläft in Bett

Starke Bewegungen während der Traumphasen können ein Frühzeichen für die Parkinson-Krankheit sein; ©panthermedia.net/ ocskaymark

Riechstörungen, aggressive Träume, Depressionen – solche Frühsymptome können Morbus Parkinson anzeigen, schon zehn oder sogar 20 Jahre vor dem Ausbruch der unheilbaren Nervenkrankheit. Die Forschung setzt daher auf Früherkennung.

"Durch eine frühe Diagnose erhalten wir wertvolle Hinweise auf die Krankheitsentstehung und damit für neue therapeutische Ansätze", erklärt Prof. Heinz Reichmann von der Deutschen Gesellschaft für Neurologie (DGN). Als Vorsorgemaßnahme für den Einzelnen bringt die Früherkennung allerdings noch wenig. "Die Frühsymptome sind lediglich ein Hinweis auf ein erhöhtes Risiko - es gibt bisher aber weder ein verlässliches Kriterium, das mit Sicherheit anzeigt, dass ein Mensch im Laufe der nächsten Jahre Parkinson entwickeln wird, noch Medikamente, die die Entstehung verhindern können", betont Prof. Daniela Berg von der Deutschen Parkinson-Gesellschaft (DPG). Umso wichtiger sei es, dass sich Betroffene bereit erklären, an klinischen Studien teilzunehmen, die durch langfristige Beobachtung ein besseres Verständnis dieser frühen Phase ermöglichen.

Bei der Parkinson-Krankheit gehen insbesondere Nervenzellen zugrunde, die den Botenstoff Dopamin produzieren, der unter anderem die Bewegungskontrolle steuert. Das mittlere Alter bei der Diagnose liegt bei etwa 60 Jahren, etwa zehn Prozent der Betroffenen sind bei Diagnosestellung unter 40 Jahre alt.

Für die therapeutische Wissenschaft ist es durchaus ein strategisches Ziel, die Krankheit möglichst früh zu diagnostizieren. Denn heute wird die Diagnose Parkinson erst dann gestellt, wenn die typischen Bewegungsstörungen offenkundig werden - die Verlangsamung, das Zittern (Tremor), die Muskelsteifigkeit (Rigor) und im Verlauf eine Unsicherheit beim Stehen und Gehen mit der Gefahr, zu stürzen. "Zu diesem Zeitpunkt sind dann aber mehr als die Hälfte der dopaminergen Nervenzellen des Gehirns, die die Bewegungskontrolle beeinflussen, bereits abgestorben", so Reichmann. "Sollte es gelingen, neuroprotektive Therapieverfahren gegen den Tod dieser Nervenzellen im Labor zu identifizieren - und hieran wird unter anderem in Tierversuchen derzeit intensiv geforscht -, dürften diese umso wirksamer sein, je früher wir sie einsetzen können", ergänzt Prof. Wolfgang Oertel, Inhaber der Hertie-Senior-Forschungsprofessor an der Klinik für Neurologie des Universitätsklinikums Marburg. Die Idee der Forschung lautet: Wird die Entwicklung der Krankheit bereits vor ihrer Manifestation erkannt, könnte man früher eingreifen, die Gehirnzellen retten und so eines Tages die chronische und fortschreitende Erkrankung vielleicht sogar verhindern oder aufhalten.

Erst kürzlich hat Anette Schrag vom University College London an einer außerordentlich hohen Anzahl Patienten bestätigt, dass eine Reihe klinischer Symptome bereits viele Jahre vor der Diagnose auf die spätere Parkinson-Erkrankung hindeuten. Ihr Team hat dazu Hausarzt-Aufzeichnungen von mehr als 50.000 Briten nach möglichen frühen Parkinson-Symptomen ausgewertet. Die Forscher identifizierten in einer großen Datenbank 8166 Personen über 50 Jahre, bei denen zwischen 1996 und 2012 die Parkinson-Krankheit diagnostiziert worden war, und stellten diesen zum Vergleich 46.755 gesunde Personen gegenüber. Auf der Suche nach Krankheitszeichen, die bis zu zehn Jahren vor der Parkinson-Diagnose unter den Patienten gehäuft auftraten, erfassten die Forscher die typischen Bewegungsauffälligkeiten, aber auch Funktionsstörungen des autonomen Nervensystems und neuropsychiatrische Störungen. Die retrospektive Analyse ergab: Bereits zehn Jahre vor der Diagnose hatten die späteren Parkinson-Patienten eine nahezu achtfach erhöhte Wahrscheinlichkeit für einen Tremor (Zittern) und doppelt so häufig Verstopfungen im Vergleich zur Kontrollgruppe. Fünf Jahre vor der Diagnose war ein Tremor unter späteren Parkinson-Patienten fast 14-mal so häufig festgestellt worden, niedriger Blutdruck etwa dreimal, und auch Balancestörungen, Schwindel und Harnentleerungsstörungen waren mehr als doppelt so häufig wie in der Vergleichsgruppe. Die späteren Parkinson-Patienten hatten zudem etwas häufiger Depressionen, Fatigue (chronische Müdigkeit), Angst- und Erektionsstörungen.

Auch in Deutschland sind bereits zahlreiche Studien zur Früherkennung von Parkinson durchgeführt worden und noch im Gange. So konnte Prof. Reichmann mit seinen Kollegen zeigen, dass ein einfacher Riechtest wichtige Hinweise auf eine beginnende Parkinson-Erkrankung geben kann. In der von Prof. Berg initiierten TREND-Studie werden 1200 Menschen mit einem oder mehreren möglichen Frühsymptomen seit 2009 regelmäßig untersucht. Prof. Oertel hat ebenfalls mehrere Studien angestoßen, beispielsweise bei Menschen mit REM-Schlaf-Verhaltensstörungen (RBD, Rapid eye movement sleep behaviour disorder). Die Betroffenen setzen ihre - meist aggressiven - Trauminhalte in starke Bewegung während des Schlafs um. Bei gesunden Menschen ist die Motorik in der Traumschlafphase dagegen gehemmt. Wer an dieser speziellen Schlaf-Traum-Störung leidet, wird nach derzeitigem Kenntnisstand mit bis zu 85-prozentiger Wahrscheinlichkeit binnen 15 bis 20 Jahren an Parkinson erkranken. "Wenn neue Therapien getestet werden sollen, dann wird die REM-Schlafverhaltensstörung international derzeit als das spezifischste und geeignetste Frühzeichen der Parkinson-Krankheit eingestuft", sagt Oertel.

Gleichzeitig wird weltweit an therapeutischen Möglichkeiten geforscht, um den Verlauf der Krankheit zu bessern und Nervenzellen zu schützen. Die Symptome können zunehmend gut behandelt werden, etwa durch Medikamente, die das fehlende Dopamin im Gehirn ersetzen, und Hirnschrittmacher. "Man kann heute viele Jahre, zum Teil Jahrzehnte, mit Parkinson leben. Neben der Erforschung von medikamentösen Behandlungsmöglichkeiten müssen wir aber auch versuchen, die Plastizität des Gehirns besser zu verstehen, um diese nutzbar zu machen - also die Möglichkeit zu lernen und somit defizitäre Aspekte zu kompensieren", sagt Prof. Berg. Auch konservative Maßnahmen wie Gehirntraining und Bewegungstherapie spielen nachweislich eine wichtige Rolle, um den Verlauf der Erkrankung zu beeinflussen. Ziel der Bewegungstherapie ist neben der motorischen Aktivität auch, das Gehirn durch die soziale Komponente, etwa beim Tanzen, zu aktivieren. "Die Betroffenen können also auch selbst einiges tun, um den Verlauf der Erkrankung positiv zu beeinflussen. Und wir können unseren Patienten substanziell helfen, indem wir Lebensfreude in die Therapie integrieren", so Berg.

MEDICA.de; Quelle: Deutsche Gesellschaft für Neurologie

Mehr über die Deutsche Gesellschaft für Neurologie unter: www.dgn.org